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Adolf Muschg, der Katastrophenberichterstatter

Der preisgekrönte Schriftsteller Adolf Muschg war am Donnerstag zu Gast in der Villa Grunholzer in Uster. Der Autor unterhielt seine Zuhörer mit Erzählungen aus erster Hand von der Nuklearkatastrophe in Fukushima.

Adolf Muschg (mitte) flankiert von Moderatorin Monica Mutti und Übersetzer Theo Votsos., Muschg hat letzte Woche den Gottfried Keller-Preis erhalten., Etwa 35 Zuhörer kamen zur Lesung am Donnerstagabend.

Christian Merz

Adolf Muschg, der Katastrophenberichterstatter

Adolfg Muschg, ein Autor, der schon mit Grössen wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt am Tisch sass, setzte sich am Donnerstagabend in der Villa Grunholzer an ein bescheidenes Holztischchen. Flankiert wurde der 85-Jährige Schweizer Schriftsteller mit internationalem Renommée vom griechischen Übersetzer Theo Votsos und der Moderatorin Monica Mutti vom Übersetzerhaus Looren (siehe Box).

 

Wieso die Übersetzung ins Griechische?
Adolf Muschgs Buch «Heimkehr nach Fukushima» wird zurzeit von Theo Votsos ins Griechische übersetzt. Votsos erzählte in der Villa Grunholzer, dass er Adolf Muschg als Student entdeckt habe. Es sei eine «Offenbarung» gewesen. «Das Buch wollte ich unbedingt übersetzen», so Votsos. Er hat sich dann mit Muschg in Griechenland zusammengesetzt und dabei ist eine Freundschaft entstanden. Mit vier oder fünf Monaten Aufwand rechnet Votsos, um das Buch ins Griechische zu übersetzen – bei zehn Stunden täglicher Arbeit. Votsos hat noch andere Schweizer Bücher übersetzt: zum Beispiel  Werke der Autoren Jeremias Gotthelf und Robert Walser. Zurzeit arbeitet er auch an einer Übersetzung von Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich». 

 

Muschg, der letzte Woche den Gottfried Keller-Preis erhalten hat, las aus seinem Buch «Heimkehr nach Fukushima». Eine Geschichte über die verstrahlte Gegend nach dem GAU, den verzweifelten Versuch der japanischen Regierung, die Bewohner zu einer Rückkehr zu gewinnen, und einen Dorfbürgermeister, der nahe des Unglücksmeiler von Fukushima eine Künstlerkolonie ansiedeln will. Mittendrin ist da noch die Liebesgeschichte der Protagonisten Paul und Mitsuko.

Einladung des Bürgermeisters

Es ist eine Binsenwahrheit, dass bei Autoren persönliche Erfahrungen den Plot oder die Charaktere mitgestalten. Bei Muschg sind diese aber besonders nah, weil er mit einer Japanerin verheiratet ist, und es tatsächlich einen Bürgermeister im betroffenen Gebiet gibt, der die Idee der Künstlerkolonie hatte. Eine Einladung des Bürgermeisters sei der Anstoss für das Buch gewesen.

«Das Gebiet ist eine Alterssiedlung geworden.»

Adolf Muschg, Autor

Muschg unterhielt sich kurz nach der Reaktorkatastrophe in Japan mit dem Bürgermeister, so erzählte er es den gebannten 35 Zuhörern in der Villa Grunholzer. Durch Bekannte seiner Frau liess der Bürgermeister bei Muschg anfragen, «ob es nicht eine gute Idee wäre, eine Künstlerkolonie auf dem verstrahlten Gelände einzurichten.» Muschg sagte: «Damit wäre der Schrecken von der Gegend genommen worden. Genau das, was die japanische Regierung macht, die einen Teil der Olympischen Spiele 2020 in diese Gegend verlegt.»

Reise durchs verseuchte Gebiet

Beim Treffen mit dem Bürgermeister habe er seine Vorbehalte gegen das Vorhaben der Künstlerkolonie nicht verbergen können. Eine schwierige Situation, so Muschg: «Der Bürgermeister musste mit dem Gefühl umgehen, mich zu etwas eingeladen zu haben, das ich als absurd und unmöglich betrachtete.»

«Gegen aussen kann die Regierung heute einen Eindruck sehr grosser Normalität erzeugen.»

Adolf Muschg, Autor

Zusammen mit  seiner Frau, ortskundigen Leuten und Physikern sei er durch das verstrahlte Gebiet gefahren. «Nicht unmittelbar zu den Weilern, aber dennoch nahe genug. In Zonen, wo man sich wegen der starken Strahlung nur eine Stunde aufhalten durfte.»

Er habe zusammen mit seiner Frau Japan schon 2011 besucht, jüngst nachdem der Tsunami über die Insel hereingebrochen war und damit den GAU des Atomkraftwerks Fukushima auslöste. «Wir haben damals den traurigen Mut gehabt, die Reise nach Japan nicht abzusagen», so Muschg in der Villa Grunholzer.

Vernunft der Räumungsroboter

Diese Kernschmelze sei bis heute sehr präsent in der Region, denn auch den eingesetzten Robotern gelinge es nicht, zum verstrahlten Innern der Anlage vorzudringen, ohne sich selber auszuschalten. «Auch Roboter haben offensichtlich ihre Vernunft», sagte Muschg.

Vor Ort konnte sich Muschg ein Bild davon machen, wie die Japaner mit der Katastrophe umgingen. Auch wenn diese als höfliches Volk Konflikte vor Fremden unter dem Deckel hielten, konnte man spüren, wie «beschissen» es den Leuten ging, erzählte Muschg.

Alte Leute würden tatsächlich ins verseuchte Gebiet zurückkehren. Von diesen hätten sie ganz viele angetroffen. «Die Jungen haben sich aber definitiv längst aus dem Gebiet verabschiedet. Das Gebiet ist eine Alterssiedlung geworden», sagte Muschg. Nur die nötigsten Infrastrukturen seien vorhanden – Schulen kaum besucht. «Aber gegen aussen kann die Regierung heute einen Eindruck sehr grosser Normalität erzeugen.» Dazu trage bei, dass bis in die Nähe der Meiler Tourismusausflüge möglich seien – ein «Tschernobyl-Tourismus». Der erzeuge einen Kitzel, weil Besucher ja den Ort bald wieder sicher verlassen könnten und nicht mehr riskierten als ein paar missratene Selfies.

Literarischer Genuss

Nun wäre es am Donnerstag aber keine Lesung gewesen, wenn Muschg nebst seinen Erzählungen nicht auch aus seinem Buch «Heimkehr nach Fukushima» gelesen hätte. Das Buch wurde 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert. «Wir stehen vor einem japanischen Kunstwerk der Verzweiflung. Einem flächendeckenden Tagebau des reinigenden Wahns», las der Autor. Im Buch beschreibt er damit die Säuberungsaktion der Regierung, die die oberen Erdschichten abtragen lässt und in schwarze Säcke verpackt. So versucht sie den verseuchten Boden zu dekontaminieren.

Muschgs Buch wurde auch ins Japanische übersetzt. Die Übersetzung wollen aber die Verleger nicht drucken, sagte Muschg, weil der Protagonist im Buch die Frage stellt: «Ist die japanische Regierung eine kriminelle Organisation?»

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