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Mieses Wifi, Gucci und Instagram-Flirts

Ins neue Bildungszentrum Uster ist Leben eingekehrt: Über tausend Schülerinnen und Schüler von drei Schulen gehen hier seit Frühling ein und aus. Wie lernt es sich im Prestigebau der Ustermer Bildungslandschaft?

Der Prestigebau der Ustermer Bildungslandschaft ist seit Frühling belebt ..., ... hier gehen Gymischülerinnen und Berufsschüler im gleichen Gebäude zur Schule. , Der Bau des Bildungszentrums hat rund 110 Millionen Franken gekostet. Bereits kurz nach der Eröffnung ist der Raum knapp ..., ... die Jugendlichen stört aber vor allem etwas anderes: Es hat keinen Handyempfang im Haus., Darüber, ob sich Berufs- und Kantonsschüler gut verstehen, gehen die Meinungen auseinander., Klar ist: Berührungspunkte gibt es wenig. Nur in der Mensa, die zu Stosszeiten viel voller ist, trifft man sicher aufeinander.

Seraina Boner

Mieses Wifi, Gucci und Instagram-Flirts

Die Eingangstür mit edlem Holzgriff ist schwer. Die Schülerinnen und Schüler, die an diesem Morgen das Bildungszentrum Uster (BZU) betreten, müssen sich dagegenstemmen, um sie zu öffnen.

Die einen gehen in den ersten Stock, wo der Unterricht der Berufsfachschule Uster (BFSU) und der Höheren Fachschule Uster (HFU) stattfindet. Sie machen eine kaufmännische oder eine technische Lehre oder Weiterbildung – als Automatiker, Elektronikerin oder Informatiker. Die anderen gehen einen Stock höher, in die Räume der Kantonsschule Uster (KUS), wo sie das Gymnasium besuchen.

Kein Netz im ganzen Haus

Durch grosse Scheiben ist der Unterricht für alle sichtbar, die durch die Gänge des Neubaus gehen. Im Zimmer 128B unterrichtet Cornelia Thaler eine Klasse von 16- und 17-jährigen KV-Lernenden im Fach «Wirtschaft und Gesellschaft». Vor ihr auf dem Stehpult stehen zwei Laptops. Ein sogenannter Vizualizer projiziert das, was sie schreibt, an die Wand, an der keine Wandtafel hängt.

Plötzlich wird es hell im Raum, dann gleich wieder dunkel. Im Nebenzimmer hat jemand auf den Knopf gedrückt – die Storen von jeweils zwei Zimmern sind aneinander gekoppelt.

«Die Wände sind wohl zu dick.»

Jeanine, KV-Lernende

«Es ist viel moderner hier als in unserem alten Gebäude», sagt Berufsschüler Alessandro. «Ein Upgrade», nennt es sein Mitschüler Steven – im Vergleich zum alten Fabrikgebäude, in dem die BFSU vorher untergebracht war. Auch wenn es durchaus ein paar Fehlkonstruktionen gebe. Zum Beispiel die Storen. Oder, viel einschneidender für die Jugendlichen: Dass es im ganzen Haus kaum Handyempfang gibt. «Das ist das grösste Problem», findet Erjon. Vor allem, weil das WLAN auch nicht richtig funktioniere. «Die Wände sind wohl zu dick», sagt seine Klassenkameradin Jeanine.

Eine Busse für Littering

Das schlechte Netz steht nicht nur der Ablenkung der Schüler während des Unterrichts im Weg, sondern auch diesem selbst: Das BZU soll möglichst digital werden, Papier soll kaum mehr gebraucht werden.

Es gibt deshalb auch keine Papierkörbe in den Schulzimmern – auf den Gängen stehen stattdessen Recycling-Stationen für Papier, Pet oder normalen Abfall. Er verstehe zwar, dass das den Reinigungsaufwand verringern soll, sagt Steven. «Aber stattdessen gibt es mehr Littering in den Zimmern.» Ein Kollege habe auch schon eine Busse kassiert, weil er Abfall in einem Zimmer liegengelassen hatte.

«Die Atmosphäre ist gut»

Einen Stock höher als die Jugendlichen im ersten KV-Lehrjahr sitzt die 5. Gymi-Klasse bei Cinzia Vezzoni und einer Sprachassistentin aus Italien im Italienischunterricht. Die bald volljährigen Schülerinnen und Schüler machen in einem Jahr Matur.

«Das neue Gebäude ist hell und schön», findet Anna-Lea. «Die Atmosphäre ist gut», sagt ihre Kollegin Simge. Der Neubau biete viel: Bibliothek, Fitnessraum, die Mensa, Trinkbrunnen in den Gängen, Veloparkplätze in der Tiefgarage oder genügend Steckdosen in den Aufenthaltsbereichen.

Genauso wie die Lernenden sind auch die Gymi-Schüler nach den Frühlingsferien ins neue Gebäude gezogen. Täglich gehen hier bis zu 1200 Schülerinnen und Schüler ein und aus, diejenigen der Berufsschule an zwei Tagen, die der Kantonsschule jeden Tag. 

Das Bildungszentrum kommt, die Container bleiben

27.03.2019

Ustermer Grossprojekt

Nach drei Jahren Bauzeit wird der Prestigebau der Ustermer Bildungslandschaft, das «Bildungszentr Beitrag in Merkliste speichern In den vergangenen Jahren wurden die 400 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im benachbarten «Parkschulcampus» unterrichtet – oder in den «Containern», wie fast alle die grünen Provisorien trotz offiziell anderer Sprachregelung nennen. Auch heute noch findet dort vor allem für die unteren Klassen noch Unterricht statt, denn der Platz im BZU ist bereits kurz nach der Eröffnung knapp.

Teure Feuerlöscher

«Die Container waren heimeliger», sagt Julia. Dafür sei im neuen Gebäude alles viel «professioneller»: «Die Infrastruktur ist toll, auch wenn jetzt am Anfang noch nicht alles funktioniert.» Oliver findet die Räume «etwas unpersönlich». Und auch hier, im zweiten Stock des rund 110 Millionen Franken teuren Neubaus, fehlt fast allen eines: das Handynetz – oder wenigstens funktionierendes WLAN.

«Die Container waren heimeliger.»

Julia, Gymi-Schülerin

«Vielleicht hat man es hier im Neubau auch etwas übertrieben», sagt Fabian und blickt durch die Glastür auf den Gang, wo ein silberner Feuerlöscher glänzt. Es gehe das Gerücht um, dass dieser 1100 Franken gekostet habe. «Und gleichzeitig haben wir riesige Klassen mit 30 Leuten, weil bei der Bildung gespart werden muss», kritisiert Selina.

Kleider machen Schüler

In den Gängen des BZU liegen Sitzkissen. Sie ähneln grünen und grauen Kieselsteinen in Übergrösse. Ein paar Schülerinnen verbringen hier eine Freistunde mit Blick auf den Innenhof, in dem die Bäume noch klein sind. Auf den weissen Stehtischen liegen Flyer für den «Festtag der Begegnung» (siehe Box).

Daneben, in einem Aufenthaltsraum, der wie alle Räume nur mit Glastüren vom Gang abgetrennt ist, stehen eine vollautomatische Kaffeemaschine und ein riesiger Flatscreen-TV. Ein paar Schüler machen hier Hausaufgaben.

Man sehe es an den Kleidern, wer eine Lehre mache und wer die Matur. Das sagen sowohl jene, die eine Lehre machen, als auch die künftigen Maturanden. Der Kleidungsstil der Kanti-Schüler sei ein bisschen «vintage», findet eine Gruppe von Berufsschülern im 1. Stock.

Eine Kanti-Schülerin im 2. Stock sagt: «Die Berufsschüler können sich teurere Kleider leisten. Gucci und so.» Die unterschiedliche Erscheinung liege daran, dass sich die Lernenden bereits in der «richtigen » Arbeitswelt bewegten, glaubt ihre Kollegin: «Sie müssen sich eleganter anziehen.»

«Es herrscht Krieg»

«Wir haben wenig Kontakt mit den Gymi-Schülern», sagt die KV-Lernende Jana in der Wirtschaft-und-Gesellschafts-Schulstunde und legt den Taschenrechner kurz weg. «Aber auch keine Konflikte», ergänzt ihr Kollege Simon. Berührungspunkte gebe es – ausser in der Mensa, wo das Essen fein, aber der Platz eher knapp sei – wenig.

«Wir haben wenig Kontakt mit den Gymi-Schülern.»

Jana, KV-Lernende

Im oberen Stock, im Italienischunterricht der 5. Kanti-Klasse, klingt es bei Gymnasiastin Nova anders: « Zwischen den Schulen herrscht Krieg.» Man schaue sich komisch an, möge sich gegenseitig nicht. «Die Berufsschüler glauben, wir Gymischüler malen den ganzen Tag nur und spielen Flöte».

«Mega herzig»

Ihre Klassenkollegin Julia wiederspricht: Sie habe mehr Konflikte erwartet. Es herrsche ein «respektvolles Zusammensein» findet auch Raya. «Aber durchmischt sind wir nicht.»

Zumindest nicht in den Gängen des neuen Gebäudes. «Im Schulhaus gibt es zwar nicht so viel Austausch», sagt Gymi-Schülerin Selina. «Aber auf Instagram gibt es mehrere Accounts für das BZU.» «Bzuster.spotted» zum Beispiel. Dort klingt es dann so: «Also ich suech en Typ, ca. 16i, ziemlich gross. Er gaht glaub id Bruefschuel (gseht chli us wie en informatiker haha).» Oder: «Han dich hüt Morge i de Mensa am Mövenpick Glace esse gseh, hesch en rote Rucksack ahgha. Han dich mega herzig gfunde.»

 

Offenes Bildungszentrum
Am Samstag findet im Bildungszentrum Uster der «Festtag der Begegnung» statt. Ab 14.15 Uhr gibt es Reden, Konzerte von Schulbands und Slampoetry, ab 20.30 Uhr legt ein DJ «House und Partytunes» auf. Im Innenhof des neuen Gebäudes gibt es Streetfood- und Unterhaltungsstände. Zum Beispiel wird ein tanzender Roboter zu sehen sein. Zwischen 14.30 und 20 Uhr können Interessierte das Schulhaus individuell besichtigen. Um 23 Uhr geht die Party im Club Härterei weiter – es gibt einen Bus-Transfer nach Zürich.

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