Oberländer Anbauer werfen Produkte nicht einfach weg
Der warme Frühling und der heisse Sommer liessen Gemüse und Früchte spriessen. Auf dem Bergerhof in Maur ist Managerin Nicole Berger glücklich mit den Bedingungen: «Zwetschgen und Gravensteiner-Äpfel können wir jetzt schon ernten. Üblicherweise wäre das erst Anfang August der Fall.» Bei den Äpfeln sei das aber nicht nur positiv. Diese bleiben wegen der Trockenheit klein und fallen auf den Boden.
Berger hat von dem Überangebot auf dem Schweizer Markt gehört, dies betreffe aber eher die Zulieferer von Grossverteilern. «Als Kleinbetrieb verkaufen wir unsere Produkte direkt an die Kunden. Wir bringen das Gemüse gut an die Leute.» Zudem würden auf ihrem Hof verschiedenste Produkte angeboten. «Deswegen lassen sich mögliche Ausfälle gut kompensieren», sagt Berger.
«Wenn ein Produzent bis fünf vor zwölf wartet, gibt es eben nichts Anderes als die Entsorgung.»
Roger Maeder, Swisscofel
Dank dem sonnigen Wetter liessen sich Arbeiten auf dem Hof ohne Stress ausführen, bei Regen habe sie immer gewisse Tätigkeiten verschieben müssen. «Jetzt sind dafür Früchte und Gemüse beinahe zeitgleich reif, was sonst nicht üblich ist.» Nur das Gras auf der Wiese wachse wegen der Hitze nicht mehr und sei teilweise schon braun. «Somit werden wir wohl bei Früchte und Gemüse mehr ernten, dafür weniger Heu für die Kühe bekommen», so Berger.
Zu viele Kürbisse
Auch auf dem Juckerhof in Seegräben ist man mit dem Wetterlauf zufrieden. Allerdings befürchtet man beim Kürbis eine Überflutung des Marktes, wie Produktionsleiter Raphael Peterhans sagt. «Der Kürbis liebt die Wärme. Ende Sommer werden dementsprechend wahrscheinlich viele Kürbisse angeboten», so Peterhans. Dass er Gemüse vernichten muss, glaube er allerdings nicht. «In unseren Manufakturen können wir verschiedenste Produkte aus Kürbis herstellen. So sollten wir dem Überangebot auf dem Markt entgegenwirken können», so Peterhans.
Dass schweizweit Gemüse wie Zucchetti oder Tomaten in grossen Mengen vorhanden sind, habe mit dem beständigen Wetter im ganzen Land zu tun. «Normalerweise gibt es immer Regionen mit gewissen Ausfällen. Heuer waren die Bedingungen von Frühling bis Sommer in der ganzen Schweiz hervorragend.» Diese seien schon anfangs Jahr bei der Aussaat ideal gewesen. Warm und nicht zu feucht, so seien auch keine Schäden durch Pilze entstanden, welche den Fruchtbestand reduziert hätten.
10 Tonnen weggeworfen
Im Gegensatz zum Juckerhof und Bergerhof blieben in der Schweiz Landwirte auch schon auf ihrem Gemüse sitzen. Wenn aber ein Bauer bis zu 10 Tonnen Zucchetti fortwerfen muss, wie die Gratiszeitung «20 Minuten» kürzlich berichtete, dann nimmt Roger Maeder vom Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels (Swisscofel) diesen in die Pflicht: «Wenn ein Produzent bis fünf vor zwölf wartet, gibt es eben nichts Anderes als die Entsorgung.» Früchte oder Gemüse müssten gezwungenermassen den Tieren verfüttert, kompostiert oder in Biogasanlagen entsorgt werden. «Dabei hätte man die Möglichkeit, diese einer gemeinnützigen Stiftung wie der Schweizer Tafel zukommen zu lassen.»
Ganz nach dem Gusto von Maeder wird beim Dübendorfer Unternehmen Beerstecher mit überzähligem Gemüse umgegangen. Allein 2016 habe man mit rund. 25 Tonnen frischem Gemüse und Salaten den karitativen Verein «Tischlein deck dich» unterstützt, schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite.
Billige Tomaten verdrängen anderes Gemüse
Roger Maeder würde es begrüssen, wenn die Anbauer vertraglich mit den Abnehmer geschäften würden und nicht einfach «wild produzierten». Er meint damit: «Wenn Produzenten ohne Abnahmevertrag anbauen, brauchen sich diese hinterher nicht zu wundern, wenn sie ihre Waren nicht auf den Markt bringen können.»
Ein eigentliches Rezept zum Steuern der Gemüse- oder Früchtemenge sei beispielweise eine Aktion, wie sie Coop kürzlich lanciert hat. Der Grossverteiler verkauft Tomaten günstiger, die zu Sauce verarbeitet wurde. «Damit helfe man, dass die Erntemengen von 200 Tonnen genutzt werden», äusserte sich das Unternehmen kürzlich gegenüber dem «Blick». Sonst drohten die Produzenten wegen der grossen Mengen auf ihren Tomaten sitzen zu bleiben, teilte Coop weiter mit.
Grundsätzlich sei aber zu bedenken, dass nicht «zweimal gegessen» werde, hält Maeder fest. «Zwar werden dann mehr Tomaten konsumiert, dafür bleiben aber andere Früchte und Gemüse in den Regalen stehen.» Die eigentliche Reglerin der Menge bleibe die Natur: «Wenn die Früchte da sind, sind sie da – oder eben nicht, wie im letzten Jahr, als 50 Prozent der Apfelernte dem Frost zum Opfer fielen.»
An den Frost mag sich Nicole Berger noch gut erinnern: «Die Apfel- und Kirschenernte war desaströs. Die diesjährige Wärme tut den Früchten gut und sie gedeihen prächtig.»
Zucchetti und Tomaten sind viel billiger
Die Konsumentenpreise des Bundesamtes für Landwirtschaft zeigen seit Anfang Juni bis letzte Woche einen grossen Einbruch bei den Kosten für Tomaten. Der Kilopreis für die Konsumenten sank von 4,54 Franken auf 3,61 Franken.
Die Zucchetti sind im gleichen Zeitraum mit einem Kilopreis von 5,25 Franken auf 2,01 Franken regelrecht eingebrochen.
