«Ich betäubte dieses ungute Gefühl mit Drogen und Sex»
Als Steven Mack 2006 mit Seilen gesichert von der Ganterbrücke im Wallis sprang, rissen diese. Der ehemalige Extremsportler und gebürtige Volketswiler stürzte ab, überlebte, ist seither aber blind.
Seine emotionale Geschichte teilte Mack im Buch «Der Blindgänger» vor acht Jahren mit der Öffentlichkeit. Jetzt gibt es eine ergänzte Neuauflage des Taschenbuchs. «Zueriost» hat den 32-Jährigen getroffen.
Ihr Unfall liegt 13 Jahre zurück. Was hat sich in Ihrem Leben seither verändert?
Steven Mack: Mir fällt es leichter zu sagen, was unverändert blieb. Obwohl ich durch den Unfall meine Sehfähigkeit verloren habe, suche ich nach wie vor viel Bewegung, klettere und erfreue mich an der Natur. Mein Ego und mein Stolz stehen aber nicht mehr im Vordergrund.
Wie meinen Sie das?
Ich habe mich ins Rampenlicht gestellt, gab zahlreiche Interviews, spielte in Filmen mit, veröffentlichte ein Buch und gab Vorträge. Ich hielt mich für etwas Besonderes und habe vollkommen den Blick nach aussen verloren. Nicht, weil ich meine Sehfähigkeit verloren hatte, sondern weil ich dachte, dass sich alles um mich dreht. Heute habe ich verstanden, dass auch meine Familie, meine Frau und ihre Kinder wertvoll sind und ich ihnen Sorge tragen muss.
«Offenbar bin ich zusammengesackt.»
Steven Mack, ehemaliger Extremsportler
Wie kamen Sie zu dieser Einsicht?
Vor sieben Jahren hielt ich in 31 Tagen 28 Vorträge zu meinem Buch «Der Blindgänger». Das war mir eigentlich zu viel, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich betäubte dieses ungute Gefühl mit Drogen und Sex. Dann begegnete ich Sandra. Sie kam im Januar 2012 nach einem Vortrag auf mich zu und sagte mir direkt ins Gesicht, dass ich auf dem falschen Weg sei. Das war für mich wie eine mich mir näher bringende Entblössung. Sie sah hinter meine Fassade und erkannte, dass ich nicht derjenige bin, für den ich mich ausgab.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Offenbar bin ich zusammengesackt. Das war mir aber nicht bewusst. Ihre Worte hatten mich sehr berührt. Das wollte ich aber nicht zeigen. Ich realisierte, dass ich auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzte. Einerseits wollte ich mein Augenlicht zurückerlangen und gab enorm viel Geld für zig Therapieformen aus. Andererseits vermarktete ich meine Erblindung. Das passte nicht zusammen.
«Ich trennte mich von meinem alten Leben.»
Steven Mack, ehemaliger Extremsportler
Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Sandra, in der Zwischenzeit ist sie meine Frau, hat vorgeschlagen, eine Auszeit zu nehmen und mich vollkommen zurückzuziehen. So wie Jesus es getan hat. Ich brach daraufhin alle Kontakte ab, verzichtete auf jegliche körperliche Befriedigung und Berauschung, trennte mich von Handy und Computer – sozusagen von meinem alten Leben. Und ich zog für mehr als einen Monat in eine abgelegene Waldhütte. Es war wie im Kloster, vollkommen still. Ich war ganz allein.
Was war das für ein Gefühl?
Ich hatte viel Zeit, um mich mit mir auseinanderzusetzen. Es klingt komisch, aber ich habe da erst richtig verstanden, dass ich blind bin. Ich bekam die Krise und erlebte den ersten richtigen Zusammenbruch.
War das eine Art Erlösung?
Ja, zumindest fühlte es sich so an. Es spielte keine Rolle, wie ich gerade aussah, was ich trug und wie ich mich verhielt. Die weltlichen Massstäbe verloren für mich an Bedeutung.
«Es gibt Dinge, die ich noch nicht verdaut habe.»
Steven Mack, ehemaliger Extremsportler
Inzwischen haben Sie Volketswil den Rücken gekehrt. Sie leben mit Ihrer Frau und deren Kindern in Adelboden. Wie präsent ist Ihnen die Vergangenheit heute noch?
Anfangs fiel es mir schwer, nach Zürich zurückzukommen, weil alles mit Erinnerungen verknüpft war. Inzwischen macht mir das nicht mehr viel aus. Ich bin gern hier. Es gibt aber auch Dinge, die ich noch nicht verdaut habe und mit denen ich nicht gut umgehen kann.
Zum Beispiel?
Ich traf kürzlich meinen besten Freund Silvio zum Klettern. Das Treffen nahm mich sehr mit, obwohl ich ihn mag. Ich empfinde eine gewisse Eifersucht. Silvio ist Bergführer. Wir haben früher beinahe alles gemeinsam unternommen. Im Vergleich zu mir kann er unbeschwert klettern, ohne Handicap.
Haben Sie jemandem Vorwürfe wegen des Unfalls gemacht?
Ich gebe niemandem die Schuld, nur mir selbst. Das kann ich akzeptieren, damit kann ich umgehen. Bei meinen Freunden und meiner Familie habe ich mich entschuldigt, für das, was Sie durchmachen mussten. Mittlerweile verspüre ich ein Gefühl von Frieden.
Sie halten inzwischen auch wieder Vorträge. Am 6. Februar referieren Sie in Volketswil. Wie kommt es, dass Sie zurück ins Rampenlicht möchten?
Gesucht habe ich das nicht. Menschen in meinem Umfeld gaben mir den Anstoss dazu. Etwas Angst habe ich, dass mir das alles wieder zu viel werden könnte. Deshalb werde ich jetzt aber auch von einem Coach begleitet. Ich will den Leuten aber etwas mitgeben. Wenn es eine Möglichkeit gibt, aus seiner Opferrolle rauszukommen, dann soll man diese Chance ergreifen.
Vortrag in Volketswil
Anlässlich der Neulancierung des Taschenbuchs «Der Blindgänger» von Journalist Niels Walter organisiert «Bächli Bergsport» vier Vorträge mit Steven Mack. Am Mittwoch, 6. Februar, erzählt der 32-Jährige um 20 Uhr in der «Bächli Bergsport»-Filiale in Volketswil aus seinem Leben. Das Buch «Der Blindgänger» ist zudem im Onlineshop des Zürcher Oberländers erhältlich. (tis)