Koboldhai, Cookie-Beisser und fossiler Rochenkopf
Am 24. Dezember dieses Jahres sind es 50 Jahre her. René Kindlimann verbrachte einen «heissen» Heiligabend 1969 mit blossem Oberkörper in einem Steinbruch auf der Suche nach fossilen Meeressauriern in Dielsdorf und fand dort eher zufällig seinen ersten Haifischzahn.
Der Zahn war für ihn eine kleine Sensation und der erste Fund eines Wirbeltieres an jener Stelle. Und er weckte Kindlimanns Sammlergen. Von da an sammelte er ausschliesslich Fossilien von Knorpelfischen. So ist mittlerweile ein ganzes Privatmuseum über sogenannte Knorpelfische entstanden; Haie, Rochen und Chimären, also Seekatzen. Es sei das einzige Privatmuseum seiner Art in Europa, sagt Kindlimann, und vielleicht weltweit. Und es liegt im Aatal, direkt gegenüber des Sauriermuseums.
«Am Anfang war der Suchradius klein, dann wurde das Budget grösser.»
René Kindlimann
Seine Haifossilien dokumentieren die gesamte Entstehungsgeschichte der Haie und der Rochen – anhand von 350 Millionen Jahre alten Fossilien, aber auch Gebissen heutiger Knorpelfische. «Die Sammlung hat sich über die Jahre sukzessive entwickelt», erzählt er. «Am Anfang war der Suchradius klein, dann wurde das Budget grösser, die Reisen gingen weiter weg, das Netzwerk wuchs, ich konnte mir speziellere Stücke auch anschaffen.» Alles selber zu finden sei bei dieser Sammlungsgrösse ohnehin ausgeschlossen.
Dreidimensionale Stücke
In seinem neuen Museum sind auch einige aussergewöhnliche, gar einmalige Stücke zu sehen. Etwa ein fossiles, dreidimensional erhaltenes Haigebiss oder der einzigartige erhaltene, ebenfalls dreidimensionale fossile Rochenschädel mit Unter- und Oberkiefer. Die Dreidimensionalität ist äusserst selten, weil fossile Stücke üblicherweise durch die Erdschichten flachgedrückt wurden.
Gründe, aus seiner Sammlung ein Museum zu machen, gibt es für Kindlimann viele. «Ich bin nicht der Typ Sammler, der einfach nur besitzen will. Ich finde, andere Menschen müssen diese Stücke sehen können und davon profitieren.» Mit der Ausstellung wolle er letztlich die Evolution dieser Tiere aufzeigen, aber auch die Wichtigkeit und Bedeutung der Haie für die Erdgeschichte demonstrieren. «Ich verstehe mich diesbezüglich auch als Botschafter dieser Tiere. Die Beziehung zwischen Hai und Mensch war schon immer eine schwierige. Meine Ausstellung soll das Tier vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus beleuchten.»
«Es geht mir mehr um die Details, als darum, die schiere Grösse zu illustrieren.»
René Kindlimann
Weil er sein Museum im Erdgeschoss seines Wohnhauses eingerichtet hat, ist der Platz überschaubar. «Ich muss daher mit kleineren Stücken arbeiten.» Das bis zu zwei Meter breite Gebiss eines ausgewachsenen Walhais, dem grössten heute lebenden Hai, würde den Rahmen da schon sprengen. Stattdessen hängt der Kunststoff-Abguss eines noch nicht ganz ausgewachsenen Tieres mit einem Durchmesser von etwa 96 Zentimetern an der Wand – und das ist eines der grössten Stücke der Sammlung.
Heutige Zähne geben über einstige Lebensweise Aufschluss
«Es geht mir auch mehr um die Details, als darum, die schiere Grösse zu illustrieren», sagt Kindlimann. Die heutigen Gebisse seien etwa entscheidend für die Einordnung fossiler Funde. «Die Form oder die Anordnung der Zähne geben Aufschluss über die Lebensweise dieser Tiere, die vor Millionen von Jahren lebten.»
Zudem rückt er besonders auch die Vielfalt der heute lebenden Haie in den Fokus. Dem Riesengebiss steht etwa ein winzig kleines gegenüber, dass einem sogenannten «Cookie Cutter»-Hai gehört. Der Name rührt daher, dass er sich mit seinen Sauglippen an grösseren Fischen, Robben und Walen festsaugt und dann keksförmige Fleischstücke rausbeisst. An solch ein Gebiss zu kommen, sei sehr schwierig, konstatiert der Sammler.
Oder dann ist da das Gebiss des Koboldhais, für Kindlimann das «unangenehmste». «Ich habe mich beim Arbeiten schon mehrfach daran gestochen.» Die Zähne sind lang und nadelförmig. «Ein ideales Fanggebiss für Tintenfische», sagt er. Man könne sich natürlich an praktisch allen Haifischgebissen verletzen, aber in diesem Fall sei die Gefahr besonders gross.
Sein Museum, dessen Ausbau der professionelle Messebauer selber gestaltet und gebaut hat, ist zwar insbesondere für Fachbesucher aus aller Welt vorgesehen. Viele Fachleute hätten hier bereits einen Augenschein genommen, sagt er. Doch will er das Museum künftig auch für interessierte Besucher oder Schulklassen mit Führungen öffnen und auch bald feste Öffnungszeiten einführen.
«Da die Räume relativ klein und niedrig sind, muss ich Gruppen auf 10 bis 12 Leute maximal beschränken, sonst wird’s eng.» Eintritt verlangt er nicht. Denn für ihn ist das die Krönung seines Sammlerlebens, die er sich unabhängig vom finanziellen Rücklauf leistet. «Ich hoffe, dass über ein Spendenkässeli ein bisschen etwas zurückkommt.»
Werbung im Sauriermuseum
Wenn das Museum geöffnet ist, wird er voraussichtlich im Sauriermuseum ein Schild aufstellen das die Besucher über die Öffnungszeiten informiert. «Über den fossilen Teil der Sammlung gibt’s ja eine thematische Nähe zu den Sauriern», sagt er. «Zudem verliert das Sauriermuseum keine Gäste, im Gegenteil.»
Er hoffe nun, das Museum einige Jahre betreiben zu können. «Ich bin jetzt doch schon bald 70. Aber ich fühle mich fit.» Indem er seine Sammlung zum Museum und der Öffentlichkeit zugänglich mache, generiere er ihr auch einen Bekanntheitgrad, sagt Kindlimann. «Das heisst: Nicht mehr die Einzelstücke sind relevant, sondern das Ganze. Dadurch erhoffe ich mir, dass die Sammlung auch nach mir in dieser Form erhalten bleibt.» Inklusive diesem ersten Zahn aus Dielsdorf, dem Grundstein von Kindlimanns Lebenswerks.
Informationen und Anmeldungen können unter shark.collection@gmx.ch angefragt werden. Offiziell soll das Museum ab Mitte August für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Einzel- oder Gruppenbesuche sind bereits ab Anfang Juli möglich.