«Verlieren ist gut und richtig»
Nach Musik und Morgenessen in der «Garhänki» Greifensee war es an Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) die Besucher der 1-August-Feier auf die traditionelle Rede einzuschwören. In ihrer kurzen Ansprache liess es sich die Biologin nicht nehmen auf den Klimawandel aufmerksam zu machen: «Die ausserordentliche Hitzewelle, die wir zurzeit erleben, ist ein weiteres Klimaextrem. Dieser zeigt, dass der menschgemachte Klimawandel real ist.» Der Klimawandel sei gemäss ihren Recherchen auch indirekt schuld daran, dass Herr Jositsch am Greifensee als Ständerat und Festredner begrüsst werden dürfe, so Keller.
Die Erklärung Jositschs zu seinem Scheitern als Greifenseeläufer: (Handyvideo: David Marti)
Denn Jositsch habe 1992 den Umweltgipfel in Rio de Janeiro verfolgt, als er in Kolumbien lebte. Dort sei erstmals der Klimawandel als Problem anerkannt worden. «Diese Konferenz hat Jositsch so beeindruckt, dass er beschlossen hat, politisch aktiv zu werden», sagte Keller, die kurz darauf einen kurzen Aussetzer hat, diesen mit einem «Äh» und einem Lächeln kommentiert und das Publikum so zum Lachen bringt. Keller beschreibt den Stäfner Ständerat als Mann mit unkonventionellen Positionen, so habe er unter anderem ein Weltparlament für die Uno gefordert. Keller lobt ihn als eloquenten Redner, der komplexe Sachverhalte anschaulich und kurzweilig vermitteln könne. «Ich bin überzeugt, dass – im Gegensatz zum Wetter – uns jetzt eine weniger trockene Rede erwartet.» Mit diesen Worten übergab sie Jositsch das Rednerpult.
Die Einladung von Gemeindepräsidentin mit Smiley: (Handyvideo: David Marti)
Dieser bedankte sich erst für die Einladung, sorgte aber gleich für eine erste vermeintlich kalte Dusche: Er habe ein «gespaltenes Verhältnis» zu Greifensee, sagte Jositsch. Denn vor 10 Jahren habe er beschlossen am Greifenseelauf mitzumachen. «Die letzten zwei Wochen vor dem Lauf habe ich wie wahnsinnig trainiert», sagte der 53-Jährige unter dem Gelächter des Publikums. Einen Tag vor dem Rennen sei er auf die «dumme Idee» gekommen nochmal 20 Kilometer zu laufen. Sein Rücken habe das nicht mitgemacht und er habe für den nächsten Tag passen müssen. Weil er aber die Nummer schon gefasst habe, sei er auch noch jahrelang im Internet als Greifenseeläufer aufgeführt gewesen.
Digitalisierung: Risiko oder Chance?
Dann kommt Jositsch, der auch Präsident des kaufmännischen Verbands ist, auf die Digitalisierung zu sprechen. «Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich höre, dass ein Drittel aller kaufmännischer Berufe wegen der Digitalisierung verschwindet? Ja, natürlich muss ich mir Sorgen machen, aber die Frage ist, wie ich damit umgehe.» Mit der Digitalisierung bestehe zwar die Gefahr, dass der Mensch überflüssig gemacht werde, das sei aber nichts Neues. «Viele meiner Kollegen haben eine Banklehre gemacht. Damals sassen die zu Tausenden an Bankschaltern und haben Geld entgegengenommen und ausgezahlt.» All diese Leute seien mit der Einführung des Bankomaten nicht einfach verschwunden, sondern hätten innerhalb des Bankbereichs andere Jobs gefunden.
« Auch McDonald’s ist zuerst in Zürich gescheitert, weil die Leute in die ‹Silberkugel› gegangen sind.»
Daniel Jositsch (SP), Ständerat
«Es ist immer so, dass Veränderung Altes zerstört und neue Möglichkeiten bringt», so Jositsch. Für die Leute, die am Übergang zu diesem Wandel stünden, könne es natürlich «unangenehm» werden. «Die Textil- und Uhrenindustrie in der Schweiz waren von einem solchen Übergang betroffen.» Das Entscheidende ist aber heute, dass solche Veränderungen schnell geschehen und dazwischen keine 50 oder 100 Jahre Ruhe einkehren. «Die heutige Generation muss mehrmals eine solche mitmachen. Sie hat dabei zwei Möglichkeiten: Sie kann die Digitalisierung als Gefahr oder als Chance betrachten. Was sie nicht kann, ist die Digitalisierung abschaffen.» Diese fände mit oder ohne die Schweizer statt. «Wenn sie mit uns stattfindet, können wir sie erfolgreich gestalten», sagte Jositsch.
McDonald’s Scheitern
Dann ging der Ständerat in seiner Rede auf die Wirtschaft ein. Veränderungen vorzunehmen, seien Unternehmen wie Nokia oder Kodak schon zum Verhängnis geworden. Gerade in der heutigen Zeit müsse die Bereitschaft da sein, schneller zu sein und Risiken einzugehen. «Unsere Gesellschaft zeichnet sich aus, dass sie reich ist, aber auch Angst vor dem Verlieren und vor dem Risiko hat. Dabei ist verlieren gut und richtig – wer Konkurs geht, ist kein Verlierer, sondern jemand, der eine Idee hatte, die zumindest jetzt nicht funktioniert hat.» Auch McDonald’s sei zuerst in Zürich gescheitert, weil die Leute in die «Silberkugel» gegangen seien, erzählte Jositsch.
Mit dem Mut zum Risiko seien in der Schweiz auch Menschen gefragt, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. Diese müssten Entscheidungen treffen und nicht, wie es immer mehr in der Schweiz der Fall ist, diese an Berater und Experten weitergeben. «Ich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft daran arbeiten muss, mehr Führungspersönlichkeiten zu haben. Auch in der Politik braucht es nicht Führer, die gut reden können, sondern Verantwortung übernehmen.»
Nicht gut reden aber gut singen musste am Schluss das Publikum, das musikalisch von der «Dorfmusig Gryfesee» begleitet zwei Strophen der Nationalhymne sang.
