Von «Gschächt zu Gschächt» im Schloss Greifensee
Wer eine Hörprobe urchiger Dialekte bekommen wollte, war an der Jubiläumsveranstaltung Mundartforum im Schloss Greifensee richtig. 80 Jahre Verein Schweizerdeutsch gaben am Samstag Anlass zur Feier. Der Vorstand des Vereins machte in der Begrüssungsrede aber klar, dass man sich nicht mit der Vergangenheit befassen wolle, sondern mit der Gegenwart und der Zukunft des Vereins.
«Sprache kann nicht vererbt werden wie eine Rolex oder ein Goldvreneli.»
Helen Christen, Professorin Universität Freiburg
Ziel sei es insbesondere, den Verein Schweizerdeutsch wieder stärker als Dachorganisation verschiedener dialektinteressierter und dialektpflegerischer Lokalgruppen in der Deutschschweiz zu etablieren. Den teilnehmenden Lokalgruppen aus den Kantonen Basel-Stadt, Schaffhausen, Glarus, Freiburg, Graubünden, Zürich und Bern werde am Anlass Gelegenheit gegeben, sich einem überregionalen Publikum vorzustellen und ein «Müsterli» aus ihrer Dialektregion mitzubringen.
Die «Reissäckler» aus Nidwalden
Ein solches präsentierte auch Helen Christen, Professorin von der Universität Freiburg in ihrem Referat. So würden die Obwaldner ihre Nidwaldner Nachbarn als «Reissäckler» verspotten, weil sie traditionell ein sogenanntes Reissäcklein als Provianttasche mit sich trugen. Christen sagte, dass die Eltern den Dialekt ihren Kindern weitergeben und dieser so auch einen Wandel mitmache: «Sprache kann nicht vererbt werden wie eine Rolex oder ein Goldvreneli», so Christen.
Angst im Schloss
Nach dem Vortrag von Christen, legte Richard Ehrensperger für die Zürcher Gruppe los. Als Bäretswiler hatte der Autor und Mundart-Kolumnist beinahe ein Heimspiel, in sprachlicher Hinsicht war es eins. Er habe heute Morgen den «Päppeli» gehabt. Es sei ihm ein bisschen «schisselig» geworden, als er ins Schloss Greifensee gekommen sei, weil er sich daran erinnern könne, dass die Innerschweizer Truppe mal «radiputz» der Zürcher Besatzung den Kopf abgeschlagen habe, «ä mörderische Sauhuufe». Die Geschichte vom «Pöschtler Aschi» der die Briefe und Karten der Empfänger liest und somit die Geheimnisse der Dorfbewohner kennt, amüsierte die Zuhörer im Saal.
Exotischer wurde es – zumindest für die Oberländer Besucher – beim Auftritt der Walservereinigung Graubünden. Die Bündnerin Elisabeth Hasler-Stoffel sagte, dass das Walserdeutsch einen höchstalemannischen Ursprung habe. Keinesfalls sei es mit dem Churer Dialekt vereinbar: «Churer sagen ‹Kur› zu ihrer Stadt und nicht ‹Chur› wie ünschi Lüüt.»
Wettern über die Jungen
Die Lesung von Erich Bernegger liess dann erst recht erhören, was die Walser Sprache zu bieten hat. Er versuche, sagt Bernegger, eine moderne Geschichte zu erzählen. Oder wie Bernegger es ausdrückte: «Luägä, dass es bits hütiger isch.» In seiner Anekdote beschwert sich die ältere Generation über die Jungen: «Wemer chönti, detämär wiit davo seklä, wenn die Bötschänä mit därä Snowboard und Fallschirm über die Tschüggel abäjugged.» Was übersetzt so viel heisst wie: «Wenn wir könnten, würden wir weit davonrennen von den idiotischen Snowboardern und Fallschirmspringern, die über die Hügel springen.»
«Silber verraatä es wird dir nüüt me graatä. Us Silber wird Roscht.»
Käthi Rhyner alias «Tidi», Academia Glaronensis
Das Herz dürfte bei einigen angesiedelten Glarnern höhergeschlagen haben, als der Auftritt der « Academia Glaronensis » ankündigt wurde. Die Glarnerin Dodo Brunner sagte fast entschuldigend zur Bewandtnis des hochstehenden Namens: «Weil wir Glarner Kurse mit Diplom anbieten, war die Gründung einer Akademie nötig.»
Das sprachliche Müsterli des breiten Glarnerdeutschs kam danach von Käthi Rhyner alias «Tidi». Sie erzählte die Geschichte eines Gnomen und macht sich in der Pointe über einen Glarner Verkehrskreisel lustig, der, mit rostigen Figuren bestückt, die Landsgemeinde darstellen soll: «Silber verraatä, es wird dir nüüt me graatä. Us Silber wird Roscht», sagte Rhyner.
Freiburger Abgrenzung
Schwieriger als der Glarnerdialekt dürfte für die Besucher der Freiburger zu verstehen gewesen sein. Der Verein Kultur Natur Deutschfreiburg hat nach eigenen Angaben 2’500 Mitglieder. SRF-Radiojournalist Christian Schmutz führte tief in den das Freiburgische Senslerdeutsch ein. Schmutz hatte gleich drei Geschichten auf Lager, zum grossen Amüsement der Besucher. Die hatten beim Verständnis des Dialekts offenbar keine Mühe. Mühe hatten dagegen die «Seisler» in Schmutz’ Anekdote, was übersetzt heisst: «Der Seisler het’s böös.» So wechselte er von «Gschächt zu Gschächt». Am Schluss erklärte Vorstandsmitglied Claudine Brohy noch, dass der Freiburger Dialekt keinesfalls mit dem Walliserdeutsch zu verwechseln sei: «Die Seisler sind per Du – die Walliser per Dü». Vielleicht meinte Brohy auch «perdu», so oder so sorgte der Spruch für reichlich Gelächter.
