«Das Gedächtnis von Maur geht»
29 Jahre war er der Manager der Maurmer Gemeindeverwaltung. Nun hat der 60-jährige Gemeindeschreiber Markus Gossweiler auf Ende September gekündigt und tritt ab dann die Stelle als Gemeindeschreiber in Zollikon an.
«Ich bin ein Generalist.»
Markus Gossweiler, Gemeindeschreiber Maur
Für die Gemeinde ist das ein angekündigter Grossbrand mit enormem Datenverlust. Die Gemeinde nehme die Kündigung mit grossem Bedauern zur Kenntnis. «Wir mögen Markus Gossweiler gönnen, dass er sein grosses Know-how und seinen reichen Erfahrungsschatz auch an einem neuen Ort einsetzen kann», heisst es in einer Mitteilung.
«Da Markus Gossweiler schon seit bald dreissig Jahren in der Gemeinde arbeitet, gingen wohl alle davon aus, dass er hier pensioniert wird.»
Delia Lüthi, Vizepräsidentin Gemeinde Maur (FDP)
Vorerst will man in der Gemeinde noch von diesem Wissen zehren. Delia Lüthi (FDP), Vizepräsidentin des Gemeinderats, sagt: «Wir schätzen uns glücklich, ihn noch ein halbes Jahr bei uns im Einsatz zu haben.» Danach soll Markus Gossweiler noch «punktuell» zur Verfügung stehen, um einen «optimalen Wissentransfer» zu gewährleisten. Wie das genau aussehen soll, sei noch nicht beschlossen. Entschieden ist hingegen, dass die Gemeinde ab Juli einen Informationsbeauftragten erhält. Mit dieser Stelle soll vor allem die Kommunikation über die sozialen Medien bedient werden.
Frage der Nachfolgeregelung
Für Delia Lüthi ist die Kündigung überraschend gekommen. «Da Markus Gossweiler schon seit bald dreissig Jahren in der Gemeinde arbeitet, gingen wohl alle davon aus, dass er hier pensioniert wird.»
«Nach seinem Abgang wird es eine Lücke geben, das ist klar.»
Bruno Sauter, ehemaliger Gemeindepräsident Maur (FDP)
Heinrich Wiesendanger ist Gossweilers Vorgänger. Er sagt über dessen Abgang: «Das Gedächtnis von Maur geht.» Wiesendanger lobt den fachlichen Hintergrund Gossweilers. Als ausgebildeter Jurist, Inhaber des Gemeindeschreiberdiploms und einem Masterabschluss der Zürcher Fachhochschule in Public Management habe er sehr gute Grundlagen. «Heutzutage sind Gemeindeschreiber immer wieder mit Rechtsfragen konfrontiert. Es wird schneller gestritten als früher.»
Mehr Anfragen
Gemeindeschreiber Markus Gossweiler relativiert: «Ich bin ein Generalist. Ich weiss zwar über viele Themen Bescheid, doch das Wissen ist nicht so tiefgründig wie das eines Spezialisten.» Die Aufgaben einer Gemeindeverwaltung seien komplexer und geworden und der Zeitdruck habe zugenommen. «Früher landeten vielleicht zwei Anfragen pro Woche aus der Bevölkerung auf meinem Pult. Heute sind es täglich so viele Mails – und diese sollen auch sofort beantwortet werden.» Genaugenommen seien die Ansprüche der Bevölkerung gegenüber der Gemeinde in den letzten Jahren enorm gestiegen. Beklagen wolle er sich darüber nicht, das sei eben der Lauf der Zeit.
Gemeindepräsident Roland Humm (SVP) ist noch bis Anfang April krankgeschrieben. Sein Vorgänger ist der ehemalige Gemeindepräsident Bruno Sauter (FDP). Für Sauter ist Gossweilers Abgang nicht nur fachlich sondern auch «menschlich ein Riesenverlust». «Ein empathischer Mensch geht der Gemeindeverwaltung verloren.» So habe Gossweiler immer für «guten Spirit» in der Verwaltung gesorgt.
Er habe die Zusammenarbeit mit ihm immer sehr geschätzt, sagt Sauter. «Gossweiler hat durchaus auch politisch gedacht und nicht nur Entscheide umgesetzt. Mit seinem Gespür für schwierige Situationen und seinem Wissen konnte er mir wertvolle Ratschläge liefern.»
«Konstruktives Chifle»
Harmonisch sei das nicht immer gewesen, sagt Sauter, doch stets sachdienlich. «An der fehlenden Harmonie bin ich oft auch selber schuld gewesen.» Sauter sagt über sich: «Ich habe einen aggressiven Charme mit einer gewissen Dynamik.» Dies habe bei Meinungsverschiedenheit zu einem «konstruktiven Chifle» mit Gossweiler geführt, sagt er und lacht.
Ernst wird Sauter wieder beim Blick auf die Zukunft der Gemeinde: «Nach seinem Abgang wird es eine Lücke geben, das ist klar.» Wie lange diese Lücke Bestand habe, komme einerseits auf die Gemeindeverwaltung an, andererseits auf die Qualitäten des Nachfolgers. «Die Gemeindeverwaltung und die Behörden müssen während des Übergangs zusammenstehen.»
Gossweiler erinnert sich, dass er beim Vorstellungsgespräch im Jahr 1990 noch gesagt habe: «Ich kann mir vorstellen, dass ich zehn Jahre in Maur bleibe – sicher nicht bis zur Pensionierung.» Doch seit einigen Jahren habe er gedacht, dass der jetzige Job sein letzter sein würde. «Dann habe ich die wohl einmalige Chance erhalten, im Herbst meines Berufslebens noch einmal eine neue, herausfordernde Aufgabe anzupacken», sagt Markus Gossweiler. Dass die Ansprüche der Bevölkerung in Zollikon an der Goldküste höher seien als anderswo, halte er weitgehend für ein Klischee, sagt Gossweiler, dem die Verhältnisse in Zollikon nicht ganz unbekannt seien.
Die erste Liebe
Gossweiler selber spielt seinen Abgang herunter: «Ich bin nicht der Bauchnabel der Maurmer Welt. Auch ohne mich geht die Gemeinde nicht bachab.»
Wehmütig gibt er sich dennoch: «Maur war meine erste Liebe. Die zu verlassen fällt zweifellos schwer» Auf die Frage, was denn die Gemeinde Zollikon habe, was Maur nicht hat, antwortet Gossweiler: «Ich habe objektiv eigentlich keinen Grund, in Maur aufzuhören. Ausser, dass ich dünnhäutiger geworden bin und vermutlich auch in gewissen Dingen etwas betriebsblind. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger kann mit neuem Elan nötige Veränderungen anpacken.»
