«Ein gut gemachtes Buch kann auch heute noch ein Stichwortgeber sein»
Hinter dem Steuer seines roten Seats wirkt Bernd Zocher riesig. Das liegt teilweise daran, dass das Auto mit einer Beule in der rechten Flanke ziemlich klein ist. Aber auch daran, dass Zocher wirklich sehr gross ist. Hochaufgeschossen, massig, rundes Gesicht. Norddeutscher halt. Denn Berlin, das gehöre zu Norddeutschland, findet Zocher und legt den Rückwärtsgang ein. Auch wenn man das gemeinhin nicht so sehe.
Im Auto sitzt er, weil er lieber nicht in seinem Büro in Zürich Hirslanden sprechen will. Sein Verlag « Zocher & Peter » ist gerade erst hier eingezogen, in diesen Anbau eines unscheinbaren Gebäudes. Die eisernen Regale sind zum grossen Teil noch leer, die neuen Bücher stapeln sich in Migros-Papiertüten. Als der Fotograf fragt, ob man die ausräumen könne, schaut ihn Zocher wenig begeistert an und fragt: « Sieht man mir meine Begeisterung an? » Ein blauer Rolli steht neben einem der drei Schreibtische. « Auf dem Weg zur Ordnung » , nennt Zocher diesen Zustand. Er lacht tiefer als er spricht. « Schön gesagt, oder? »
« Der Tag hat eben 24 Stunden »
Deshalb also verlässt er den Anbau, geht durch den Hintereingang ins Hauptgebäude und durch den Vordereingang wieder hinaus, zwängt sich in den Seat und fährt los.
Den « Zocher & Peter » Verlag haben Zocher und seine Frau Jeanne Peter – die beiden wohnen in Grüningen – im Herbst gegründet. Davor hat er den Elster Verlag geführt. « Die Aktionärs-Mehrheiten hatten sich geändert, die Interessen waren zu verschieden » , sagt Zocher, setzt den Blinker und biegt schwungvoll links ab.
Wo er seinen neuen Verlag in fünf Jahren sehe: « Keine Ahnung. Wissen Sie denn, wo Sie sich in fünf Jahren sehen? » Als Erfolg werten würde er, « wenn wir noch da sind. » Mit einem Verlag Geld zu verdienen, sei schwieriger geworden. « Der Tag hat eben 24 Stunden. Früher gabs das Radio und einen Fernsehsender. Heute ist das Unterhaltungsangebot riesig, der Tag hat aber immer noch 24 Stunden. »
Zocher gluckst trotzdem vergnügt. « Sie haben mich gar nicht gefragt, wo ich den Verlag in 15 Jahren sehe. » Die Antwort auf die Frage, wo er den Verlag in 15 Jahren sehe: « Keine Ahnung. »
Kalter-Krieg-Kind
Er peilt das Restaurant Toto im Seefeld an. Als Zocher nach Zürich in eine Wohnung gleich hier um die Ecke zog, hiess es noch « Drei Linden » . « Das war so eine Mischung aus Restaurant und Kaschemme, öfters schon mittags mit betrunkenen Leuten drin, aber sehr angenehm. Damals war im Seefeld noch alles ziemlich anders, normaler, nicht so Schickimicki » , sagt er weniger vorwurfsvoll als lakonisch-spöttisch. Norddeutscher halt.
Auch wenn das mit dem Norddeutschen eben streitbar ist: Zocher wuchs als Kind eines Zimmermanns und einer Verkäuferin in Westberlin auf. « Mein Vater wäre gerne gebildeter gewesen, aber die Möglichkeiten waren für ihn begrenzt. » Woher sein eigenes Interesse an Literatur kommt, wisse er nicht.
« Irgendwann hatte ich in Berlin das Gefühl, eingesperrt zu sein, wie eine Fliege, die immer wieder gegen ein Fenster fliegt. »
Bernd Zocher
Politisiert worden sei man als Nachkriegskind hingegen fast zwangsläufig. « Oder eigentlich sehe ich mich eher als Kalter-Krieg-Kind. » Als Kennedy « Ich bin ein Berliner » sagte, stand der 12-jährige Zocher auf dem Platz vor dem Rathaus Schöneberg in der Menge. Ganz hinten, « später im Fernseher habe ich mehr gesehen » . Der Mauerbau trennte die Familie von Verwandten im Osten der Stadt. Trauma findet Zocher ein zu grosses Wort für die Erinnerung daran. – « Oh, gehen Sie haushälterisch mit diesem Wort um. Aber, eine Zäsur, ja, das war es schon. »
Die Bedienung stellt eine Stange Bier auf den Tisch. « Vielen Dank » sagt Zocher. Er wirkt seltsam konzentriert dabei, er tut es nicht beiläufig. Er unterbricht seine plaudernde Erzählung über Weltpolitik und die eigene Biografie, blickt der Bedienung ernsthaft ins Gesicht und deutet ein Nicken an. Eigentlich mag er Wein lieber, aber dafür ist es am späten Nachmittag noch zu früh, findet er.
«Mach ich nicht»
Zu seinem ersten Verlagsjob kam Zocher Ende der 70er über Bekannte: Er lektorierte bei einem Kölner Sachbuchverlag. Die anderen Lektoren hatten studiert, Zocher nicht. « Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon so viele Trottel akademischer Herkunft kennengelernt, da habe ich mir gesagt, ‹mach ich nicht›. » « Nein » , bereut habe er das nie, « wieso denn? » . Gross geplant habe er sein Leben oder seine Karriere eigentlich sowieso selten: « Man meandert sich da ja einfach ein bisschen durch, so gut wie’s eben geht. » Was er allerdings gerne noch gelernt hätte: « Latein. Und richtig gut Französisch. »
Wichtiger als der konkrete Job sei ihm gewesen, Berlin zu verlassen: Die Stadt habe zwar viel zu bieten gehabt, « keine Polizeistunde, jedes Wochenende eine Demonstration, es war immer Remmidemmi » . Aber: « Irgendwann hatte ich in Berlin das Gefühl, eingesperrt zu sein, wie eine Fliege, die immer wieder gegen ein Fenster fliegt. »
Gross muss er damals schon gewesen sein, offenbar war das Auto in seiner Jugend noch kleiner: « Ich hatte so einen VW, einen alten Käfer. » In den alten Käfer setzte sich Zocher und fuhr los. « Damals brannten im Ruhrgebiet noch überall die Kamine, diese Flammen der Raffinerien, und ich konnte einfach fahren, bis ich mich nach Köln durchgeschlagen hatte. Das hat sich dann schon nach Freiheit angefühlt. »
« Ich mag gerne mit Menschen zusammen sein »
Zu seinem zweiten Verlagsjob kam er über andere Bekannte: Zocher wurde Verlagsvertreter. Er setzte sich wiederum ins Auto, mittlerweile einen Renault, und tingelte er von Buchhandlung zu Buchhandlung. Unter anderem vertrat er den Zürcher Unionsverlag und lernte so die beiden Verlagsleiter kennen. Sie holten ihn als Lektor nach Zürich. Dem Ruf in die Schweiz gefolgt sei er, weil er die zwei gemocht habe. « Ich mag gerne mit Menschen zusammen sein; wenn das passt, dann ist es schon mal gut. »
« Wissen Sie, einmal wurden in einem Jahr 23 Bücher über Apfelessig herausgegeben, alle hielten das für eine gute Idee. War es aber nicht »
Bernd Zocher
Anschluss habe er in Zürich zwar schnell gefunden, fremd sei ihm die Schweiz anfangs aber trotzdem gewesen. Den Grossteil seines Kölner Bekanntenkreises habe er in Kneipen kennengelernt. « In der Schweiz geht man hingegen alleine in eine Kneipe und kommt alleine wieder raus. Hier wird zuerst im Kalender geschaut, ob man Zeit hat, dann verabredet man sich und schreibt das in den Kalender. »
Von Apfelessig und Harry Potter
Anfang der 90er übernahm Zocher den Elster Verlag, damals in Baden-Baden ansässig, und baute ihn in Zürich neu auf. Daneben war er einige Zeit lang Präsident des Zürcher Bücher- und Verlegervereins.
Vom Elster Verlag übernommen hat « Zocher und Peter » die Betreuung des Werks des 1981 in Zürich verstorbenen deutschen Schriftstellers Walter Mehring, und die Sachbuchreihe « Notblacknotwhite » , die Zocher selber lanciert hat. Eigentlich hasse er ja englische Begriffe auf deutschen Büchern, aber « Nicht schwarz nicht weiss » sei einfach zu sperrig gewesen.
« Das, was man sonst nicht schaffen könnte, kann man schaffen, weil halt tendenziell alle Beteiligten umsonst arbeiten »
Bernd Zocher
Was ein Buch erfolgreich mache, wisse er trotz seiner vier Jahrzehnte in der Branche nicht. « Also ganz in der Null steckt man schon nicht, es gibt Indikatoren, zum Beispiel die Seelenlage der Bevölkerung und so weiter. Aber wissen Sie, einmal wurden in einem Jahr 23 Bücher über Apfelessig herausgegeben, alle hielten das für eine gute Idee. War es aber nicht. Den ersten Band von Harry Potter wollte hingegen lange niemand verlegen. »
Stichwortgeber sein
Ausserdem sei der wirtschaftliche Erfolg auch nicht der einzige Grund, ein Buch ins Programm aufzunehmen: Die « Notblacknotwhite » -Reihe lasse sich zum Beispiel nicht so wirklich mit schwarzen Zahlen verlegen, sagt Zocher. Die publizierten Bände handeln unter anderem von Flüchtlingsprojekten. « Das, was man sonst nicht schaffen könnte, kann man schaffen, weil halt tendenziell alle Beteiligten umsonst arbeiten. »
Trotzdem seien es Bücher wie diese, die ihn motivieren, mit Ende Sechzig nochmals einen Verlag zu gründen. « Ein gut gemachtes Buch kann auch heute noch ein Stichwortgeber sein, man kann damit Einfluss auf die öffentliche Diskussion nehmen. » Und gute Bücher zu machen, sei eigentlich das, was er am besten könne.
Zocher steht auf, wünscht den zwei am Nebentisch einen schönen Tag. Er sagt es zwar im Vorbeigehen, wirkt dabei aber nochmals so seltsam konzentriert und ernst. Er blickt zuerst der Frau, dann dem Mann ins Gesicht. « Und noch alles Gute. »