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Im Dunkeln auf Arbeitskollegen schiessen

In den Räumlichkeiten der Firma Laserstar in Schwerzenbach kann man sich mit Laser-Pistolen gegenseitig abknallen. Dabei lernt man nicht nur seine Teamkolleginnen und - kollegen besser kennen, sondern wird unter Umständen auch mit der eigenen, schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert. Ein Erlebnisbericht.

Laser, Sensoren, Waffen und eine Schutzweste. Viel mehr braucht es für Lasertag eigentlich nicht., Die Schutzwesten mit den Lasersensoren, die jeder Teilnehmer tragen muss., Schiesswütige Redaktoren versuchten sich im Lasertag., Wenn ein Redaktor zur wandelnden Zielscheibe wird., Vor Spielbeginn zeigte sich der Schreiber noch siegessicher., Kollege Lukas hat die Waffe zwar im Griff, das Ziel aber nicht im Visier und schiesst zeitweilig sogar Minuspunkte., Kollege Laurin nahm die Sache dagegen verdammt ernst und hatte extra Knieschoner dabei., Beim Teamevent leuchteten die Westen in verschiedenen Farben. Trotzdem schossen gewisse Teilnehmer ihre Teamkollegen ab., Der «alle gegen alle»-Modus. Oder einfach das totale Chaos mitten in Schwerzenbach.

Foto: Christian Merz

Im Dunkeln auf Arbeitskollegen schiessen

Mit Waffen verbinde ich ein traumatisches Kindheitserlebnis: Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als ich als Tyrannosaurus Rex verkleidet an der Zürcher Kinderfasnacht für Angst und Schrecken sorgen wollte. Eine Bekannte hatte mir ein aufwendiges Kostüm geschneidert – mit Zähnen, Klauen und dem ganzen Zubehör. Ich hatte die Vision, wie sich bei meinem Auftritt die Strassen leeren, wie gleichaltrige Kinder vor Furcht das Weite suchen oder zumindest vor Ehrfurcht erstarren, wenn der König der Urzeitechsen die Aufwartung macht.

Doch das Ganze wurde zur persönlichen Tragödie. Denn ich hatte nicht mit den Horden bewaffneter Kinder gerechnet, die mit Käpslipistolen und –gewehren auf alles schossen, was sich bewegt. Und mit dem auffälligen Saurierkostüm gab ich eine Beute ab, wie sie sich schiesswütige Halbwüchsige nicht attraktiver hätten erträumen können. Ich war nicht der furchteinflössende König der Strassen. Ich war eine wandelnde Zielscheibe. 

Im eigenen Actionfilm

Diese Episode habe ich plötzlich wieder vor Augen, als ich im Umkleideraum der Schwerzenbacher Laserstar GmbH stehe. Die Firma, unmittelbar neben den Bahngleisen und dem Sex-Club Globe gelegen, bietet seit diesem April so genannte Lasertag-Sessions an. Diese funktionieren nach einem denkbar einfachen Prinzip: Gruppen können sich einen verdunkelten, ordentlich verwinkelten Raum mieten, wo dann in Teams oder im Modus «alle gegen alle» mit Laserpistolen aufeinander geschossen wird. Man trägt eine leuchtende Schutzweste, deren Lichter ausgehen, sobald man vom Laserstrahl getroffen wird.

Doch zurück in die Umkleidekabine. Dort verfliegen die unschönen Kindheitserinnerungen, als ich die Schutzweste mit angehängter Waffe überstreife. Infantil ist in diesem Moment höchstens das Gefühl der Stärke, das ich verspüre. Daran ändert auch der Hinweis der Aufseherin nichts, wonach die Ausrüstung normalerweise tatsächlich von Kindern getragen und deshalb etwas eng sein könnte. 

Aber ich fühle mich gerade nicht wie ein Kind, höchstens wie ein leicht zurückgebliebener Mittdreissiger. Aber ehrlich gesagt gelingt es mir fast schon bedenklich spielend, auch diese kritische Selbstwahrnehmung auszublenden. Ich bin in meinem eigenen Film und dieser läuft weder im Kinderprogramm noch auf Arte, sondern auf RTL 2. «Stirb langsam» (mit Bruce Willis), «Demolition Man» (mit Sylvester Stallone) oder «Scarface» (mit Al Pacino) – das sind zu diesem Zeitpunkt meine Referenzen. Ich freue mich auf die Laser-Massenschiesserei. 

Terminator und Heckenschütze

Dann geht es los. Unsere insgesamt sieben Personen zählende Gruppe befindet sich nun im düsteren Raum, Disco-Rauch steigt auf und über einen Lautsprecher wird ein Countdown angekündigt. Dann ist es soweit: «Go! Go! Go! Go!»

Der weitläufige Raum bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich zu verstecken. Diese nutzen wir in der ersten Runde «alle gegen alle» jedoch nur spärlich. Auf offenem Feld laufe ich meinem Kollegen Thomas in die Arme. Wir drücken zeitgleich ab, aber nur ich werde getroffen. Spüren tue ich den Laserstrahl, der übrigens auch für die Augen völlig ungefährlich sein soll, nicht. Dafür erscheint auf dem Display meiner Weste eine Nachricht: «Hit by Thomas.» Und meine Pistole funktioniert nach dem Treffer fünf Sekunden lang nicht. 

So geht es noch eine Weile weiter, ich kassiere mehrere Treffer, ehe ich vom allzu draufgängerischen Terminator-Modus zur Heckenschützen-Variante wechsle. Ich versuche, mich irgendwo auf der Empore zu verschanzen und meine Kollegen von dort aus abzuknallen. Nach ein paar Fehlversuchen klappt das dann auch. «Well done!» sagt mir eine automatische Stimme per Schutzweste, ehe auf dem Display mein Opfer angezeigt wird. Ich glaube es war der Kollege Kevin.

Nach zwölf Minuten heisst es per Lautsprecher «Game over!» und auf dem Schlachtfeld wird es heller. 

Was für eine Demütigung!

Ordentlich ins Schnaufen gekommen tritt unsere Gruppe ins Foyer. Dort wird auf einem Bildschirm die Rangliste angezeigt. Ich finde meinen Namen auf dem zweitletzten Platz wieder. Nur Kollege Lukas, der sein halbes Leben mit dem Studium philosophischer Schriften zugebracht hat, lasse ich hinter mir. Was für eine Demütigung!

«Bitte die Westen abziehen, wenn ihr Bier trinkt, die wurden schon mehrfach vollgeschüttet.»
Nadine Meier, Betreuerin Laserstar

Der Adrenalinpegel in der Gruppe ist spürbar erhöht, die ersten Räubergeschichten werden zum Besten gegeben. Und da die Laserschlacht hungrig und durstig macht, ordern einige ein Bier und stürzen sich auf die Häppchen, die uns unsere Betreuerin netterweise bereitgestellt hat. Diese hat dann noch ein Anliegen: «Bitte die Westen abziehen, wenn ihr Bier trinkt, die wurden schon mehrfach vollgeschüttet.»

Die Gefahr von «friendly fire»

Dann geht es weiter. Die nächste Runde spielen wir im Teammodus, unsere Westen leuchten nun je nach Team in unterschiedlichen Farben, die man zum Teil erst bei genauerem Hinsehen erkennt. Damit kommt eine neue Gefahrenquelle hinzu: Das Risiko von «friendly fire». 

Auch diese Falle lasse ich nicht aus, als erstes setzte ich meinen Teamkollegen Leandro ausser Gefecht. Dieser tut es mir wenig später allerdings umgehend gleich. Pech für beide. 

Ansonsten ist meine Trefferquote in dieser Runde ein wenig besser, die Kadenz der «well done!»-Zurufe ab Weste steigt. Ein Problem habe ich trotzdem: Und zwar meine Kollegin Tina, die ich bisher kaum wahrgenommen habe, die mir nun aber mehrere empfindliche Treffer versetzt. «Hit by Tina» – es scheint so etwas wie mein ganz persönlicher Slogan dieser Runde zu sein. 

«Trigger Finger»

Wieder im Foyer, wieder vor dem Bildschirmen mit den Punkteständen. Den guten Schnitt meiner Teamkollegen Kevin und Leandro habe ich nach unten gezogen, in der persönlichen Wertung bin ich erneut Zweitletzter. Hinter mir lasse ich lediglich Lukas. 

Ich beschwere mich lautstark über meine Pistole, mit der ich trotz leicht verbesserter Trefferquote nicht zufrieden bin. Die Betreuerin nimmt sich mir auf einfühlsame Weise an: «Es gibt vielleicht tatsächlich Waffen, die schlechter funktionieren als andere – jedenfalls hört man das von den Kindern immer wieder.» 

Ich tausche also meine Weste mit jener von Thomas, der die Gruppe nach zwei Runden verlässt. Er nimmt den Titel «Trigger Finger» mit nach Hause, ist also der Mitspieler, der am meisten den Abzug gedrückt hat. 

Die Zweierteams werden neu zusammengewürfelt, ich habe die Ehre, dem Kollegen Laurin zugeteilt zu werden. Er nimmt die Sache verdammt ernst: So hat er extra für den Laserevent Knieschoner mitgenommen, die ihm beim Spielen das Robben und Kriechen erleichtern sollen.

Alle gegen mich!

Doch die nächste Runde gerät vollends zum Desaster: Schon bald trenne ich mich von meinem Teamkollegen Laurin und versuche mich hinter einer Wand als Sniper. Jedoch werde ich entdeckt und mit Treffern eingedeckt. Die neue Weste – ein Reinfall. 

«Hit in the Back by Tina.»
Schutzweste des erfolgslosen Redaktor

Kollegin Tina scheint nun regelrecht zur Jagd zu blasen und längst haben alle im Raum die verwundete Beute ausgemacht. Die Zweierteams bestehen nur noch der Form halber, das Motto ist jetzt ein anderes: Alle gegen mich! Und plötzlich sind sie wieder da, die Erinnerungen: Die Kinderfasnacht, die Horde mit den Käpsli-Pistolen, die enttäuschten Erwartungen, der Tyrannosaurus-Moment. 

Mein letzter Strohhalm: Der Kamikaze-Modus. Ich trete aus dem längst aufgeflogenen Versteck heraus, rufe irgendeinen Spruch aus irgendeinem Action-Film in die Runde, den niemand hört, dann gehen auf der Weste wieder die Lichter aus. «Hit in the Back by Tina.»

Doppelte Auszeichnung

Auf dem Bildschirm wird hinter meinem Namen mein Punktestand angezeigt. Der Wert ist im Minus. Eigentlich sollte ich jetzt nach Hause gehen. Aber wir spielen noch eine Runde. In dieser geht es für mich nur noch darum, den Schaden zu begrenzen, sprich Lukas hinter mir zu lassen und Tina aus dem Weg zu gehen.

Sie wird am Ende des Abends übrigens die Titel «Assasin» für die höchste Treffsicherheit und «Predator» für die höchste Anzahl erlegter Gegner mit nach Hause nehmen. Symbol der «Predator»-Auszeichnung ist übrigens ein gefährlich aussehender Saurier. Ich bin damit nicht sicher nicht gemeint.

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