Polit-Talent oder Trend-Profiteurin?
Die SP Dübendorf machte in den letzten Jahren nicht unbedingt mit Positivschlagzeilen von sich reden. Zwar konnte sie vor einem Jahr an den Gemeindewahlen leicht zulegen und im Parlament einen Sitz gewinnen – im Fokus stand die Ortspartei aber vor allem deshalb, weil sie es auch nach einer 20-jährigen Durststrecke nicht schaffte, endlich einmal in den Stadtrat einzuziehen. Dübendorf blieb damit die einzige Schweizer Stadt mit über 20‘000 Einwohnern, in deren Exekutive während einer derart langen Zeit nie eine Linkspartei vertreten war.
Vor diesem Hintergrund dürfte es Balsam auf die geschundene Dübendorfer SP-Seele gewesen sein, dass am Sonntag ausgerechnet von der Stadt an der Glatt eine historische Erfolgsmeldung ausging: Mit der 19-jährigen Leandra Columberg wurde eine Vertreterin der SP Dübendorf zur jüngsten Kantonsrätin aller Zeiten gewählt. Den bisherigen Rekord hielt die Mettmenstetterin Hannah Pfalzgraf, eine Parteikollegin Columbergs, die 2018 im Alter von 20 Jahren in den Kantonsrat nachrückte.
Dübendorfer tauschten Plätze
Entsprechend gross ist die Freude beim ehemaligen Dübendorfer SP-Gemeinderat Hans Baumann, der bei der Ortspartei im Vorstand sitzt und für einige so etwas wie die graue Eminenz der Dübendorfer Sozialdemokratie ist. «Es ist toll, dass wir endlich wieder eine SP Kantonsrätin aus Dübendorf haben», sagt er. Die letzte war Andrea Kennel, die von 2005 bis 2007 der kantonalen Legislative angehörte.
Allerdings: Selbst wenn Columberg der Vorstoss vom vierten auf den dritten Listenplatz nicht gelungen wäre, hätte die SP Dübendorf wieder einen Vertreter im Kantonsrat gestellt. Denn auf Platz 3 führten die Sozialdemokraten im Bezirk Uster den Dübendorfer Pascal Scattolin – der am Ende mit Columberg den Platz tauschte und nicht gewählt wurde.
Jusos und Frauen halfen
Scattolin sagte am Tag nach der verpassten Wahl, dass er Leandra Columberg den Erfolg «extrem gönne». «Ich finde es gut, dass nun junge Kräfte in den Kantonrat einziehen.» Persönlich enttäuscht ist der 47-Jährige trotzdem. «Natürlich wollte ich gewählt werden. Aber ich bin Sportler und kann mit Niederlagen umgehen», sagt Scattolin, der einst ambitionierter Leichtathlet und Marathonläufer war. Seine Erklärung für seine Zurückstufung: «Im Moment sind vor allem die Jugendbewegungen und der Klimawandel die angesagten Themen – und weniger die Sozialpolitik, wo ich mich stark engagiere», sagt er. Hinzu komme, dass Leandra Columberg innerhalb der SP sehr gut vernetzt sei.
«Die Vertreter der ‹Generation Klimastreik› sind unglaublich tough, wissen viel und können reden. »
Hans Baumann, Vorstandsmitglied SP Dübendorf
Diese Beobachtung hat auch Hans Baumann gemacht: «Columberg gehört zu den Jungsozialisten und diese unterstützten sich sowohl im Kanton als auch im Bezirk gegenseitig. Sie haben sich gegenseitig kumuliert.» Dasselbe hätten wohl die Frauen getan – was ebenfalls zu Columbergs Erfolg beigetragen habe.
«Generation Klimastreik»
Baumann glaubt, dass Columberg den Anforderungen, die an eine Kantonsrätin gestellt werden, trotz ihres sehr jungen Alters gewachsen ist. «Sie gehört zur ‹Generation Klimastreik›. Deren Vertreter sind unglaublich tough, wissen viel und können reden.»
«Durch seriöse politische Arbeit ist sie mir bislang nicht aufgefallen.»
Orlando Wyss, Dübendorfer Gemeinde- und Kantonsrat (SVP)
Weniger grosse Stücke hält Orlando Wyss auf die frischgebackene Dübendorfer Kantonsrätin. Der Präsident der SVP des Bezirks Uster, der auch Dübendorfer Gemeinderat ist und am Sonntag als Kantonsrat bestätigt wurde, bezichtigt Columberg des «billigen Populismus». Wyss spielt damit auf die Rücktrittsforderung an, die Columberg und die Juso Zürcher Oberland an die Adresse der Leiterin des Dübendorfer Sozialamts erhoben. Unter deren Führung sollen den Linken zufolge mehrere Sozialhilfebezüger in Dübendorf schikaniert worden sein.
Das Zürcher Obergericht hat jüngst entschieden, die Ermächtigung für eine Strafuntersuchung gegen die Leiterin wegen Amtsmissbrauchs nicht zu erteilen. «Mit ihrer Rücktrittsforderung ist Frau Columberg aufgelaufen», sagt Orlando Wyss deshalb und ergänzt: «Durch seriöse politischer Arbeit ist sie mir bislang nicht aufgefallen. Sie konnte wohl einfach vom momentanen Linkstrend profitieren und wurde von ihrer Partei auf der Liste gut platziert.»
Bald im Stadtrat?
Gemäss alt-Gemeinderat Hans Baumann hängt der gute Listenplatz wiederum mit den Fähigkeiten und dem Einsatz Columbergs zusammen. «Sie hat vor den letzten Gemeindewahlen mitgeholfen und sich dort hervorgetan», sagt er. Vor den Kantonsratswahlen sei sie nun als so genannte Campaignerin für den Wahlkampf in mehreren Bezirken verantwortlich gewesen.
Der steile Aufstieg Leandra Columbergs von der Wahlkampfhelferin auf Gemeindeebene zur Kantonsrätin wirft die Frage auf, ob der SP-Shooting-Star in naher oder ferner Zukunft auch die Durststrecke der Dübendorfer Sozialdemokraten im Stadtrat beenden könnte – indem sie sich selbst für die Exekutive zur Wahl stellt. «Ob sie dereinst die beste Kandidatin sein wird, wissen wir jetzt noch nicht», sagt Hans Baumann. Ein definitives Dementi klingt anders.
In den Südstaaten politisiert
Erst im letzten Sommer machte Leandra Columberg (19) in Uster die Matur. Politisiert worden sei sie schon einige Jahre früher, als sie während eines Auslandjahres in Georgia (USA) weilte – zu einer Zeit, als Donald Trump seinen Wahlkampf führte und schliesslich gewählt wurde. «Ich habe Leute kennen gelernt, die Angst um ihre Zukunft hatten und nicht wussten, wie es mit ihnen weitergeht.» Auch die US-Gesundheits- und Bildungspolitik hätten bei ihr kritische Fragen aufgeworfen: «Ein Kollege war nicht versichert, musste aber auf dem Bau arbeiten, um sich sein Studium zu finanzieren.»
Derartige Episoden hätten ihren politischen Kompass nach links gerückt, so Columberg, die nach ihrer Rückkehr in die Schweiz der Juso beitrat. Im Rahmen der Gemeindewahlen 2018 engagierte sie sich für die Dübendorfer SP. Vor den Kantonsratswahlen wirkte sie als «Campaignerin» in den Bezirken Uster und Dielsdorf sowie in den Stadtzürcher Kreisen 11 und 12.
Aktuell ist Leandra Columberg sowohl Vorstandsmitglied der SP Dübendorf als auch Präsidentin der Juso Zürcher Oberland. Im Herbst will sie mit dem Jurastudium beginnen. Ihre Arbeit als Kantonsrätin wird sie zu diesem Zeitpunkt schon aufgenommen haben. Die neue Legislatur beginnt am 6. Mai.