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Er reiste bis an die Grenzen des eigenen Verstands

Vor vier Jahren zog der Ustermer Severin Weilenmann in die Welt hinaus, um mehr über das Bewusstsein zu lernen. Er traf Kampfkunst und Yoga-Meister, baute ein Haus, meditierte in Thailand tagelang in einer Kristallhöhle. Zurück in der Schweiz stellte er sich seiner grössten Angst.

Severin Weilenmann in einer Meditationspose in seinem Studio in Wetzikon., Severin Weilenmann vollführt eine Bewegung aus dem Tai Chi.

Nicolas Zonvi

Er reiste bis an die Grenzen des eigenen Verstands

Severin Weilenmann hat ein Haus gebaut, oder vielmehr einen Tempel, für Kampfkunst, 18 Meter in der Diagonale, darüber Wohnräume, mit einem unglaublichen Blick über die sattgrüne Vegetation und am Morgen auf den Sonnenaufgang. Severin Weilenmann hat von diesem Gebäude geträumt, er ging aussen herum, sah die acht Ecken, ein Oktagon, und dann hat er es gezeichnet.

Der Ustermer hat viel geträumt in jener Zeit auf der philippinischen Insel Palawan. Und meistens hat er dabei nicht einmal geschlafen. Denn dort, in dieser besonderen, scheinbar der Welt entrückten Gemeinschaft, hat er gelernt, im Wachzustand zu träumen, tief in sein Innerstes zu reisen, wo die Dualität, Gut und Böse, Hell und Dunkel, nicht mehr existiert, fast wie in Trance, aber anders. Und irgendwann, da kam sie, die Erkenntnis. Er war angekommen. Und er verstand.

Die letzte verbliebene Angst

Jetzt ist Severin Weilenmann wieder zurück. Der 31-Jährige wohnt in Uster. In Wetzikon hat er sein Studio. Hier unterrichtet er Yoga, macht Thai-Yoga-Massage, bietet Innerdance an. Sich selbstständig zu machen, das war die letzte verbliebene, die grösste Angst, der er auf seiner Reise in sich selbst begegnet ist. Der musste er sich stellen.

Er liebt es zu lernen. Zu üben. Zu repetieren. Immer wieder. Sich durchzubeissen.

Doch wovor fürchtete er sich überhaupt? Als Sekundarlehrer im Vikariat ist er finanziell abgesichert, Arbeit gibt es genug. Dennoch war da diese Angst, nicht zu genügen, nicht genug zu verdienen – und letztlich zu scheitern. Das muss man aushalten, dann wird es besser. Schliesslich ging es beinahe wie von alleine: Eine Kollegin bot ihm an, ihr Studio mit ihm zu teilen, zu denkbar niedrigen Fixkosten. Und die Leute interessieren sich für seine Arbeit.

Es läuft gut – keine neue Erfahrung für Severin Weilenmann. Er gehört zu den Menschen, bei denen es immer vorwärts geht, deren Tag deutlich mehr als 24 Stunden hat. Er liebe es zu lernen, sagt er. Zu üben. Zu repetieren. Immer wieder. Sich durchzubeissen. Einen Plan verfolgt er nicht. Er hört auf sein Herz – und macht.

Die Unruhe drängt 

Mit 12 beginnt Severin Weilenmann mit Kung-Fu und Yoga, macht eine Ausbildung zum Polymechaniker mit BMS, studiert an der Pädagogischen Hochschule, macht den Master, arbeitet als Vikar in verschiedenen Gemeinden, unterrichtet Kung-Fu, Yoga auch, trainiert, immer wieder, stählt seinen Körper, fährt Snowboard, Skateboard, Motorrad, steht auf dem Surfbrett, holt sich mit seiner Hip-Hop-Combo LDDC immer mehr Fame, verbringt Zeit mit seiner Familie, hat eine Freundin, hat Freunde, viele sogar, geht in den Ausgang. Woher diese Antriebskraft kommt, weiss er nicht. Nicht genau. Es hat sicher auch mit seiner inneren Unruhe zu tun, die ihn begleitet und ständig drängt.

Er kennt die Tiefs, hat mehr als zehn Freunde verloren, die meisten bei Autounfällen.

Er bekommt ein Burn-out. Mit 26. Wenn die Menschen mit ihm sprechen, dann versteht er sie nicht. Die einzelnen Wörter kann er deuten, doch er bekommt sie nicht in einen Zusammenhang. Severin Weilenmann kann nicht mehr schlafen, wird depressiv. Es ist nicht so, dass in seinem Leben immer nur eitel Sonnenschein herrschte. Er kennt die Tiefs, hat mehr als zehn Freunde verloren, die meisten bei Autounfällen. Doch jetzt geht nichts mehr, alle Systeme auf null. Er ist das erste Mal in seinem Leben gescheitert.

Nun kennt er seine Grenzen

Severin Weilenmann päppelt sich langsam auf, denkt viel nach. Irgendwann die Einsicht: Er hat das, was er ist, immer über seine Leistung definiert. Das will er ändern, um nicht mehr ins gleiche Fahrwasser zu kommen. Nach einem halben Jahr hat er es überstanden, arbeitet mehr als vor dem Burn-out, am Tag als Heilpädagoge, abends unterrichtet er Kung-Fu. Aber er kennt nun seine Grenzen, weiss, wann er aufhören muss.

Doch das Bewusstsein. Darüber will er mehr lernen. Und dann ist da noch dieses Kribbeln, das er seit seiner Jugend immer wieder spürt. So wie das Gefühl, wenn man die Hände zwanzig Sekunden aneinander reibt. Kurzwellige Vibrationen. Aber am ganzen Körper. Die einen nennen es Bioplasma, Feinstoffenergie, die Hindus sagen dazu Prana, die Chinesen Qi, andere sagen: Bullshit, gibt es nicht!

Er macht sich auf die Suche. Auf Sizilien trainiert mit einem Meister der chinesischen Kampfkunst Baguazhang. In Sri Lanka geht er Windsurfen. In Thailand tanzt er erst Salsa auf Bangkoks Dächern, arbeitet als Choreograf in einer Schweizer Schule. Auf dem Land findet er Kristallhöhlen, in denen er stundenlang meditiert. Tagelang. Schliesslich der Kontrast: die Partyinsel Ko Tao. Die Leute saufen, flippen aus, Techno, bumm-bumm-bumm. Severin Weilenmann weiss auch, wie man feiert. Aber das?

Ein verrückter Ort 

Er wechselt auf die Philippinen, trainiert Eskrima, eine weitere Kampfkunstart. Und vertieft sein Wissen über Yoga. Sein Lehrer ist ein 70-Jähriger, der aussieht wie 50, ein beeindruckendes Sixpack hat. Severin Weilenmann traut seinen Augen nicht, als der Alte aus dem Lotussitz fliessend und scheinbar mühelos in den Handstand wechselt. Es ist 35 Grad im Schatten, mehr als 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, und der Typ vergiesst dabei kein Tröpfchen Schwei

Und dann: Maia Earth Village. Auch so ein verrückter Ort. Eine Gemeinschaft aus Lehrern, Heilern, Künstler, Musikern, die mal da sind, mal wieder nicht, ein paar einfache Gebäude inmitten immergrüner Natur, alles durchtränkt von Liebe und Spiritualität. Hier geht man nicht einfach vorbei und klopft an. Besucher müssen sich im Internet anmelden, diverse Fragen beantworten, und dann erst einmal warten, bis sie vielleicht eingeladen werden.

Als freiwilliger Lehrling kommt man nur mit einer Empfehlung rein. Severin Weilenmann hat eine, von einem, den er auf der Reise kennengelernt hat. Er hilft mit, wo Arbeit anfällt, meditiert, macht Yoga, dazwischen aufs Surfbrett. Und, das ist eine Bedingung für seinen Aufenthalt: Er macht Innerdance, die Reise in sich selbst, wo die Dualität nicht mehr existiert, fast wie in Trance, aber anders, nämlich bei vollem Bewusstsein. Die Nahrungsaufnahme beschränkt er auf Rohkost und Kokosnussfleisch. Er bebt vor lauter Energie, schläft kaum noch, meditiert, trainiert, und immer wieder Innerdance.

Leute verhungern

Doch in das Glück mischt sich Sorge. Severin Weilenmann hat miterlebt, wie Menschen in ihrer Euphorie aufgehört haben zu schlafen. Die sind irgendwann einfach umgekippt. Das war auf Bali, einem Hotspot von Sinnsuchenden aus aller Welt. Da sterben Leute, weil sie auf Lichtnahrung umstellen und verhungern. Nicht im Maia Earth Village, dort schauen die Leute aufeinander. Darauf vertraut er. Doch Severin Weilenmann will es nicht zum Äussersten kommen lassen, schaltet einen Gang runter, nimmt wieder mehr Nahrung zu sich. Fängt an sein Haus zu bauen, ein Geschenk für die Gemeinschaft. Handwerker und Leute aus der Community helfen ihm, ein Architekt rechnet alles durch. Wenn immer das Ersparte aufgebraucht ist, geht es zurück in die Schweiz, als Lehrer Geld verdienen.

Auf den Philippinen, weit weg vom Alltag, kommt er gut ohne tierisches Eiweiss und Fett aus.

Jetzt ist das Haus fertig, und Severin Weilenmann ist am Ende seiner Suche angekommen. Deshalb bleibt er erst einmal hier, in diesem komplett anderen, geerdeten Leben. Er verzichtet nicht auf Alkohol, geniesst ab und zu mal ein Stück Fleisch, wenn er dazu eingeladen wird. Auf den Philippinen, weit weg vom Alltag, kommt er gut ohne tierisches Eiweiss und Fett aus. Doch in der Schweiz, bei all dem Stress, der Kälte, dem Lärm, da braucht er diese zusätzliche Energie.

Er hadert auch mit sich 

Auch sonst ist er kein Heiliger. Ausgerechnet er, Sohn eines Schweizer Vaters und einer venezolanischer Mutter, musste feststellen, dass er Vorurteile hat. Diese erkennt er in seiner Psyche, wie er sagt, und reagiere darauf mit Liebe.

Severin Weilenmann hadert, mit sich selbst, und mit der Menschheit, die in seiner Wahrnehmung entwicklungstechnisch in der Adoleszenz stecken geblieben ist, den eigenen Planeten zerstört, anstatt erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Die sich selbst in Religionen einteilt und separiert, anstatt wie eine Spezies, wie Brüder und Schwestern, zusammen zu leben. Und wahres Bewusstsein zu erlangen.

Seinen Schülern will er auf diesem Weg helfen. Nicht als Guru, nicht als Meister, er oben, sie unten. Er will, dass sie besser werden als er, auf dass sich die Menschheit ein kleines bisschen weiterentwickelt. Und mit ihr auch er selbst.

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