«Die Bibel ist als Instrument zur Unterdrückung von Frauen benutzt worden»
Frau Rüegg, Sie zeigen in der Kirche Rüti den religionskritischen Film «# Female Pleasure » . Was bezwecken Sie damit?
Claudia Rüegg: Ich habe den Film im Kino gesehen und gleich gedacht: Den will ich in der Kirche zeigen. Ich will zeigen, dass Religionen eine Verantwortung tragen und viel Leid über Betroffene bringen können, wenn sie es nicht tun. Am Film gefällt mir aber auch, dass die jungen Frauen kämpfen, dass sie es nicht akzeptieren, unterdrückt zu werden. Deshalb passt der Film gerade auch in die Passionszeit: Es sind Geschichten von Menschen, denen ein Kreuz auferlegt wurde. Und die für ihre Befreiung aufstehen.
Sind Sie als Pfarrerin also mit der These einverstanden, dass Religionen – auch die christliche – Frauen und deren Sexualität unterdrücken?
Ja. Die Bibel ist in der Geschichte immer wieder als Instrument zur Unterdrückung von Frauen benutzt worden. Häufig sind daran aber gar nicht die Bibeltexte « schuld » , oft ist der Knackpunkt ihre Auslegung: Die biblischen Texte wurden und werden aus einer männerzentrierten Sicht so ausgelegt, dass sie die herrschende patriarchale Geschlechterordnung stützten.
Zur Person: Claudia Rüegg, geboren 1973, ist seit 12 Jahren Pfarrerin in der Reformierten Kirchgemeinde Rüti.
Eva wurde aus Adams Rippe geschaffen, sie hat ihn mit der Frucht verführt, auf die Frau geht die Erbsünde zurück. Die Minderwertigkeit und Sündhaftigkeit der Frau gehört zur DNA des christlichen Glaubens. Das kann man doch nicht einfach anders auslegen.
Das stimmt so nicht. Im hebräischen Urtext heisst Adam nicht « Mann » , es bedeutet einfach « Mensch » oder « Erdling » , abgeleitet vom Wort « adama » für Erde. Das Wort, das zu Deutsch als Rippe übersetzt ist, kann auch « Seite » heissen. Gott hat also aus dem ersten Menschenwesen zwei gemacht , aus jeder Seite eines: eine Frau und einen Mann als gleichwertige Gegenüber. Ein anderes Beispiel wie mit der Übersetzung patriarchalisiert wurde: Der Gottesname ist im Hebräischen eigentlich nicht übersetzbar. Aber er wird auf Deutsch mit «Herr» übersetzt und wurde so zum prägenden Gottesbild: Gott, der Herr.
Sagen Sie in Ihren Predigten nie « Herr » wenn Sie Gott meinen?
Nein. Vom «Herrn» hören die Leute genug. Mir ist es wichtig, auch anders von Gott zu reden, wie es die Bibel selbst ja auch tut. Unsere Sprache prägt unser Gottes- und Menschenbild.
« Maria ist nicht nur die demütige Mutter Gottes, als die sie die meisten kennen »
Claudia Rüegg
Gott ist für Sie eine Frau?
Gott hat für mich kein Geschlecht. Gott ist für mich Licht, Leben, Liebe, Quelle, Weisheit, mächtig, schwach, sanft, stark, zärtlich und immer auch grösser und kleiner als unsere Vorstellungen.
Zum Film: Der schweizerisch-deutsche Dokumentarfilm «#Female Pleasure» der Regisseurin Barbara Miller erschien letztes Jahr. Er erzählt die Geschichten von fünf Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Religionen die mit verschiedenen Ansätzen für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität kämpfen.
Der Bibel mangelt es an starken Frauenfiguren, das kann man nicht der Übersetzung zuschreiben.
Es gibt sehr wohl starke Frauenfiguren, diese werden einfach viel weniger zum Thema gemacht. Es gibt zum Beispiel Sarah, Esther und eine meiner Lieblingsgeschichten handelt von den Hebammen Schifra und Pua, die sich gegen einen Befehl des Pharaos auflehnen.
Das sind allerdings alles alttestamentarische Figuren.
Fürs neue Testament gilt das auch. Es gibt weibliche Figuren, man kennt sie einfach kaum. Jesus hatte Jüngerinnen. Und auch die Stellen in denen Gott eine weibliche Form annimmt, sind ungleich weniger bekannt als jene, in denen er als Mann auftritt. Es gibt zum Beispiel die drei Gleichnisse: Das des Hirten, der das verlorene Schaf sucht und das des verlorenen Sohnes und seines Vaters, diese zwei sind sehr bekannt. Aber dann gibt es noch ein drittes: Die Hausfrau, die eine Münze sucht. Wenn man dieses Gleichnis entsprechend den anderen zwei deutet, ist hier die Hausfrau Gott. Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass man genau dieses Gleichnis kaum kennt.
Sie ist trotzdem eine Hausfrau, das ist jetzt nicht eine sehr moderne Rolle.
Stimmt, aber für die damalige Zeit ist es schon erstaunlich und ungewohnt, Gott überhaupt als Frau zu zeigen . Und ja, mit der Bibel wurden einseitige Rollenzuweisungen begründet: Die Frau als Mutter, aufopfernd und demütig. Es gibt auch Stellen, mit denen ich wirklich meine Mühe habe. Zum Beispiel jene die sagt, « Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still ». Doch die Bibel enthält auch emanzipatorische Texte, die Frauen ermutigt haben, gegen ihre Diskriminierung in Kirche und Gesellschaft zu kämpfen und ihre Rechte einzufordern . Auch Maria, die berühmteste Frauenfigur im Neuen Testament, ist nicht nur die demütige Mutter Gottes, als die sie die meisten kennen. Sie äussert sich politisch, ja revolutionär, wenn sie im sogenannten Magnificat die Umkehrung der damaligen sozialen Verhältnisse besingt und den Sturz der Mächtigen fordert.
Wie stehen Sie zu Marias unbefleckter Empfängnis?
Ich denke, man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass etwas Göttliches aus einem normalen sexuellen Akt entsteht.
Eben, weil Sex in der Bibel – vor allem für Frauen – eine böse, sündige Sache ist.
Ja, die Lehre von der Jungfräulichkeit Marias entspricht einem idealisierten asexuellen Frauenbild. Sie wurde zum Gegenbild von Eva, die als Verführerin gesehen wurde. Beide Bilder haben äusserst schwierige Auswirkungen auf Frauen.
« Dass viele Frauen unter einem diffusen Grundgefühl von Schuld und Unvollkommenheit leiden, ist wohl nicht zuletzt auf diese christliche Sündentheologie zurückzuführen. »
Claudia Rüegg
Also denken Sie nicht, dass Maria bei Jesus Geburt noch Jungfrau war?
Nein, das denke ich nicht. Wenn Jesus ganz Mensch ist, kann er auch ganz menschlich auf die Welt gekommen sein. Das Markusevangelium erwähnt eine Jungfrauengeburt noch mit keinem Wort, Johannes nennt Josef ganz unbefangen den Vater von Jesus. Erst das Matthäus- und Lukas-Evangelium schildern Jesus als Sohn einer Jungfrau. Allerdings: Auch diese Evangelien führen Jesus Stammbaum über Josef auf David zurück. Das macht nur Sinn, wenn Josef auch Jesus Vater ist.
Ist es nicht Rosinenpickerei, sich einfach diejenigen Stellen auszusuchen, die ins eigene Weltbild passen?
Auch die Leute, die die Bibel wortwörtlich verstehen, können nicht alle Gebote halten und alle Stellen gleich gewichten. Die Bibel besteht aus vielen unterschiedlichen Texten, die nicht ohne Widerspruch zueinander sind. Vieles ist aber eben auch eine Auslegungsfrage. Und da ist die patriarchale Deutungsweise bis heute prägend.
Wieso haben die Kirchenoberhäupter die « schwierigen Auswirkungen » auf Frauen in Kauf genommen?
Ich glaube da geht es vor allem um Macht und Kontrolle.
Hat sich die Kirche mit dieser von ihr vertretenen Sexualmoral schuldig gemacht?
Ja. Gerade mit dem Eva-Mythos: Dass viele Frauen unter einem diffusen Grundgefühl von Schuld und Unvollkommenheit leiden, ist wohl nicht zuletzt auf diese jahrhundertelang wirksame christliche Sündentheologie zurückzuführen. Sie hat einen engen Zusammenhang zwischen Frausein, Frauenkörper und Schuld hergestellt. Sich selbst im eigenen Körper als gut anzunehmen, fällt vielen Frauen noch immer schwer. Und es geht nicht nur um Frauen: Auch in evangelischen Kreisen ist Homosexualität häufig noch schlecht akzeptiert.
Bereitet es Ihnen keine Mühe, wenn im Namen ihres Glaubens diskriminiert wurde und wird?
Doch, ich finde das sehr schwer erträglich.
Kann die Kirche etwas zur Wiedergutmachung tun?
Hinschauen, Diskriminierung klar verurteilen, aufarbeiten. Und sich für Gleichberechtigung einsetzen.
Zum Anlass: Am Freitag, 5. April, wird der Dokumentarfilm «#Female Pleasure» in der reformierten Kirche Rüti gezeigt. Der Anlass beginnt um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.