«Dann ist es zu spät, noch einmal zurückzugehen und anders zu leben»
Herr Weber, Sie leiten die Palliative Care am GZO Wetzikon. Heisst das, Sie helfen Menschen zu sterben?
Andreas Weber: Jein. Bei Palliative Care geht es darum, dass man mit einer schweren, unheilbaren Krankheit trotzdem noch möglichst gut leben und – wenn der Zeitpunkt dann kommt – sterben kann. Viele Menschen meinen aber, bei Palliative Care gehe es nur ums Sterben.
Worum geht es sonst noch?
Primär um eine Verbesserung der Lebensqualität. Dazu braucht es Ärzte und Pflegende, die auf der physischen Ebene agieren, die das Leiden lindern. Ein gutes Leben zu führen, bedeutet nicht nur, keine Schmerzen zu haben. Man braucht Hilfe auf der sozialen Ebene, auf der seelischen und psychischen Ebene im Umgang mit grossen Ängsten, vielleicht auch mit Verzweiflung, mit Fragen nach dem Sinn des Lebens. Eine gute Palliativ Care besteht aus einem Netz von Menschen: Fachleute, Angehörige, Ehrenamtliche.
«Momentan betreuen wir gerade eine 35-jährige Frau mit zwei kleinen Kindern zu Hause.»
Andreas Weber, Leiter Palliative Care am GZO Wetzikon
Was ist ein typischer Fall für die Palliativmedizin?
Häufig haben wir Patienten mit einer Krebserkrankung. Meist im Stadium, wo der Krebs bereits streut im Körper und klar ist, dass es keine Chance auf Heilung gibt. Das heisst allerdings nicht automatisch, dass auch die Behandlung endet. Mit einer Palliativen Chemotherapie kann man die Metastasen manchmal noch für Monate oder Jahre in Schach halten. Krebs ist eine Krankheit, die alle Altersklassen betrifft. Momentan betreuen wir gerade eine 35-jährige Frau mit zwei kleinen Kindern zu Hause. Typisch sind auch Patienten mit fortgeschrittener Herz-, Lungen- oder neurologischen Erkrankung.
Sie sind quasi der Botschafter des Todes. Haben die Patienten Angst vor Ihnen?
Wenn die Menschen ein falsches Verständnis von Palliative Care haben und denken: «Jetzt geht’s ans Sterben», dann ist es schwierig. Wir machen einmal pro Woche Visite mit den Onkologen. Wenn wir dann mitkommen ans Bett und uns als Palliativteam vorstellen, schauen uns die Leute manchmal erschrocken an und fragen: «Steht es jetzt schon so schlimm um mich?» In seltenen Fällen weiss der Patient nicht einmal, dass seine Krankheit unheilbar ist. Oder er will es nicht wissen. Immer mehr Menschen wissen aber, worum es bei Palliative Care geht und sind extrem froh, dass wir in Krisensituationen rund um die Uhr helfen können.
Wie beginnt ein Gespräch zwischen Ihnen und einem Patienten?
Eine meiner ersten Fragen ist: «Wie sehen Sie den Verlauf Ihrer Krankheit und was haben Ihnen die Ärzte gesagt?» Einige sagen dann: «Laut meinen Ärzten sollte ich schon seit einem halben Jahr tot sein.» Ich habe auch schon Patienten besucht, die hatten sich einen Countdown auf dem Handy eingestellt. «Ich habe noch 175 Tage zu leben», sagten sie mir und zeigten mir den Bildschirm. Das ist verrückt und stimmt natürlich auch überhaupt nicht. In solchen Momenten merken wir, dass wohl ungeschickt kommuniziert worden war. Ich würde nie einem Patienten sagen, dass er nur noch sechs Monate zu leben hat.
Was würden Sie sagen?
«Von 10 Menschen mit ihrer Krankheit sind nach einem halben Jahr fünf nicht mehr da.» Das lässt auch die Hoffnung offen, dass die betroffene Person zu den anderen fünf gehört, die noch länger als ein halbes Jahr leben. Vielleicht sogar noch viel länger.
Was sagen Sie, wenn ein todkranker Patient wissen will, ob er noch geheilt werden kann?
Wenn ich sehe, dass es der Person extrem wichtig ist, noch auf Heilung hoffen zu können, dann sage ich manchmal: «Ja, es kann immer Heilung geben, es gibt ja auch Wunder, aber sie sind halt sehr selten.» Ich frage meine Patienten auch, ob sie über ihre Prognose informiert werden möchten, ob sie wissen wollen, was wir beispielsweise auf dem Ultraschall gesehen haben. Eine meiner Patientinnen glaubt an Alternativmedizin und ist der Überzeugung, dass diese sie heilen wird. In solchen Fällen beenden wir dann die Untersuchungen aber auch irgendwann – alles andere wäre sinnlos.
Wie ist das für einen Schulmediziner, wenn er die Behandlung aufgrund von Alternativmedizin abbrechen muss?
Mich stört manchmal einfach, wie viel Geld und wertvolle Zeit in solche Therapien investiert wird, die eine Heilung versprechen. Das tut die Schulmedizin nicht. Aber sie informiert auch nicht besonders gut, das muss ich zugeben. Die Leute verstehen oft nicht, was sie haben oder was sie erwartet.
Bringt man den Palliativärzten eine Terminologie bei, wie sie am besten mit den Patienten sprechen?
Die jungen Medizinstudenten besuchen mittlerweile einen kleinen Kommunikationskurs. Aber wie man beispielsweise Statistiken verständlich kommuniziert, dazu gibt es immer noch keine Ausbildung. Auch im Internet finden Sie wenig Verständliches. Als Patient ist es total mühsam, sich ein Bild über Prognose, Nutzen und Risiken einer Behandlung zu machen. Für mich besteht hier grosser Handlungsbedarf.
«Sie muss sich unbedingt Gedanken darüber machen, was mit dem Baby passiert.»
Andreas Weber, Leiter Palliativ Care am GZO Wetzikon
Die sagen Hoffnung ist wichtig. Doch wie bringen Sie unheilbar kranke Menschen dazu, sich nicht sinnlos ans Leben zu klammern, sondern auf den Tod vorzubereiten?
Das kann schwierig sein. Das kleinste Kind meiner 35-jährigen Patientin ist erst 14 Monate alt, sie ist geschieden, der Ex-Mann lebt in Deutschland. Sie muss sich unbedingt Gedanken darüber machen, was mit dem Baby passiert. Ich versuche das offen anzusprechen: «Was möchten Sie noch erledigt haben, wenn es jetzt halt anders kommt, als Sie hoffen? Wenn Sie alles erledigt haben und dann doch noch viel länger leben, ist es ja auch nicht schlimm.»
Sie behandeln Ihre Patienten oft zunächst im Spital und dann später Zuhause…
…genau. Über 90 Prozent der Personen, die wir im Spital behandeln, dürfen wieder heim und werden weiter von uns unterstützt. Da sind wir nach wie vor fast ein einmaliges Team in der Schweiz. Es ist sehr schön, die Menschen, die man zuvor in dieser anonymen Umgebung gesehen hat, bei sich zu Hause zu erleben. Diese individuelle Welt ist hochspannend. Für uns ist der Hausbesuch aber auch wichtig, um das Umfeld einzuschätzen: Wo und wie wohnen die Patienten? Wer sonst lebt im Haushalt? Gibt es Nachbarn, die helfen könnten? Der erste Hausbesuch ist meist der wichtigste.
Weshalb?
Weil wir da quasi die Grundregeln aufstellen. Ich frage dann: «Wie gerne leben Sie in letzter Zeit?» und: «Wie wäre es für Sie, plötzlich über Nacht zu sterben?» Einige Patienten antworten: «Ich lebe noch schampar gerne, wenn ich heute Nacht sterben würde, wäre das eine Katastrophe.» Umgekehrt gibt es aber viele Menschen, die sagen: «In der Nacht einfach einzuschlafen, wäre das Schönste.»
«Wenn sie im Notfall nicht gerettet werden wollen, dann lassen wir sie sterben.»
Andreas Weber, Leiter Palliativ Care am GZO Wetzikon
Wieso stellen Sie diese Fragen?
Wir müssen wissen, ob wir das Leben der Patienten medizinisch verlängern sollen oder nicht. Anhand der Antworten der Patienten richten wir einen Notfallplan ein, der uns sagt, was in Krisensituationen zu tun ist: Dieser Patient will noch alles, bis zur Reanimation oder dieser Patient will einfach keine Schmerzen leiden, ist aber bereit, zu gehen.
Bei gewissen Menschen nimmt man in Kauf, dass sie sterben?
Ja. Wenn sie im Notfall nicht gerettet werden wollen, dann lassen wir sie sterben.
Wie viele Menschen in der Region wollen zu Hause sterben und wie viele können es auch wirklich?
Etwa 75 Prozent der Befragten würden gerne in ihrem eigenen Bett sterben. Im Durchschnitt sind es im Kanton Zürich aber nur 18 Prozent, die wirklich so gehen dürfen. Anders sieht es bei unserer Auswertung aus: Rund 65 Prozent der Patienten, die von unserem Palliative-Care-Team unterstützt worden sind, konnten dank der Notfallplanung und unserem 24-Stunden-Pikettdienst Zuhause sterben.
Wie ist es für Sie, wenn einer ihrer Patienten nicht im eigenen Bett sterben kann?
Gerade gestern hatten wir einen Fall, der mir schrecklich leid getan hat. Wir mussten eine 84-jährige Frau mit einem schweren Herzproblem in ein Pflegheim einweisen. Sie hätte so gerne zu Hause bleiben und sterben wollen. Dort fühlt sie sich einfach wohl, kennt jede Ecke. Sie hat von Anfang an klargemacht: «Ich will nichts, das mein Leben verlängert.» Obwohl sie sich nichts mehr wünscht, stirbt sie einfach nicht. Sie hat sich sogar überlegt, mit Exit zu gehen. Aber hier stehen ihr ihre religiösen Überzeugungen im Weg. Wir haben dann über Sterbefasten gesprochen, das ist aber hart. Sie traute es sich nicht zu, einfach nichts mehr zu essen und zu trinken.
Was kann ich tun, um meine Chancen zu erhöhen, gut zu sterben?
Das beginnt schon sehr früh. Man sollte so leben, dass es keine Rolle spielt, wie lange man noch lebt, sondern nur, wie man lebt.
«Ein bekannter Psychiater, sagte einst: ‹Ein guter Tod setzt voraus, dass man ohne Reue gelebt hat›.»
Andreas Weber, Leiter Palliativ Care am GZO Wetzikon
Auch eine 30-jährige Person?
Ja. Die Dauer des Lebens sollte nicht das Ziel sein, sondern die Tiefe. Was ich ganz schlimm finde, sind Leute die sagen: «Das Leben ist hart und der Job gefällt mir auch nicht. Aber wenn ich dann pensioniert bin…» So häufig kommen die Pensionierung und der Krebs zusammen. Und dann ist es zu spät, noch einmal zurückzugehen und anders zu leben. Irvin Yalom, ein bekannter Psychiater, sagte einst: «Ein guter Tod setzt voraus, dass man ohne Reue gelebt hat.»
Tun Sie das?
Ich arbeite daran. Ob ich es erreicht habe, weiss ich nicht. Aber ich versuche mein Leben stets so geregelt zu haben, dass ich gehen könnte. Dazu gehört auch eine differenzierten Patientenverfügung und vielleicht ein Vorsorgeauftrag. Meine Kinder sind noch in Ausbildung, das heisst beispielsweise, das Finanzielle muss stimmen. Vor einem Jahr habe ich auf einer Skitour einen Freund in einer Lawine verloren. Das hat mich wach gerüttelt: Wir können alle – auch ohne Krankheit – jeden Tag sterben.
Selbstbestimmung am Ende des Lebens
Am Montag, 5. November, beginnt im Zentrum Heilig Geist in Wetzikon die dreiteilige Veranstaltungsreihe «Licht ins Dunkel» zum Thema Palliativ Care. Im Zentrum steht dabei die Selbstbestimmung am Ende des Lebens.
Der erste Anlass wird mit einer Begrüssung von Stadtrat Remo Vogel eröffnet. In einem Pantomime-Theater setzt sich dann Damir Dante mit dem Tod und dem Sinn des Lebens auseinander.
Am Montag, 19. November, referieren der Notar Thomas Glanzmann über den Vorsorgeauftrag und der Leiter der Palliative am GZO Wetzikon Andreas Weber über die Patientenverfügung.
Am Montag, 26. November, beleuchtet der Theologieprofessor für theologische Ethik Hanspeter Schmitt das Thema Selbstbestimmung am Ende des Lebens aus philosophischer Sicht.