Welcher kleine Racker kneift sich hier die Augen zu?
Drei Menschen, drei Lebenswege – die neue Staffel der SRF-Serie «Geboren am ...» ist keine Verlegenheitslösung im Sommerloch. Denn die Macher spielen gekonnt damit, dass jeder von uns auf sein bisheriges Leben zurückblicken und dieses mit den Ereignissen der Weltgeschichte eingeordnet haben möchte. In der Folge vom Freitagabend umfasste die Zeitreise fast acht Jahrzehnte.
Die Hauptprotagonisten – Altrocker Toni Vescoli aus Wald, alt Bundesrat Adolf Ogi und Auswanderin Verena Gloor-Schoch – kamen allesamt am 18. Juli 1942 auf die Welt. In einem Jahr, als in der gesamten Schweiz nur 216 Kinder geboren wurden.
Gloor-Schoch, Vescoli oder Ogi – aus welchem Fotoalbum stammt dieses Bild?
Ein böser Vater
Mit Vescoli, Ogi und Gloor-Schoch blickt der Zuschauer auf das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Rassenunruhen in amerikanischen Städten, die Gründung der Band Les Sauterelles oder den Durchstich am Gotthard-Basistunnel zurück. Wer die Biografien der dreien bereits kennt, erfährt in der knapp 40 Minuten dauernden Sendung nichts Neues. Dies fällt zum einen nichts ins Gewicht, weil die Erzählungen mit Archivaufnahmen oder nachgestellten Szenen und vor allem mit vielen Bildern aus dem privaten Fotoalbum angereichert sind.
Zum andern weiss Vescoli mit seiner bodenständigen Art und prägnanten Aussagen zu unterhalten. «Mein Vater war streng, ich habe ihn als sehr böse empfunden. Meine Mutter war das pure Gegenteil», sagt das jüngste Familienmitglied. Adolf Ogi punktet mit seinen rhetorischen Fähigkeiten. Emotional äusserte er sich über die Hassliebe zu seinem Bundesratskollegen Otto Stich: «Er war nicht nur gegen meine Verkehrspolitik, sondern auch gegen mich als Person.»
Ein Fremder im eigenen Land
Etwas unter geht daneben Verena Gloor-Schoch, wohl auch wegen des fehlenden Promi-Faktors. Dabei ist ihre Lebensgeschichte, die sie etwa als Auswanderin in die USA brachte, hörenswert. Die Rassenfeindlichkeit bezeichnet sie als «furchtbar und unmenschlich». Es zog sie weiter nach Aspen im Bundesstaat Colorado, wo sie in einem Schweizer Restaurant arbeitete und ihren Mann kennenlernte.
Vescoli hätte in diesem Lokal nicht verkehren dürfen, denn der Wirt verhängte ein Hippie-Verbot. Der Walder Musiker war sich den Kampf gegen Widrigkeiten, nachdem seine Familie aus Südamerika in die Schweiz zurückkehrte, gewohnt. Auch aufgrund seines italienischen Namens sei er als Fremder wahrgenommen und auf dem Schulweg von Mitschülern geschlagen worden. Es scheint mittlerweile eine Randnotiz in Vescolis Leben zu sein, denn in den letzten Minuten der Sendung fasst er zusammen: «Ich hatte und habe ein erfülltes Leben. Wenn ich morgen abtreten müsste, wäre es mir gleich.» Schön, wenn man das mit 76 Jahren sagen kann.
Auch nächsten Freitagabend, 27. Juli 2018, ist ab 21 Uhr auf SRF 1 ein Zürcher Oberländer zu sehen. Mundartmusiker Bligg wird gemeinsam mit Karbonkünstler Adriano Mariotto und Polizistin Odette Krauer-Plump in «Geboren am ...» porträtiert.
Mehr über Toni Vescoli? Der Walder trat auch im Lunchtalk von Züriost und Tele Top auf:
