«In Uster stirbt man nicht einfach so drauflos»
Es wurde oft gelacht am Mittwochabend beim Vortrag zum Thema selbstbestimmtes Sterben. Dafür sorgte einerseits ein lockeres Publikum, andererseits die Zwischenbemerkungen im Vortrag des Ethikers und Theologen Heinz Rüegger.
Vor Rüegger ergriff im Pflegezentrum «Im Grund» Karin Fehr das Wort. Sie ist als Abteilungsleiterin Gesundheit oberste Chefin der Heime Uster. «Wenn ich hier so in die Runde schaue, dann wird klar, dass dieses Thema erst ab einem gewissen Alter beschäftigt», sagte Fehr vor 80 Zuhörern. Dabei gehe die Frage alle an, wie Menschen in unserer Gesellschaft sterben dürfen, sollen oder können.
«Früher hat man die Lungenentzündung ‹The old man’s friend› genannt.»
Heinz Rüegger, Ethiker und Theologe
Dann trat Rüegger ans Rednerpult. Eine Frau habe ihn kürzlich gefragt, ob es noch verantwortlich sei, nach einer Hirnblutung das Zuhause zu verlassen und sich in einem Heim pflegen zu lassen, statt sofort zu Sterben und das Geld den Kindern zu vermachen. Eine solch schwierige Frage hätte man sich früher gar nicht stellen müssen, als die medizinische Versorgung noch nicht so weit fortgeschritten gewesen sei. «Wenn Sie das unbehaglich finden, müssen sie in den Dschungel von Burkina Faso in eine Blockhütte ziehen. Dort ist die nächste medizinische Station so weit weg, und Sie müssen deshalb bei einem Notfall keine Entscheidungen mehr fällen, weil Sie vor der Ankunft in der Station tot sind.» Aber in der Schweiz, fuhr Rüegger unter Gelächter fort, sei das eben anders: «Wenn Sie am Bahnhof Uster eine Herzschwäche haben, dauert es keine drei Minuten und es kommt jemand mit einem Defibrillator angerannt. In Uster stirbt man nicht einfach so drauflos.»
Sterben – oder doch nicht?
Vermeintlich Sterbende seien oft ambivalent in ihren Entscheidungen, sagte Rüegger. Er habe selber als Seelsorger eine Frau betreut, die sich in ihrem Berufsleben als Pflegeleiterin bestens mit dem Thema Sterben auskannte. Diese habe ihm versichert, sie wolle bei einem grösseren Vorfall nicht lange «Firlefanz» machen und die Pflegenden informiert, keine lebensverlängernden Massnahmen zu unternehmen. «Als sie dann aber eine starke Lungenentzündung hatte, wollte sie sofort Antibiotika.» Diese hätten nicht sofort angeschlagen, worauf sie im selben Satz gesagt habe: «Die Antibiotika sollen endlich wirken, ach, wenn ich doch nur sterben könnte.»
«Sterben soll professionell und nach Qualitätsmerkmalen erfolgen, quasi ein Iso-zertifiziertes Sterben sein.»
Heinz Rüegger, Ethiker und Theologe
Gerade eine Lungenentzündung komme häufig vor und sei eine einfache Art zu sterben: «Früher hat man die Lungenentzündung ‹The old man’s friend› genannt.» Diese Volksweisheit besage, dass man von einer Lungenentzündung wie von einem Freund begleitet wird, der hilft, leichter ins Jenseits zu gehen.
Rüegger erklärte, dass die Möglichkeit eines leichten Todes selten bekannt sei: «Wer weiss denn, dass man bei einem Nierenversagen eine einmalige Chance hat, einfach so friedlich wegzudösen?» Ein Nierenspezialist werde bei einem Nierenversagen dem Patienten raten, unbedingt eine Dialyse machen zu lassen. Das sei eine aufwändige Prozedur für die Betroffenen und koste rund 70‘000 Franken.
Rasch und «sec» sterben
Rüegger untermauerte seinen Vortrag immer wieder mit Zahlen: «Das Sterben hat in den letzten hundert Jahren Veränderungen durchgemacht.» 1912 erreichten nur acht Prozent der Menschen das 80. Lebensjahr, 2015 waren es bereits 61 Prozent. Auch sterbe man heute nicht mehr einen kurzen heftigen Tod, sondern meist langsam an den Folgen einer längeren Erkrankung. «Dabei wollen laut Umfrage die meisten rasch und sec sterben – am Abend einschlafen und am Morgen nicht mehr aufwachen.»
«Normalerweise, wenn die Leute von selbstbestimmtem Sterben hören, denken sie sofort an die Sterbehilfeorganisation Exit», sagte er. Dabei entspreche das nur rund zwei Prozent der Tode, die unter selbstbestimmtem Sterben erfasste werden. Rund die Hälfte der Leute stirbt in Heimen, ein Drittel im Spital und nur ein Sechstel Zuhause oder an einem Unfallort. Dabei wünschten sich 80 Prozent der Leute, zuhause zu sterben.
Iso-zertifiziertes Sterben
Sterben ist immer mehr in den Zuständigkeitsbereich der Ärzte und der Pflegenden gerutscht. «Sterben soll professionell und nach Qualitätsmerkmalen erfolgen, quasi ein Iso-zertifiziertes Sterben sein.» Diese Vorstellung fanden viele Zuhörer lustig. Es sei ein Problem, wenn sich die Medizin als «Kampftrupp» gegen das Sterben stelle. Denn daraus entstehe die Angst der Leute, dass sie wegen der ärztlichen Versorgung nicht rechtzeitig sterben dürften und den «Weisskitteln» ausgeliefert seien. Weitere Ängste von Betroffenen seien Leidensverlängerung durch Lebensverlängerung, lange Phasen der Pflegebedürftigkeit wegen Demenz oder Inkontinenz und der damit einhergehende «Würdeverlust».
Für lebensverlängernde Massnahmen seien wir wohl alle dankbar, diese hätten aber auch eine Kehrseite. «Sterben wird immer mehr zu etwas, was entschieden werden muss und nicht mehr von selbst passiert», sagte Rüegger. Ein Zuhörer habe das mal so formuliert: «Verdammt sein zu einer Freiheit zu entscheiden.»
Zur Person
Der 65-Jährige Heinz Rüegger ist seit neunzehn Jahren Mitarbeiter der Stiftung Diakoniewerk Neumünster in Zollikerberg. Der Theologe und Ethiker arbeitet dort in einem interdisziplinären Kompetenzzentrum, das sich mit Altersfragen auseinandersetzt.
