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Wetzikon: Sogar das Rotlichtgewerbe stöhnt

An der Bahnhofstrasse in Wetzikon schliesst ein Laden nach dem anderen. Die Krise macht auch vor dem horizontalen Gewerbe nicht Halt.

I.M. in der «Villa 45». Der 31-Jährige hat das Bordell vor einem Jahr übernommen.

Seraina Boner

Wetzikon: Sogar das Rotlichtgewerbe stöhnt

Es ist das älteste Gewerbe der Welt. Krisenfest, könnte man meinen. Doch in Wetzikon kämpfen selbst die Bordelle ums Überleben. «In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich viel verändert.», sagt I.M. (Name der Redaktion bekannt). Der 31-Jährige führt die «Villa 45» an der Zürcherstrasse 45. «Das Geschäft läuft nicht mehr so gut, wie auch schon.»

«Wetzikon ist ein hartes Pflaster.»
Wetziker Bordellbetreiber

Laut der Lustmap, ein Guide für Sexhungrige im Internet, gibt es in Wetzikon acht Bordelle. Das sind mehr als in jeder anderen Gemeinde im Zürcher Oberland. Doch daraus könne man nicht schliessen, dass das Geschäft in Wetzikon boome. «Wetzikon ist ein hartes Pflaster», sagt der Geschäftsführer eines anderen Bordells, der anonym bleiben möchte.

Besuch in der «Villa 45»: Bordeauxrote Teppiche, Barhocker aus rotem Leder, die Fenster mit schweren Vorhängen verhüllt. Auch die Betten in den sieben Zimmern sind aus rotem Leder, darauf liegt fein säuberlich frisch gewaschene Bettwäsche. Auf einer Ablage neben dem Bett liegen Nastücher, zwei Packungen Feuchttüchlein, eine Tube Gleitcreme.

Das Bordell in einem uralten Haus an der Zürcherstrasse 45 wirkt edel und gepflegt. Darauf ist Betreiber I.M. stolz. «Wir gehören zu den Besten hier in Wetzikon», ist er überzeugt. Acht bis zwölf Frauen arbeiten hier, sie sind zwischen 20 und 35 Jahren alt, die meisten stammen aus dem Ostblock.

«Um unsere Stammkunden zu halten, müssen wir solche Aktionen machen.»
I.M., Betreiber der «Villa 45»

Sie sind nicht angestellt, sondern selbstständig erwerbend, zahlen I.M. eine Gebühr für Miete und Vermittlung der Freier. Doch während hier noch vor wenigen Jahren reger Verkehr herrschte, ist heute der Kampf um Kunden knallhart geworden. Und so versucht er, die Freier mit Aktionen in die «Villa 45» zu locken. Kostet normalerweise eine halbe Stunde 120 Franken, sind es am Sonntag 90 Franken. «Daran verdienen wir nichts», sagt I.M. «Doch um unsere Stammkunden zu halten, müssen wir solche Aktionen machen.»

Einem anderen Wetziker Bordellbesitzer, der anonym bleiben möchte, stossen solche Aktionen sauer auf. «Der Preisdruck führt dazu, dass die Situation der Prostituierten ausgenutzt wird», sagt er und senkt die Stimme. «Es wird beispielsweise immer wieder ungeschützter Verkehr verlangt.»

Und nicht nur das. Die Erwartungshaltung der Kunden sei manchmal jenseits von Gut und Böse. Ganz anders als früher, sagt er, der schon seit Jahren im Business tätig ist. «Manche Freier haben keinen Respekt. Sie denken, sie bekommen von den Frauen alles. Und wenn nicht, werden sie ungemütlich.»

«Der Preisdruck führt dazu, dass die Situation der Prostituierten ausgenutzt wird.»
Wetziker Bordellbetreiber

Früher sei das Geschäft nicht nur ein bisschen besser gelaufen, sondern viel besser. Warum sich das geändert hat, darüber können die Bordellbetreiber nur spekulieren. «Die Leute haben zwar Geld, aber sind geizig geworden», sagt I.M.

Dies beobachtet auch sein Berufskollege. «Vorsicht ist eine Schweizer Tugend», sagt dieser. «Die Leute haben lieber jeden Rappen auf der Bank, weil sie Angst davor haben, was noch kommen könnte.» Zudem hätten sich die Möglichkeiten verlagert, das Internet spiele auch eine Rolle. «Trotzdem denke ich, es müsste nicht so sein.»

Er selbst betreibt in Wetzikon nicht nur ein Bordell, er wohnt auch hier. «Die Entwicklung ist wirklich deprimierend. Abends wirkt Wetzikon wie eine Stadt im Libanon während der Ausgangssperre.» Er frage sich oft, wie es weitergehen solle. Um auf einen anderen Beruf umzusatteln, sei es jetzt zu spät. «Ich mache das schon zu lange. Ich werde das noch ein paar Jahre durchziehen und hoffe, dass ich es bis zur Pensionierung schaffe.»

«Abends wirkt Wetzikon wie eine Stadt im Libanon während der Ausgangssperre.»
Wetziker Bordellbetreiber

I. M. hat ursprünglich Lebensmittelverkäufer gelernt, seit zehn Jahren ist er im horizontalen Gewerbe tätig. Seit sechs Jahren arbeitet er in der «Villa 45», hat das Bordell vor einem Jahr übernommen. «Ich verdiene immer noch mehr als ein Lebensmittelverkäufer. Solange das so ist, mache ich weiter.»

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