Die Dübendorfer haben ihre Einhörner ins Herz geschlossen
«30 haben wir schon», sagt die junge Mutter, während ihre kleine Tochter zum nächsten Einhorn rennt und dessen Flanke tätschelt. Schnell ein Foto mit Kind und Fabeltier – und weiter geht’s. Bis der Regen wieder anfängt, sollen noch ein paar dazukommen. Nur wenige Augenblicke später fallen die ersten Tropfen, dann fegt ein Gewittersturm über die Stadt.
Dübendorf ist ein hartes Pflaster für Einhörner, obwohl das Tier auf dem Wappen der Stadt prangt. Anstelle von Regenbögen zucken Blitze am Himmel, und es riecht auch nicht nach Zuckerwatte, sondern nach einer Mischung aus verbranntem Kaffee und Schimmel à la Givaudan.
Die Leute lassen sich davon an diesem Samstag nicht die Freude nehmen. Mit Fotoapparat, Regenschutz und dem speziellen Einhorn-Stadtplan laufen sie die aufgestellten Einhörner ab, streichen Nummer um Nummer auf dem Plan ab. Und versuchen dann, ihre Kinder von den bunt lackierten Fabeltieren wegzureissen, was zuweilen nur mit dem Einsatz mehr der weniger sanfter Gewalt möglich ist. Und ein paar Meter weiter steht schon das nächste, das sogar noch «viiieeel süüüsser» ist.
Der Mitarbeiter wird Art-Director
Ins Leben gerufen hat die Aktion der Dübendorfer Verschönerungsverein VVD zur Feier seines 100-jährigen Bestehens. 83 Firmen, Institutionen und Privatperson sind dem Aufruf gefolgt und haben sich mittels Sponsoring in der Höhe von 2500, 5000 oder 10‘000 Franken beteiligt. Bei der Gestaltung hatten sie freie Hand – lediglich Obszönitäten, Rassismus, beleidigende oder verletzende Aussagen waren nicht erlaubt.
«Keine Obszönitäten, kein Rassismus, und keine beleidigende oder verletzende Aussagen.»
Vorgaben an die Künstler
Zwar hätte der VVD den Sponsoren bei Bedarf lokale Kunstschaffende vermittelt, doch die allermeisten zogen es vor, die Sache selber in die Hand zu nehmen, einen eigenen Künstler zu engagieren – oder kurzerhand einen aus der Belegschaft zum Art-Director zu ernennen. Manche haben ihr Werk auch gleich an einen Kindergarten oder Hort outgesourct.
Super Werbung am Kreisel
Das Resultat kann sich in den meisten Fällen durchaus sehen lassen. Auch wenn manchmal ganz offensichtlich die Inspiration fehlte. Wie etwa bei dem Einhorn auf dem Reservoir an der Oberdorfstrasse: ein bisschen Weiss, dazu ein goldenes Horn und goldene Hufe, und – zack – einen Kleber mit dem Firmennamen und der WWW-Adresse auf den Bauch geklatscht. Das Firmenlogo als künstlerisches Element einzusetzen, ist durchaus erlaubt, die meisten machen das aber diskreter.
Das grosse Los gezogen hat eine Elektro- und IT-Firma, die ihr mit mehreren Kilometern Kabel umwickeltes Einhorn direkt auf dem Kreisel beim Bahnhof Nord aufstellen durfte, an dem jeden Tag tausende Autos vorbeifahren. Besser kann man Werbung nicht platzieren. Besonders kreativ scheinen Sanitäre zu sein: Gleich zwei haben ihr Einhorn zu eigentlichen Brunnen umfunktioniert. Ein grosses Versicherungsunternehmen wiederum setzt auf Interaktivität: Wer den QR-Code auf dem Rücken des Einhorns scannt, kann bei einem Wettbewerb mitmachen.
Die Pose machts
Was gibt es noch? Ein Clownhorn, ein Supereinhorn, das Aloha-Einhorn mit Blumen aus Pet-Flaschen, ein Astronautenhorn, dem der Helm ein kleines bisschen zu klein ist. Manchmal ist es auch die Platzierung, die über die Wirkung entscheidet. So etwa das Einhorn der Glattwerk AG, das in bester Leni-Riefenstahl-Pose auf dem WC-Häuschen am Glattquai thront.
«Beschützen Sie unsere Einhörner!»
Bildhauer Bruno Eggenberger
Ein Herz für (Fabel-)Tiere hat die Katholische Kirche, die ihrem Einhorn ein gestricktes oder gehäkeltes Zaumzeug inklusive Kniewärmern verpasste. Nicht das schlechteste bei dem Sauwetter. Warm ums Herz wird einem ausgerechnet, wenn man vor dem mit Mutmach-Sprüchen übersäten Einhorn des viel gescholtenen Sozialamts steht.
Bereits zwei zerstört
Offiziell eröffnet wird die Freiluft-Ausstellung um 17 Uhr mit einer Vernissage im Stadthaus, das aus allen Nähten platzt. Rund 250 Personen drängen sich bis in den dritten Stock hinauf, um von der Galerie die Dankesrede von VVD-Präsidentin Barbara Sturzenegger zu verfolgen. Stadtpräsident André Ingold (SVP) schliesst sich den Danksagungen an und berichtet nicht ohne Stolz davon, dass der Künstler und Zirkusmacher Rolf Knie ebenfalls ein Einhorn gestaltet hat, welches nach Ende der Ausstellung im Oktober für einen guten Zweck versteigert wird.
Zum Mikrofon greift auch der Bildhauer Bruno Eggenberg, der die Einhörner designt hat. Er erklärt, auf welche Weise die Plastiken hergestellt wurden und verrät, wie er mit einem kleinen Bluff seine Gewerblerkollegen vom Mitmachen überzeugen konnte und so die Aktion in Fahrt brachte.
Bei aller Festfreude gibt es aber auch eine schlechte Nachricht zu verkünden. So haben Vandalen bereits zwei Einhörner zerstört. «Doch davon lassen wir uns nicht unterkriegen», sagt Eggenberger und fordert dann die Anwesenden auf: «Halten Sie die Augen offen, beschützen Sie unsere Einhörner!»
