Auch der neuen Wirtin fehlen die hungrigen Gäste
Es bläst kein Wind am Dienstagmittag bei der Silbergrueb in Mönchaltorf, ansonsten würde der wohl wie in einem Western einen Steppenroller durch die Baustellenkantine von Bettina Lukawsky wehen (siehe Box). Allein sitzt sie rauchend an einem der elf Tische, die rund um ein Chalet und einen Imbissanhänger aufgestellt sind.
«Bis jetzt ist es ein Minusgeschäft.»
Bettina Lukawsky, Wirtin
Lukawsky sass wohl auch gestern schon ähnlich beschäftigungslos unter dem Sonnenschirm am Tisch. Auch dann sei weder um die Mittagszeit noch am Feierabend jemand gekommen. Trotz naher Silbergrueb-Baustelle und grossem Schild an der vielbefahrenen Esslingerstrasse. Auch die etwa 170 Bewohner der fertig gestellten Silbergrueb-Siedlung gehören leider nicht zu ihren Kunden. Schon ihrem Vorgänger und jetzigem Vermieter, Ralf Stadelmann, lief das Geschäft nicht, dass wusste Bettina Lukawsky (wir berichteten). «Bis jetzt ist es ein Minusgeschäft», sagt sie.
Mal süsser mal salziger
Dennoch glaubt die 56-Jährige an den Erfolg und hat von Stadelmann die Kantine gemietet, die sie seit einem Monat alleine betreibt. «Futtern wie bei Muttern» nennt die gebürtige Deutsche ihr Angebot, «Kochen frei nach Schnauze» ihr Handwerk. Heute seien sie etwas süsser, morgen etwas salziger, sagt die Hobbyköchin über ihre Gerichte. Diese haben Namen wie «Mantaplatte» (Currywurst mit Pommes) oder «Arbeiterteller» (Wurstsalat mit Pommes). Auf den Tellern sei was drauf, so Lukawsky. «Miniportionen serviere ich nicht.»
Und überall hängen Zettel. Darauf steht beispielsweise, dass die Currysauce selbstgemacht ist. Das sei ihre Art der Kommunikation neben Facebook, wo sie regelmässig ihre stetig wechselnden Angebote postet. Ideen habe sie viele, sagt Lukawsky. Geräucherte Güggeli und Forellen wolle sie bald anbieten.
Geduld gefragt
Für den Betrieb ihrer Baustellkantine hat Lukawsky ein Wirtepatent von der Gemeinde Mönchaltorf beantragen müssen. Wegen der vielen Tische und Stühle zählt die Anlage als Restaurant und nicht als Imbissbude. Lukawsky ist stolz auf diesen Status: «Ich möchte ein Stück weit über einer normalen Imbissbudenbetreiberin sein. Leider kostete das Patent 400 Stutz», sagt Lukawsky und seufzt.
«Die Schweizer werden bei diesen Preisen skeptisch.»
Bettina Lukawsky, Wirtin
Sie hofft, dass das Geschäft mit der Zeit besser in Fahrt kommt. «Ich muss Geduld haben. Das kann nicht in ein, zwei, drei, vier Wochen laufen.» Die Kantine sei jetzt «ihre Existenz». In ihrem Alter einen anderen Job zu finden sei einfach schwierig. Ganz schlüssig erklären, wieso sie ein Defizitgeschäft übernommen hat, kann sie nicht. Sie versucht es einfach mal. «Ich will nicht reich werden. Mein Essen soll sich jeder leisten können», sagt Lukawsky. Sie wolle nur ihre Kosten gedeckt haben.
Günstiges Essen
In der Tat wird das Essen günstig angeboten. Auf der Tageskarte vom Dienstag kostet ein Baguette mit Nierstückbraten 4.50 Franken oder ein Salat mit Thon, Ei und Käse 7.50 Franken. «Die Schweizer werden bei diesen Preisen skeptisch», sagt Lukawsky und lacht. Den Schweizern müsse sie auch sagen, dass eine Currywurst nicht dasselbe wie eine Bratwurst sei. «Mit der Schweizer Küche bin ich nicht aufgewachsen. Älplermakronen kann ich nicht so gut kochen wie eine einheimische Hausfrau.»
Ein Elektriker wird zum Baustellen-Wirt
30.10.2017

Er führt eine Elektrofirma in Mönchaltorf. Eigentlich. Beitrag in Merkliste speichern Aber Schweizer Küche geht schon auch. Das weiss Harry Hungerbühler, Leiter Bau- und Liegenschaftenverwaltung der Gemeinde Mönchaltorf, der ein Essen für den Verband Bausekretären Zürcher Oberland in Lukawskys Chalet organisiert hat. «Wurst mit Kartoffelsalat haben wir uns gewünscht. Das hat sehr gut geschmeckt und wurde uns wunderbar im Chalet serviert», sagt Hungerbühler.
Fritteuse warmmachen für den Fall
Kurz vor Mittag steht Lukawsky auf und schaltet die Fritteuse an. Ein paar Bauarbeiter laufen am Pavillon vorbei und grüssen freundlich auf ihrem Weg zu den parkierten Firmenbussen. Einige setzen sich in den Schatten der Busse und essen ihre mitgebrachten Brote. Bis 12.30 Uhr bleiben die Kunden aus. Immerhin der Freitagabend laufe nicht schlecht, sagt Lukawsky. Drei bis vier Leute kämen regelmässig in ein Bier, das ab 16.30 Uhr bis 22 Uhr zu haben ist.
Ebenfalls für ein Bier kämen an manchen Wochenenden Jugendliche vorbei. Allerdings nehmen die ihre Biere selber mit, denn Lukawskys Kantine hat dann geschlossen. Die Jugendlichen störten sie nicht, sagt die Wirtin. Lukawsky hat einen eigenen Zettel geschrieben. Sie bittet «die Unbekannten», die Glasflaschen ins Körbli zu legen und die PET in den markierten Sack – «und bitte einen Aschenbecher benutzen».
Zur Person
Die 56-jährige Bettina Lukawsky kommt aus Hannover. Seit 2011 wohnt sie in der Schweiz, sechs Jahre davon in Esslingen. Sie hat als Wellnessmasseurin und Hypnotiseurin gearbeitet. 30 Jahre lang hatte sie in Deutschland einen Bürojob an einem Gericht und hat hin und wieder in Restaurants im Service gearbeitet.
