Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Politik

«Ich hoffe, mir schreiben Menschen mit Ideen»

Die Stadt Uster will die Rechte der Behinderten stärken. Dabei hilft Elisabeth Hildebrand als Inklusionskoordinatorin. Im Interview spricht sie über Veränderungen in Uster, die das Leben der Menschen mit Beeinträchtigung einfacher machen sollen.

Elisabeth Hildebrand kümmert sich schon lange um die Bedürfnisse von Behinderten. Seit Oktober auch in der Stadt Uster.

PD

«Ich hoffe, mir schreiben Menschen mit Ideen»

Frau Hildebrand, wie beginnen Sie Ihren Tag als Inklusionskoordinatorin?

Ins Büro in Uster gehen, allen ‹Hallo› sagen, Kaffee holen und dann am PC schauen, was mir wer geschrieben hat.

Wer soll Ihnen denn schreiben?

Ich hoffe Menschen, die Ideen haben. Das müssen keine Experten sein, sondern Leute aus der Bevölkerung. Jemand hat mir beispielsweise eben erst geschrieben, dass es auf den Bahnsteigen nicht ausreichend Sitzgelegenheiten hat.

Wie gehen Sie dieses Problem an?

Ich stelle Kontakt zu den Verantwortlichen her, in dem Fall zu den SBB. Das will ich in den nächsten  Tagen tun. Die SBB sollen aufmerksam gemacht werden, dass es Leute gibt, die nicht mehr so lange stehen können. Zwei Minuten warten ohne Sitzbank kann schon reichen, um ein Problem zu bekommen.

Sie nehmen jede Anfrage ernst?

Grundsätzlich schon. Natürlich müssen wir auch abwägen, was machbar ist oder nicht. Ich bin momentan noch am Evaluieren, was vorangetrieben werden muss. Ich bin noch nicht so lange in Uster. Ich weiss aber schon wo die Einkaufsmöglichkeiten sind, die gute Bäckerei, das Familienzentrum und der Holzwurm. Ich laufe viel durch Uster um die Stadt kennenzulernen. So ist mir auch die neue Migros im Illuster aufgefallen, die ist ja riesig. Ich denke, dass Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung oder solche, die lange Wege nicht in Kauf nehmen können, Mühe haben, sich dort zu orientieren.

Was würden Sie einem Migros-Verantwortlichen in diesem konkreten Fall sagen?

Ich würde ihm anbieten, mit mir zusammen durch den Laden zu gehen und zu schauen, was Hindernisse sein könnten. Ich bin mehr so der praktische Mensch. Natürlich kann ich der Migros nicht sagen, was «falsch» ist, aber ich kann sie darauf hinweisen, was verbessert werden könnte. Dass der Kunde bei einem kleinen Einkauf nicht mehr den ganzen Weg durch den Laden bis zur Kasse machen muss, wäre so ein Beispiel. Oder auch den Ausgang zu finden bereitete mir beim ersten Besuch Mühe.

Können Sie überhaupt noch irgendwo hingehen ohne ständig daran zu denken, wie Sie noch etwas für Behinderte tun können?

Mit der jahrelangen Arbeit mit Menschen mit Behinderung, bekam ich auch deren Bedürfnisse mit. Wenn jemand zu mir kam und sagte, dass sie am Abend tanzen gehen wolle und als einzige Möglichkeit das «Kaufleuten» habe, fragt man sich schon, wie man das ändern kann. Diese Menschen wollen den Kontakt mit Menschen ohne Behinderung und wollen keine eigene isolierte Gruppe sein. 

Wo gibt es in Uster schon konkrete Projekte?

Beim Kino Central wollen wir zusammen mit dem Betreiber Qtopia und «Hörfilm Schweiz» ein Audiodeskriptives System einführen. Damit werden für Sehbehinderte Szenen eines Films über Kopfhörer beschrieben, die sie selber nicht sehen können. Letzte Woche hatten wir deswegen ein Meeting. Die Stadt Uster hat beschlossen 20‘000 bis 25‘000 Franken für den Kauf eines solchen Systems aufzuwenden. Dieses ist portabel und lässt sich auch bei anderen Veranstaltungen in der Stadt einsetzen.

Auch die einfache Sprache soll den Zugang für alle erleichtern?

Wir wollen die Webseite der Stadt vereinfachen. Manche Seiten enthalten teilweise eine  schwere Sprache, wo auch ich zweimal lesen muss, um alles zu verstehen. Die Einladungen für die Kick-Off-Veranstaltung wurde bereits versucht in einfacher Sprache zu formulieren. Auch der Name der Leistungsgruppe wurde von ‹Soziokultur› in ‹Kindheit, Jugend und Inklusion› umgetauft.

Inklusion ist aber nicht gerade ein einfaches Wort.

Tatsächlich haben wir bis jetzt kein einfaches Wort dafür gefunden. Angedacht wurde etwa «Teilhabe». Doch dieses Wort ist auch nicht viel einfacher. Wir versuchen deshalb den Begriff Inklusion populärer zu machen, indem er häufig gebraucht wird.

Wenn das nicht gelingt, könnten Sie damit leben, plötzlich Teilhabe-Beauftragte zu sein?

Natürlich. Nur der Inhalt ist bei diesem Projekt wichtig, nicht der Name. Grundsätzlich geht es bei der Inklusion darum, dass sich nicht der Mensch an die Umwelt anpassen soll, sondern die Umwelt an den Menschen. Wir wollen Sensibilisierung schaffen, das heisst, dass den Leuten bewusst wird, dass Menschen mit Beeinträchtigung ebenfalls Teil der Gesellschaft sind und genau die gleichen Möglichkeiten haben sollen, am Leben teilzuhaben. Wichtig ist, dass in Uster ein Solidaritätsgedanke in der Bevölkerung entsteht.

Bei Ihrer Aufgabe werden Sie von einer Begleitgruppe unterstützt.

Ja. Diese soll möglichst repräsentativ sein. Das heisst etwa gleich viele Frauen wie Männer sollen in der Begleitgruppe vertreten sein. Ebenso sollen auch Experten aus der Wissenschaft beiwohnen. Auch sollen Betroffene mitwirken können, also Menschen mit Beeinträchtigung, da sie genau wissen, was sie brauchen und sind deshalb enorm wichtig. Fest eingeplant sind zudem städtische Mitarbeiter, wie beispielsweise vom  Abteilung Bau. Wie viele es insgesamt werden ist noch nicht klar. Etwa 13 Menschen sollen die Gruppe am Schluss umfassen.

 

Zur Person
Elisabeth Hildebrand arbeitet seit dem 1. Oktober als Inklusionskoordinatorin der Stadt Uster. Sie ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat Sozial- und Erziehungswissenschaften studiert. Ehrenamtlich hat sie sich in verschiedenen Projekten zur Inklusion und gesellschaftlichen Teilhabe engagiert. Neben ihrem beruflichen Engagement in Uster wird sie ihr Masterstudium in Politikwissenschaften an der Universität Zürich fortsetzen.
Hildebrand ist gebürtige Deutsche, ledig und wohnt in Zürich. Die 31-Jährige spielt in ihrer Freizeit Gitarre und singt. Auch klettern gehört zu ihren Hobbys.
Am Mittwoch, 31. Oktober, ab 18 Uhr wird die Stadt Uster eine öffentliche Veranstaltung im Werkheim zum Thema «Inklusionsstadt Uster» durchführen. An diesem Anlass wird sich die neue Inklusionskoordinatorin Elisabeth Hildebrand persönlich vorstellen.

 

Inklusion
Mit der Leistungsmotion «Gleichstellung für Menschen mit Behinderung fördern» hatte der Gemeinderat Ende 2017 einen Grundstein für das Ziel «Inklusionsstadt Uster» gelegt. Für die befristete 80-Prozent-Stelle der Inklusionskoordinatorin sind bis Ende 2021 inklusive Arbeitsplatzkosten 120‘000 Franken budgetiert worden. Für die Umsetzung verschiedenster Massnahmen hat der Gemeinderat zudem einen zusätzlichen, jährlich wiederkehrenden Kredit von 100 000 Franken zur freien Verfügung gesprochen. Andreas Wyss, Leistungsgruppenleiter Kindheit, Jugend und Inklusion sagt, dass es nach 2021 keine Inklusionskoordinatorin in jetziger Form mehr brauchen sollte und die Stelle somit wieder aufgelöst werden kann.  Wie es mit der Inklusionsstadt Uster  nach Abschluss des Projektes weitergehen wird, entscheidet dann der Gemeinderat, so Wyss.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns