Braucht es für mehr Züge ins Oberland gar keine Aatal-Doppelspur?
Spätestens in 17 Jahren sollen das Zürcher Oberland und die Region Uster markant bessere Bahnverbindungen erhalten – dies im Rahmen der Verwirklichung des S-Bahn-Ausbauschrittes 2035. Möglich machen dies Investitionen in die Infrastruktur: Primär das zweite Gleis zwischen der Station Aathal und Oberuster sowie die Erweiterung des Bahnhofs Stadelhofen. Unter anderem sollen dann eine zusätzliche schnelle S-Bahn-Verbindung von Wetzikon über Uster nach Oerlikon sowie eine viertelstündliche Anbindung von Pfäffikon und Fehraltorf nach Zürich möglich sein (wir berichteten).
Das tönt alles sehr vielversprechend – und trotzdem wird jetzt eine kritische Stimme laut. Namentlich ist es Philipp Morf von dessen Transportunternehmen-Beratungsfirma Otimon. Gemeinsam mit Claudio Büchel, Professor in der Abteilung Raumplanung an der HSR Rapperswil, nahm er die geplanten Ausbauten unter die Lupe. Dabei hat er verschiedene Punkte ausgemacht, die er hinterfragt.
So moniert Morf die lange Bauphase und die Tatsache, dass der Zeitpunkt 2035 für die Fahrplanerweiterungen zu spät ist. Statt den Fokus auf Grossobjekte zu lenken, fände er es sinnvoller, jetzt die Planung von kleineren Massnahmen anzugehen, welche schrittweise Verbesserungen im Fahrplan zulassen.
«Fehlende Etappenplanung»
Ist aus seiner Sicht der Ausbauschritt 2035 also kein grosser Wurf? «Grundsätzlich sind die ausgegebenen Ziele nicht weit entfernt von einem wirklich guten Zustand», räumt er ein. «Was mir aber fehlt, ist eine Etappenplanung.» Man definiere zwar Zielsetzungen, wie man den Weg dahin zu gestalten gedenke, werde aber nicht aufgezeigt. «Dabei sollten doch auch in dieser Zwischenzeit fahrplanmässig Verbesserungen angestrebt werden.»
«Die Züge der S5 und der S14 fahren dicht hintereinander über diese Strecke, man hat hier also zwei Linien gebündelt. Dasselbe könnte man doch auch mit der S15 machen, und unmittelbar vor oder dahinter diese neue S-Bahn verkehren lassen.»
Philipp Morf, Verkehrsplaner
Konkret glaubt Morf, dass gerade für das Oberland selbst ohne die Ausbauten Verbesserungen möglich wären. Er meint, dass beispielsweise die vergangene Woche vom Zürcher Verkehrsverbund ZVV, den SBB und vom Bundesamt für Verkehr ins Spiel gebrachte neue, schnelle S-Bahn-Verbindung Oerlikon–Uster–Wetzikon bereits vor der Erstellung der Doppelspur im unteren Aatal machbar wäre. «Die Züge der S5 und der S14 fahren dicht hintereinander über diese Strecke, man hat hier also zwei Linien gebündelt. Dasselbe könnte man doch auch mit der S15 machen, und unmittelbar vor oder dahinter diese neue S-Bahn verkehren lassen.»
Und im Raum Schwerzenbach–Dübendorf–Wallisellen erachtet Morf bereits mittelfristig das aktuellen Bahnangebot als nicht mehr ausreichend. Er bringt daher eine zusätzliche S-Bahn-Linie ins Spiel, die diese Gemeinden bedienen würde.
Wichtiges Oerlikon
Auch für die Zeit nach 2035 macht sich Morf Gedanken. Dem Bezirk Pfäffikon wünscht er eine direkte Verbindungen nach Oerlikon. So wie es gegenwärtig mit der in den Stosszeiten verkehrenden S19 der Fall ist – und die es gemäss seiner Aussage spätestens ab 2035 in dieser Form nicht mehr gibt. Dann werden die Züge ab Pfäffikon zwar den ganzen Tag alle 15 Minuten verkehren, allerdings nicht mehr über Oerlikon. «Dabei nimmt die Bedeutung von Oerlikon als Wohn- und vor allem auch als Arbeitsort enorm zu.»
Zudem sorgt er sich um die heute guten Anschlüsse der S5 in Pfäffikon SZ für Graubünden-Reisende. Nach 2035 dürften dort die Reisenden von der S5 zwar einen unmittelbaren Anschluss in Richtung Sargans erhalten, aber auf Kosten des Anschlusses in Richtung Chur.
Ein fragiles System
Bei der Konsumentenorganisation Pro Bahn Schweiz – von der man angesichts ihrer Funktion davon ausgehen kann, dass sie jede weitere Angebotserweiterung begrüsst – betrachtet man die Überlegungen von Philipp Morf und dessen Firma mit einer gewissen Skepsis. Denn grundsätzlich findet man das Gesamtpaket «Ausbauschritt 2035» eine gute Sache. «Rein von der Nachfrageseite aus betrachtet, kann man das durchaus so machen, wie es das BAV und der ZVV jetzt vorschlagen», sagt Urs Schaffer von der Pro-Bahn-Sektion Zürich.
«Nur schon beim kleinen Zwischenfall droht das System wie ein Kartenhaus zusammen zu fallen.»
Urs Schaffer, Pro Bahn Schweiz Sektion Zürich
Im Gegensatz zu Philipp Morf glaubt er nicht, dass auf der Achse Wetzikon–Uster–Stadelhofen bereits vor den Ausbauten im Aatal und in Stadelhofen noch Kapazitäten für mehr Züge vorhanden sind. Im Minutenbereich könne man vielleicht noch etwas optimieren, meint er zwar, gibt aber postwendend zu bedenken, dass bereits heute die Zugdichte sehr gross sei. «Wenn man diese noch mehr verengt, droht nur schon beim kleinen Zwischenfall das System wie ein Kartenhaus zusammen zu fallen.» Gewisse Reserven seien unabdingbar, um die Fahrplanstabilität aufrechterhalten zu können. «Ausserdem sollte nicht vergessen werden, dass auch der Güterverkehr von SBB Cargo zwischen die S-Bahn-Züge eingefädelt werden muss.» Aus Sicht von Pro Bahn Schweiz sei das vierte Gleis in Stadelhofen unverzichtbar, ebenso die durchgehende Doppelspur im Aatal.
Anschlussverlust kein Drama
Morfs Bedenken wegen dem anzunehmenden Verlust der Direktverbindungen aus dem Bezirk Pfäffikon nach Oerlikon teilt Schaffer nicht. «Betrachtet man die effektive Nachfrage, kann man es so machen, wie es der ZVV vorsieht.» Über die Bücher müsste man nur dann gehen, wenn im Bezirk Pfäffikon hinsichtlich Siedlungentwicklung über Erwarten viel passieren würde.
Und den Wegfall des Anschlusses der S5 in Pfäffikon SZ auf den Regio-Express-Zug Richtung Bündnerland erachtet Schaffer sogar als vernachlässigbar. «Aufgrund der Erhebungen ist die Nachfrage Oberland–Chur nicht so gross. Da auch der Regio-Express ab Pfäffikon SZ halbstündlich verkehrt, ist aus unserer Sicht eine gewisse Wartezeit vertretbar.»
Abstellplätze im Oberland?
Philipp Morf sind im Zusammenhang mit dem «Ausbauschritt 2035» der Zürcher S-Bahn zahlreiche Punkte ins Auge gestochen. Darunter auch die Frage, wo denn die zusätzlichen S-Bahn-Kompositionen abgestellt werden sollen. In der Tat sprach am vergangenen Donnerstagabend anlässlich der Behörden- und Medieninformation über das Grossvorhaben ZVV-Verkehrsplaner Christian Vogt von 60 zusätzlichen Zügen à 150 Meter Länge – und dass es für diese Abstellflächen zu finden gelte, was nicht ganz einfach werden dürfte.
Morf geht davon aus, das zumindest eines dieser Abstellgleise im Raum Zürcher Oberland/Rapperswil eingerichtet wird. «Aus planerischer Sicht ist das der beste Ort. In Zürich gibt es keinen Platz mehr und Winterthur ist zu weit weg.»
