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Die Schule wird zum Radiostudio

Jetzt wissen die Sechstklässler des Schulhauses Gschwader in Uster, was es fürs Radiomachen braucht. Eine Woche lang übten sie mit dem Ustermer Internetsender Radio 15, wie man Fragen stellt, Beiträge schneidet und mit Frust umgeht, wenn die Technik mal wieder rumzickt.

Mathias Betschart (Mitte) und Stefan Fischer (rechts) helfen aus. , Nach einer Woche geht das Schneiden von Beiträgen schon fast alleine. , Noah in Action: Ist die Moderation mal nicht perfekt, stört das niemanden., Nico muss sich erst an den Klang seiner eigenen Stimme gewöhnen., Ein paar Einweisungen, und schon haben es die Kinder im Griff., Das passiert, wenn man mit dem Fotoapparat auf dem Pausenplatz rumläuft., Ein Ereignis: Die Gschwader-Hitparade auf dem Pausenplatz.

Thomas Bacher

Die Schule wird zum Radiostudio

Noah hat noch 70 Sekunden Zeit. Er muss seine Anmoderation aufs Papier bringen. Gar nicht mal so einfach. Radio-15-Chef Mathias «Betschi» Betschart hilft ein wenig bei der Formulierung nach. Noch 30 Sekunden. Betschart ruft «Aufnahme!» und hält Noah ein Diktiergerät unter die Nase, das Geschnatter ringsum verstummt. Noah spricht seine zwei Sätze, ein wenig unsicher, nicht perfekt, aber das muss reichen. Noch zehn Sekunden. Betschart stöpselt den USB-Stick aus dem Aufnahmegerät in den Computer, zieht die Datei auf die Playlist. Der Song ist gerade fertig, da klingt Noahs Stimme aus den Boxen. Gerade noch geschafft.

Es ist Freitagmorgen, und im Schulhaus Gschwader in Uster machen die Sechstklässler Radio. Also eigentlich tun sie das schon die ganze Woche. Aber nun läuft das, was die Kinder erarbeitet haben, live auf Radio 15. Der Ustermer Internetsender hat sein mobiles Studio, mit dem Radiochef Betschart durch die Region tourt und auch schon mal beim Getränkehändler halt macht, im Singsaal eingerichtet. Dazu mehrere Arbeitsplätze, an denen die Schüler ihre Beiträge schneiden. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.

«In Wirklichkeit haben wir alles im Griff»

Mathias «Betschi» Betschart, Chef Radio 15

«Das sieht nur chaotisch aus, in Wirklichkeit haben wir alles im Griff», sagt Betschart und blickt in die Runde. Das ist natürlich alles relativ. Ein Laptop ist ausgestiegen, das Internet ist wegen des grossen Datenhungers regelmässig am Anschlag, und an einem der Arbeitsplätze hilft Radio-15-Mitarbeiter Stefan Fischer einem Mädchen-Trio, das seit Minuten vor sich hin fluchend versucht, eine Reportage sendefertig zu bekommen. Und wieso eigentlich der Umweg über das Diktiergerät, wo doch auf dem Tisch ein Profi-Mikrofon steht? «Das ist ausgestiegen», sagt Betschart schulterzuckend.

Jetzt geht er erst einmal eine rauchen, hinter dem Schulhaus, wo ihn die Kinder nicht sehen können. «Vorbildfunktion…», murmelt er und lacht. Als Betschart Sechstklässler war, da waren die richtig coolen Vorbilder Kettenraucher.

Was improvisiert daherkommt, ist in Wirklichkeit von langer Hand geplant. Über ein Jahr ist es her, als Betschart seine Idee erstmals im Umfeld der Schule deponierte. Es folgten Gespräche, ein Besuch im Radio-15-Studio im Hobbyraum von Betscharts Wohnhaus, nochmals Gespräche.

Für die Schüler hingegen wurde es erst am Montag ernst – und das so richtig. Es galt ein Programm auszuarbeiten, Gruppen mit Interviewern, Technikern oder Moderatoren zu bilden, Gesprächspartner zu suchen.

Rettungsdienst, Ranger und der Hauswart

«Ideen für Radiobeiträge auszuarbeiten, war ganz am Anfang nicht einfach», sagt Schulleiterin und Lehrerin Ingrid Nowak. Doch schliesslich kamen die Nachwuchs-Radiomacher in Fahrt und produzierten Berichte über den Rettungsdienst im Spital Uster, die Greifensee-Ranger, eine Tierarztpraxis oder die Baumschule gleich in der Nachbarschaft. Auch der Ustermer Berufsfischer und der Hauswart der eigenen Schule kamen zu Wort.

Natürlich durften auch Promis nicht fehlen. Ein paar Häuser weiter etwa wohnt Ex-Skirennfahrerin Brigitte Oertli, logisch wurde sie zum Interview eingeladen. Weitere Stargäste: der Musiker Andrew Bond, Stefan Baiker, der Autor der «Geisterkickboarder»-Serie, oder Rolf Raggenbass. Wer das ist und was es mit dieser komischen «Countrymusik» auf sich hat, mussten die Kinder allerdings erst googeln. Keine Recherche wäre bei Bligg oder Marc Sway nötig gewesen. Beide hatte man angefragt, doch der eine ist in den Ferien, und der andere im Studio.

Gratis Frustrationstraining

Ingrid Nowak gefällt nicht nur, was letztlich als vierstündige Sendung inklusive Quiz und Hörspiel auf Englisch daherkommt. «Die Kinder haben Interviewtechniken gelernt oder auch, wie man sich Informationen zu verschiedenen Themen beschafft», sagt sie. Wenn etwa nicht geklappt hat wie gewünscht, gabs Frustrationstraining quasi gratis dazu. Besonders freut Ingrid Nowak, dass die beiden Klassen, zwischen denen das Verhältnis in der Vergangenheit nicht immer problemlos gewesen sei, so gut geklappt habe.

Im Radiostudio läuft derweil «Yellow Submarine» von den Beatles. Erstaunlich – schliesslich haben die Kinder die Musik selber ausgesucht. Lukas schwenkt beschwingt die Hüften. Er war es, der den Song aus der musikalischen Steinzeit gewählt hat. Lukas merkt, dass er sich erklären muss: «Wir hatten das Lied mal in der Schule», sagt er.

«Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt»

Sechstklässler Nico nach seiner ersten Moderation

Betschart hantiert ebenso beschwingt an irgendwelchen Knöpfen am Mischpult herum. Eigentlich sollte er todmüde sein, hat er in dieser Woche doch nur wenig geschlafen. Denn das Radioprojekt betreut er neben seiner nächtlichen Arbeit im Sicherheitsdienst. Und das auch noch unentgeltlich. Wieso macht er das? «Wieso nicht?», fragt er zurück. Er wolle den Kindern zeigen, was es fürs Radiomachen alles braucht.

Das erfährt jetzt auch Nachwuchsmoderator Nico, der seine zwei Sätze ins Diktiergerät spricht. Als er seine Stimme aus den Boxen hört, vergräbt er das Gesicht in den Händen, erholt sich aber bald wieder. «Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt.» Dann verabschiedet er sich in die Pause. Zeit für die Gschwader-Hitparade. Die Sechstklässler haben ihre Mitschüler nach deren Lieblingssongs gefragt – das Ergebnis wird auf dem Pausenplatz abgespielt. Und das ist durchaus ein Ereignis: Die halbe Schule versammelt sich vor den Boxen. Wer die Nummer ein ist? Blöde Frage. Ed Sheeran natürlich.

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