Uster-Touris und Bundesräte
Zumindest von offizieller Seite her gebärdet man sich in Uster im öffentlichen Auftritt immer urbaner: Es gibt ein Stadtraum-Projekt, eine Standortförderung, Ansätze von Alternativkultur und sogar Urban-Gardening-Aktionen. Doch ausgerechnet jetzt, wo Uster so etwas wie eine städtische Corporate Identity entwickelt und auch als Stadt wahrgenommen werden will, verkündet Usters einziger Tourismusverein sein Ende.
Zugegeben, so richtig urban sind die Wurzeln von «Uster Tourismus» nicht. Den Verein gibt es seit 106 Jahren, einst nannte er sich «Verkehrsverein» und war unter anderem für Blumen und Sitzbänkli auf Ustermer Gebiet verantwortlich – ein Pendant zu den Verschönerungsvereinen, die vor allem in dörflichen Gemeinden auch heute noch aktiv sind.
Mit dem Aufkommen des Internets und mit der S-Bahn-Verbindung nach Zürich begann das beschauliche Uster mehr und mehr mit der Welt zusammenzuwachsen. Nicht nur die Ustermer wurden mobiler, auch Auswärtige verschlug es immer öfter in die Stadt. Diesen bei Anfragen zur Verfügung zu stehen wurde eine neue Kernaufgabe des Verkehrsvereins, der sich fortan «Uster Tourismus» nennen sollte.
«Vor allem Kleingewerbler auf Durchreise machten immer wieder in Uster Halt.»
Fred Vögeli, Präsident «Uster Tourismus»
«Vor allem Kleingewerbler auf Durchreise machten immer wieder in Uster Halt», erinnert sich Fred Vögeli, der Präsident des Vereins. «Wir vermittelten auf Nachfrage Hotels und Bed&Breakfast-Möglichkeiten oder stellten ein Sightseeing-Programm zusammen.»
Blocher und Leuenberger
Entsprechend dem neuen Fokus war «Uster Tourismus» fortan räumlich beim lokalen Ableger des Reisebüros Kuoni angeschlossen, später dann bei «Uster Reisen» von Hans-Peter Fischer, der auch bei «Uster Tourismus» im Vorstand sitzt. Als das Ustermer Reisebüro Anfang Jahr Konkurs ging, begann «Uster Tourismus» die Geschäfte von den Räumlichkeiten des Grafik-Unternehmens «Senn Communication» aus zu führen.
Mit grösseren Tourismus-Organisationen wie «Zürich Tourismus» oder auch mit «Zürich Oberland Tourismus» lässt sich das Ustermer Kompetenzzentrum für Fremdenverkehr nicht mal ansatzweise vergleichen. Der Verein hat eine feste Stelle im Umfang eines 20-Prozent-Pensums. Ein Grossteil der Arbeit wird von den Vorstands- und Passivmitgliedern ehrenamtlich verrichtet. Aktivmitglieder gibt es nicht.
Zu tun gibt es genug: Denn nicht nur der Tourismus im engeren Sinn gehört zum Aufgabenbereich des Vereins. «Uster Tourismus» ist auch für die Organisation mehrerer Anlässe verantwortlich, die seit Jahren ihren festen Platz im Ustermer Veranstaltungskalender haben: Der Kinderflohmarkt, die Stadtparkserenaden und die 1.August-Feier.
Für den Nationalfeiertag ist innerhalb des Vereins seit Jahrzehnten Rolf Niebergall verantwortlich. Ihm gelang es, prominente Redner wie die Bundesräte Christoph Blocher und Moritz Leuenberger oder die Nationalräte Ruedi Noser und Petra Gössi nach Uster zu locken.
Ein letzter Effort
Gössi war die diesjährige 1.August-Rednerin in Uster. Es war das letzte Mal, dass Niebergall einen solchen Auftritt im Namen von «Uster Tourismus» ankündete. Noch einmal werden er und andere Vorstandsmitglieder die Feierlichkeiten im kommenden Jahr organisieren, gleiches gilt für die Stadtparkserenade und den Kinderflohmarkt. Dies allerdings nicht als Angehörige von «Uster Tourismus» sondern als Privatpersonen. Denn den Verein wird es 2019 nicht mehr geben, per 31. Dezember ist Schluss.
Der Hauptgrund für das Aus sei vor allem die Tatsache, dass sich zuletzt zu wenig freiwillige Helfer gemeldet hätten, sagen Vögeli, Fischer und Niebergall übereinstimmend. «Es sind dieselben Probleme mit denen auch viele andere Vereine zu kämpfen haben. Das Freizeitverhalten, gerade der Jungen, verändert sich», sagt Fischer.
«Das Freizeitverhalten, gerade der Jungen, verändert sich.»
Hans-Peter Fischer, Vorstandsmitglied «Uster Tourismus»
Angesichts solcher Entwicklungen half auch die städtische Unterstützung nichts mehr: Denn der Verein Uster Tourismus erhält von der Stadt Uster seit geraumer Zeit einen jährlichen Grundbetrag ausgezahlt, zuletzt waren es 48‘000 Franken pro Jahr.
Kein Büro mehr
Folgerichtig wird es ab 2020 die Stadt – genauer die Abteilung Präsidiales – sein, die die Organisation der 1. August-Feier und der Stadtparkserenade übernimmt. «In Zusammenarbeit mit den Ustermer Vereinen», wie Standortförderin Sandra Frauenfelder sagt.
Bei Frauenfelder dürften künftig auch die Fäden für den eigentlichen Tourismus zusammenlaufen. «Die Bereiche Standortmarketing und Tourismus sind ohnehin schon stark miteinander verwoben», sagt sie. Deshalb mache es Sinn, wenn «touristische Anfragen» an die Standortförderin gerichtet werden.
« Die Bereiche Standortmarketing und Tourismus sind stark miteinander verwoben. »
Sandra Frauenfelder, Ustermer Standortförderin
Ein Büro, das fast ausschliesslich der Abwicklung touristischer Angelegenheiten dient, wird es unter Frauenfelder kaum geben. Jedoch könne sie die Wünsche von Besuchern auffangen und an die geeigneten Stellen weiterleiten. Frauenfelder nennt das Beispiel einer Stadtführung, die von einem Unternehmen gewünscht wird, das in Uster zu Besuch ist. «Eine solche würde ich nicht selbst designen und schon gar nicht selbst durchführen, aber ich kann sie aufgleisen.» Anfragen, bei denen es um touristische Aktivitäten in der Region gehe, werde sie an «Zürich Oberland Tourismus» weiterleiten.
See, Saurier, Silberweide
Ein runderneuertes Programm für Uster-Touristen dürfte es trotz neuen Zuständigkeiten kaum geben. Die Hauptsehenswürdigkeiten bleiben wohl jene, die Besuchern auch von den «Uster-Tourismus»-Verantwortlichen jeweils ans Herz gelegt wurden: Der Greifensee, der Industrielehrpfad und für Familien das Saurier-Museum Aathal oder die Naturstation Silberweide. Und auch der Umgang mit Gästen, die eine Vorliebe fürs Nachtleben haben, dürfte sich sobald nicht ändern: «Diese haben wir jeweils nach Zürich geschickt», sagt Vögeli.