Auf Spurensuche in Dübendorf
Roger Graf, wieso haben Sie ausgerechnet Dübendorf als Handlungsort Ihres neuen Krimis ausgewählt?
Roger Graf: Es gibt einige Gegebenheiten, die in Dübendorf besser zur Handlung passen als in anderen Ortschaften. Das sind einige geografische Aspekte, etwa die Nähe zu Greifensee, Waldrand, Glattpark oder zum Glattzentrum. Aber grundsätzlich könnte die Geschichte auch woanders handeln. Ich kenne mich in Zürich-Nord relativ gut aus, habe aber keinen privaten Bezug zum Ort.
Was stellt für Sie der Reiz dar von sogenannten Regio-Krimis? Gibt es da einen kommerziellen Hintergedanken?
Alle Kriminalromane, in denen Polizisten ermitteln, sind Regio-Krimis, da das Einsatzgebiet der Polizei in der Regel auf eine Stadt oder einen Kanton beschränkt ist. Bei mir sind es die Stadt und der Kanton Zürich. «Das zweite Bild» ist ja bereits der fünfte Fall für Stauffer und sein Team.
«Das zweite Bild»
Dübendorf an einem kalten Wintertag: Ein Mädchen verlässt das Haus, um ihre kranke Freundin zu besuchen. Doch sie kommt dort nie an. Ermittler Damian Stauffer und sein Team nehmen sich dem Fall an. Dann ereignet sich ein brutaler Mord, der einen Zusammenhang mit dem Verschwinden des Mädchens haben könnte.
Nach einer unaufgeregten Vorstellungsrunde kommt «Das zweite Bild» ab Seite 100 in Fahrt. Der Plot nimmt wiederholt eine neue Wendung, immer wieder tauchen neue Verdächtige auf. Dabei verzichtet Graf auf Effekthascherei und behält auch mit zunehmender Spannung seinen nüchternen, zuweilen pedantischen Schreibstil bei. Der einzige echte Schwachpunkt (so viel sei verraten): Der Showdown findet nicht in Dübendorf statt. (tba)
In manchen Passagen gehen Sie sehr detailliert auf lokale Begebenheiten ein. Andere haben gar nichts mit Dübendorf zu tun. Wie intensiv haben Sie recherchiert?
Ich mache keine klassische Recherche mit vielen Notizen. Ich streife umher, mache Fotos und dann sehe ich ein Haus oder eine Strasse und denke, hier könnte diese Szene spielen, oder hier könnte diese Person leben. Ich nehme das reale Dübendorf und mache daraus ein Dübendorf, das es nur in meinem Buch gibt. Es ist ähnlich wie bei einem Gemälde. Man erkennt viel wieder, aber es ist trotzdem ein künstlerisches Produkt. Reale Personen werden Sie in meinen Romanen nie finden, aber Figuren, die real sein könnten.
«In Dübendorf ist es weder besser noch schlechter als anderswo.»
In der Rahmenhandlung ihres Romans sind «die vielen Ausländer» immer wieder ein Thema, oder auch die Schweizer, die sich über die vielen Ausländer aufregen. Ist es das, was Ihnen in Dübendorf aufgefallen ist?
Das ist überall so, man hört die Leute, die ausrufen. Oft steckt da ein persönlicher Frust dahinter und man teilt dahin aus, wo auch einige Politiker austeilen. Aber ich denke in Dübendorf ist es weder besser noch schlechter als anderswo. Eine Stadt ist ja auch nicht einfach die Summe ihrer Bewohner. Es ist die Vielfalt, aber auch die Verbundenheit, die ein städtisches Leben prägen.
Gab es schon eine offizielle Würdigung seitens des Stadtrats oder vielleicht eine Einladung für eine Krimi-Lesung?
Nein, und so etwas erwarte ich auch nicht. Wenn die Menschen meinen Roman mit Spannung lesen, ist das bereits genug der Würdigung. Niemand muss in Dübendorf eine Sackgasse nach mir benennen.
Zur Person
Roger Graf gehört zu den renommiertesten Autoren der Schweiz. Er verfasste mehrere Kriminalromane, wurde aber vor allem durch seine Hörspielserie «Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney» bekannt. Der von Michael Schacht gesprochene, übellaunige Privatdetektiv und Whiskytrinker Maloney ermittelt seit 1989 und hat auf Radio SRF 3 so etwas wie Kultstatus erreicht. Bisher wurden mehr als 400 Folgen produziert.
Graf erhielt für seine Arbeit mehrere Auszeichnungen, darunter den Burgdorfer Krimipreis und im Jahr 2010 der Zürcher Radiopreis. Derzeit befindet sich Graf zusammen mit Michael Schacht und Heinz Margot auf Lesetour, die ihn im kommenden September auch nach Dübendorf in die Obere Mühle führt. (tba)
