Abo

Politik

Pro Fischenthal: Das Ende kommt zu spät

Eigentlich wäre die Idee hinter Pro Fischenthal gut gewesen. Doch mangelnde Moderation liess das Portal ein ganzes Dorf vergiften. Ein Kommentar zum Schluss von Ressortleiter David Kilchör

Pro Fischenthal: Das Ende kommt zu spät

Pro Fischenthal ist Geschichte. Das Portal entstand vor rund drei Jahren mit dem Anspruch, den Dorfpolitikern stärker auf die Finger zu schauen und Themen aufs Tapet zu bringen, die für den Gemeinderat unangenehm waren. Der Blog bewegte zunächst einiges in Fischenthal: Ein Whistleblower legte Ende 2015 etwa massive Kommunikationsmängel zwischen Gemeinderat und Schulpflege offen, was sich die beteiligten Politiker zu Herzen nahmen. Zudem führte der Gemeinderat kurz nach dem Start von Pro Fischenthal einen Newsletter für die Bevölkerung ein. Doch nun hat sich die Sache offenbar totgelaufen.

Dabei wäre die Idee so schlecht nicht gewesen. Ein digitaler Ort, nur dafür geschaffen, lokale Themen kontrovers zu diskutieren. Da hat es ebenso Platz für Wutbürger wie für Allversöhner, für Verschwörungstheoretiker und Rationalisten. Das hätte konstruktiv sein können. Doch die Anonymität machte das Forum einseitig.

Anonymität bringt Schlechtes hervor

Dass Anonymität in der Welt des Internets oftmals das Schlechte in den Menschen hervorbringt, ist nichts Neues. Forumstrolle übernahmen denn auch auf Pro Fischenthal die Macht. Das ebnete den Weg für Salven persönlicher Angriffe, grenzend an Ehrverletzung, Beschimpfung, üble Nachrede und andere Tatbestände, die durchaus rechtliche Konsequenzen haben könnten. Die Folge: Keiner traut keinem mehr in Fischenthal. Ein vergiftetes Politklima, hinter dem keine Namen, keine Gesichter stecken, sondern nur bitterböse Worte.

Doch die Anonymität hätte nicht zwingend dazu führen müssen, dass ein Internetblog mit Gerüchten und Beleidigungen ein ganzes Dorf vergiftet. Die Betreiber des Portals mussten jeden einzelnen Kommentar eigenhändig freischalten. Hätten sie sich an die Regeln des Anstandes gehalten, wäre eine konstruktive Diskussionskultur möglich gewesen. Doch von Moderation spürte man auf der Website nichts.

Impressumspflicht missachtet

Damit haben sich die Betreiber des Portals ins eigene Fleisch geschnitten. Denn juristisch gesehen müssen sie im Zweifelsfall für alle beleidigenden Kommentare auf ihrer Website geradestehen – ob sie nun anonym sind oder nicht. Kommt dazu, dass die Pro-Fischenthal-Betreiber sich nicht einmal an die seit sechs Jahren geltende Impressumspflicht hielten.   An die Öffentlichkeit wagten sich die Personen hinter dem Blog nie. Im Gegensatz zum nach Fischenthaler Vorbild entstandenen Pro Bauma.

In ihrem Abschieds-Statement stellen die Betreiber es so dar, als seien sie mit den jüngsten Kommentarfluten zur Schuldebatte überfordert. Etwas mehr als 60 Kommentare in einer halben Woche mutmasslich ungefiltert freizuschalten, scheint allerdings kein plausibler Überlastungsgrund zu sein. Vielmehr dürfte dem so genannten parteiunabhängigen Bürgerforum Fischenthal langsam aber sicher klar geworden sein, dass sein juristisch problematisches Treiben nicht auf alle Zeit gut gehen kann, auch wenn sich bislang kein Kläger gegen die Macher gewehrt hat. Die Schliessung des Portals ist der richtige Entscheid, allerdings kommt er zu spät. Das Gift ist überall. Und es wird lange dauern, bis im Dorf wieder Ruhe einkehren kann.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.