Bis das Publikum Walzer tanzte
Schon bevor es im gefüllten Cafe zum Hut über die Wendeltreppe in den kleinen Saal nach oben ging, wies die Wienerin Naemi Latzer hinter dem Tresen auf die ungewohnte und grantige Art eines Wiener Kellners hin. «Man mag es oder mag es nicht. Egal wie freundlich man ist, die sind halt so», meinte Latzer. Wer schon einmal in Wien gewesen sei, der wisse über was sie spreche. Bei bereits angeheiterter Stimmung wartete das Publikum auf Einblicke in das Wiener Stadtleben aus der Perspektive einer Zürcherin.
Vergleiche passen nur oberflächlich
Aurelia Staub schaffte es im Duo mit Naemi Latzer, das Publikum gänzlich auf ihre Seite zu ziehen. Man könnte sage, die Gruppe war im festen Griff zweier Wienerinnen. Eine davon zwar zugewandert, doch durch ihre aufgeschlossene Art schon beinahe selbst ein Stadtoriginal. «Unsere beiden Länder sind so ähnlich. Könnte man meinen. Und eben doch nicht», sagte Staub. Zwar beides Alpenrepubliken, klein und eigenartig. Von der Geschichte, dem Essen und den Dialekten her aber unterschiedlich. «Österreich hat die Vergangenheit, die Völkermonarchie; Kaiser, Paläste, berühmte Schlachten und obendrauf noch die Sissi. Die Schweiz hat die alte Eidgenossenschaft und die Schlacht am Morgarten zu verzeichnen.»
«Unsere beiden Länder sind so ähnlich. Könnte man meinen. Und eben doch nicht»
Aurelia Staub
Auch kulinarisch hätten beide nicht gerade viel zu bieten. Mit unterschwelligem Humor, ohne verachtend zu klingen, schrie Naemi Latzer: «Marillenknödel, Griesknödel, Speckknödel, Semmelknödel – Knödel, Knödel, Knödel! Ach ja, das gute Schnitzel gilt es zu erwähnen – und die «Mannerschnitten», könnte man übrigens mit dem «Kägifrett» vergleichen». Die Schweiz habe den berühmteren Käse. Sonst sei da nicht so viel, was beide Nationen auf einen Nenner bringen würde. Zudem: Der Knödel hat es nie über die Schweizer Grenze geschafft. Weshalb blieb den beiden Damen bis heute unbekannt. «Dafür gibt es in Wien jetzt einen Käseladen, der von einem Schweizer geführt wird», sagt Staub. So nah und doch so fern, seien die beiden Alpennationen.
Als Staub ihr erstes Fitnessfrühstück in Wien bestellte, kriegte sie einen Kaffee Melange, einen Kaffee mit Kakaobeimischung, und eine Zigarette. «Kein Witz!», sagt Staub. Noch immer sei es üblich, dass man in Wiener Kaffeehäusern einzelne Zigaretten kaufen könne, trotz des Rauchverbots. «Wir verteilen sie heute gratis.» Latzer und Straub machten die Runde.
Der Schweizer sei ja eher ein leiser Zeitgenosse und ziehe sich in unangenehmen Situationen lieber zurück, scheue die Konfrontation als noch einen Spruch draufzuhauen. Die Wiener mögen die Konfrontation. Streiten inklusive des dazugehörigen Argumentierens werde schon in den Kinderschuhen geübt. Und eben diese lockere Art, dieses «Ja keh, ja waaa, ja siiichaa». Ein stets leicht angewiderter Tonfall, dennoch liebenswürdig.
Die Energie des «Schmähs»
Weibliche Power von zwei Damen, die sich offensichtlich gut verstehen. Beide wohlgekonnt im Rampenlicht, Naemi Latzer brachte den Schmäh als Wiener Schauspielerin noch lebhafter in die Runde. «Jetzt gibt’s noch ne Runde Sturm!» Teilvergorener Traubenmost, um noch ein Stück Wien ins Cafe zum Hut zu streuen. Dazu ein kleines Quiz: «Wie nennt man den Stephans Dom in Wien? Steffl.» «Was ist ein Grätzl? Und was meint die Wienerin, wenn sie fragt: «Willst du einen auf die Pappen!?»
«Ein Schritt links, ein wenig Hüfte, ein Schritt rechts und dann nach vorn.»
Latzer und Staub beim Walzer erklären
Zum Abschluss als Schmankerl gab es den Walzer. «Ein Schritt links, ein wenig Hüfte, ein Schritt rechts und dann nach vorn.» Vielleicht war es der «Sturm», der dafür sorgte, dass alle bereitwillig mitmachen wollten.
An Silvester ist der Walzer übrigens überall zu sehen. Um Punkt Mitternacht läuft über alle Wiener Radiosender der Walzer. Es wird vor dem Fernseher zuhause oder auf öffentlichen Plätzen getanzt. Auch vor dem «Steffl» sind an Neujahr schwingende Tanzbeine zu beobachten.
