Erschöpfte Pferde und ein Kampfschrei für den perfekten Schuss
Ein Pferd ist ein graziöses Geschöpf. Der Bogen ein elegantes Gerät. Beherrsche ich Tier und Waffe bin ich ein Gott. Mit dieser bescheidenen Einstellung ging ich am Samstagnachmittag zum Workshop berittenes Bogenschiessen in Egg. Der zweitägige Anlass fand auf dem Hof der Stiftung Sandgrueb statt (siehe Box).
Ich hatte mich sowohl als Bogenschütze wie auch als Reiter als Anfänger angemeldet. Doch eigentlich verfügte ich schon über einige Erfahrung, weil ich regelmässig im Westernvideospiel «Red dead redemption 2» mit Bogen und Pferd hantiere. In der virtuellen Welt heisst mein Pferd «Doktor Hasenbein» – in der realen in Egg «Spirit». Allerdings liessen mich die Veranstalter «Spirit» nicht reiten, weil es noch ein sehr unerfahrenes Pferd ist.
Das fand ich gut. Schliesslich wollte ich nur mit Meistern arbeiten. Ein solcher ist Merse Konkoly von der ungarischen «Kassai horseback archery school». Er war Schüler von Lajos Kassai, der Matt Damon für die Bogenschiessenszene des Hollywood Films « The Great Wall » trainierte.
Nervöses Knabbern
In der Egger Reithalle demonstrierte der Ungare Merse Konkoly vor den etwa 30 Teilnehmern, wie er die siebenjährige «Spirit» zu einem guten Bogenschiesspferd ausbilden wird. Übersetzt wurde vom Zürcher Michel Bakocs, der Präsident des «Schweizer Ungarischer Traditioneller Pfeilbogen Verein» ist.
«Das Pferd ist so viele Leute nicht gewohnt, deshalb geht es zu den Leuten hin. Es will Vertrauen aufbauen», übersetzte Bakocs. Tatsächlich lief «Spirit» zu den Teilnehmern und holte sich dort Streicheleinheiten ab.
Dann wurde das Pferd von Konkoly mit Petflaschen – «Spirit» biss hinein – und einer Folie – «Spirit» biss hinein – auf kommende irritierende Geräusche vorbereitet. Bakocs sagte: «Wenn das Pferd an etwas herumknabbert, zeigt es, dass es nervös ist.»
Ich beobachtete die Vorführung hinter dem Reithallenzaun und knabberte am Schokoladenkuchen, den Stiftungsgeschäftsführerin Claudia Anner allen Teilnehmer gratis offerierte. Damit zeigte ich gleich wie meine Seelenpartnerin «Spirit» meine eigene Nervosität. Denn ich wollte endlich Reiten und Pfeile schiessen.
Am Ende der Vorführung ging ich zu Michel Bakocs und bat um die versprochene Lektion, die mich zum Meister machen würde. Bakocs wiederum ging zu Meister Merse Konkoly und trug meine Forderung vor. Die übersetzte Antwort war: «Die beiden ausgebildeten Pferde ‹Nimo› und ‹Steffi› waren am Morgen mit den anderen Kursteilnehmern im Einsatz und sind jetzt zu müde.»
Der Meisterschütze
Ich schaute mir «Nimo» und «Steffi» in der Pferdebox an. Ich glaubte, dass so kräftige Tiere mich auch schläfrig noch locker auf ihrem Rücken tragen, andererseits auch locker schlecht gelaunt ins Krankenhaus treten könnten. Ausserdem hatte Merse Konkoly in seiner Aufführung bewiesen, dass er wirklich gut mit Pferden umgehen konnte. Selbst mit «Spirit», die er erst an diesem Tag kennengelernt hatte, schien er sofort eine Verbundenheit aufgebaut zu haben.
Der Meister machte mir dann immerhin ein Angebot: Er bot mir an, auf seinem Rücken zu reiten. Weil der Mann auf allen Vieren nicht mal einem Pony nahe kam, lehnte ich ab. So musste ich meinen Bogen alleine durch die Manege schleppen.
«Den Pfeil nicht auf Augenhöhe nehmen. Der Bogen ist kein Gewehr.»
Michel Bakocs, Präsident des «Schweizer Ungarischer Traditioneller Pfeilbogen Verein»
Zuerst zeigte jedoch Meisterschütze Merse Konkoly sein Können. Während seine Assistenten kleine Zielscheiben in die Luft warfen, schoss Konkoly diese im Serienfeuer ab. Er verfehlte keine einzige.
Dafür verfehlte er den Assistenten, der mit einer grossen Zielscheibe durch die Manege lief und sich immer wieder hinter der Scheibe versteckte, die der Meister dann souverän traf.
Alle in Deckung
Schliesslich bekam ich von einem von Konkolys Assistenten eine Einführung ins Bogenschiessen: Füsse parallel und Schulterbreit, linker Arm zum Griff strecken und die Bogensehne mit dem rechten bis zum Kinn ziehen. Der Pfeil sollte dabei mit einer der drei Federsträhnen am Griff vorbeifliegen.
Als ich mich an die praktische Ausführung machte, verschwanden die anderen Teilnehmer aus der Manege. Doby, der gesellige Hund von Organisatorin Claudia Anner, war plötzlich weg und auch «Spirit» wurde offenbar in Sicherheit gebracht.
Fusssoldat statt Reiter
Es dauerte einige Zeit, bis ich die vielen theoretischen Schritte zu einem Bogenschuss zusammenbrachte, dafür steckte der Pfeil dann auch wie eine Eins in der Zielscheibe aus Stroh. Allerdings wäre wohl ohne die gütige Zielhilfe des Ungarn der Pfeil bis nach Mönchaltorf geflogen.
Tipps gab es dann auch von Michel Bakocs, der ebenfalls ein ausgezeichneter Bogenschütze ist: «Den Pfeil nicht auf Augenhöhe nehmen. Der Bogen ist kein Gewehr.» Zudem sei ein Kampfschrei angebracht. Er hatte recht: Mit Kampfschrei versank der Pfeil noch tiefer im Stroh. Zufrieden machte ich mich mit dem Glauben von dannen, dass ich auf gutem Weg war, zumindest ein prima Fusssoldat mit Pfeil und Bogen zu werden.
Die Sandgrueb-Stiftung
Die Sandgrueb-Stiftung in Egg war Sponsor des Wochenend-Workshops «Berittenes Bogenschiessen». Die Stiftung widmet sich hauptsächlich dem Tierschutz, insbesondere der Pferde. Stiftungsgeschäftsführerin Claudia C. Anner sagt, dass beim Anlass die artgerechte Haltung im Vordergrund stehe. «Die Beziehung Mensch-Pferd war mit ein Grund, weshalb wir den Event veranstaltet haben.» Merse Konkoly und seine Ehefrau sind Mitarbeiter einer Pferdeanlage des Stiftungspräsidentenpaares in Ungarn.
