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Kennel und Trachsler verabschieden sich

Nach ihrem Rücktritt aus dem Gemeinderat blicken Andrea Kennel (parteilos, Ex-SP) und Hans-Felix Trachsler (SVP) auf ihre politische Karriere zurück. Im Interview erzählen sie von schlechten Kompromissen, einem Fondueabend um 4 Uhr morgens, verraten, wie man Kollegen nett auf die Finger haut und was es braucht, damit Links und Rechts gut zusammenarbeiten können.

Andrea Kennel und Hans-Felix Trachsler haben eine gemeinsame Leidenschaft: Geschäfte und Rechungen prüfen. (Foto: Seraina Boner), Andrea Kennel mag den rechten Flügel der SP. (Foto: Seraina Boner), Und Hans-Felix Trachsler mochte nicht immer über Parkplätze und Einbürgerungen reden. (Foto: Seraina Boner), Respekt und etwas zum Anstossen, dann klappt es auch zwischen Links und Rechts. (Foto: Seraina Boner)

Kennel und Trachsler verabschieden sich

Herr Trachsler, Sie politisierten seit 20 Jahren zusammen mit Andrea Kennel im Gemeinderat, werden Sie sie vermissen?
Hans-Felix Trachsler: Wir hatten es immer gut gehabt miteinander, auch wenn wir nicht immer der gleichen Meinung waren. Das ist auch das, was ich vermissen werde: Die vielen Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, seien es Linke oder Rechte.

Frau Kennel, 14 Jahre lang waren sie mit Hans-Felix Trachsler in der GRPK, der Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission. Gab es da nie Streit? Immerhin kommen Sie aus komplett anderen politischen Ecken.
Andrea Kennel: Das Negative verdrängt man (lacht). Nein, es kommt natürlich drauf an, wie man das definiert. Ist Streit eine sachliche Auseinandersetzung, ein Kampf mit dem Ziel, eine gute Lösung zu erarbeiten? Dann haben wir den hoffentlich gehabt. Auf persönlicher Ebene jedoch haben wir uns nie gestritten.

Trachsler: In 80 bis 90 Prozent aller Fälle haben wir zusammen eine gute Lösung hinbekommen. Das gilt aber nicht nur für uns zwei. In der GRPK hatten wir meistens eine gute Gesprächskultur, es sind kaum einmal die Fetzen geflogen.

Gab es in der GRPK Momente, an die Sie sich noch lange erinnern werden?
Kennel: Die gab es schon. Einmal haben wir einen Bereich einer Rechnung nicht abgenommen, das ist ein deutliches Signal und ein Schritt, den man nicht gerne macht.
 

«Die Diskussionskultur im Rat hat gelitten. Heute dagegen wird manchmal ewig über Nichtigkeiten diskutiert.»

Hans-Felix Trachsler

Trachsler: Heikel wurde es immer dann, wenn sich die Leute nicht an ihre Kompetenzen hielten, etwa in der Kombination eines schwächeren Stadtrats und eines dominanten Abteilungsleiters. Da musste ich den Verantwortlichen schon zwei, drei mal auf die Finger klopfen.

Kennel: Wichtig war auch hier, dass es nie um die Person ging, sondern immer um die Sache.

Und das kann man einfach so trennen?
Kennel:
Wenn man die Kritik genau erklärt bekommt, sollte das schon möglich sein, ja.

Trachsler: Wenn es Probleme gibt, muss man darüber reden. Denn wenn alles zu glatt und geschliffen daherkommt, werden GRPK-Mitglieder chribbelig und fangen an misstrauisch zu hinterfragen. Und meistens werden sie fündig. Aber es ist nicht so, dass man als Geschäfts- und Rechnungsprüfer sagt, so, jetzt zeigen wir dem mal, wo der Bartli den Most holt».

Wenn Sie an Ihre Anfänge im Gemeinderat zurückdenken: Hat sich da bis heute viel verändert?
Trachsler: Die Diskussionskultur im Rat hat gelitten. Als ich anfing, gab es Kontrahenten, die auf einem sprachlich sehr hohen Niveau miteinander stritten, was dann manchmal auch ins Humorvolle abglitt. Heute dagegen wird manchmal ewig über Nichtigkeiten diskutiert. Oder man hackt auf den immer gleichen Themen herum.

«Wenn einer nur das Parteiprogramm runterleierte, schaltete ich auf Durchzug.»

Andrea Kennel

Kennel: Vielleicht ist hier die Digitalisierung mitschuldig. Man macht sich keine handschriftlichen Notizen mehr, sondern bereitet sein Votum am Computer vor, druckt es aus und gibt es dann dem Ratssekretär und den Medien. Und damit entfernt man sich vom gesprochenen Wort. Der Vorteil der Digitalisierung ist, dass ich dank dem Tablet zu Hause keine Aktenberge mehr hatte.

Gab es in Ihrer Zeit im Parlament einen grossen, historischen Kompromiss, für den sich die verschiedenen politischen Lager zusammengerauft haben?
Trachsler: Kompromisse sollten lieber in den vorbereitenden Kommissionen geschmiedet werden, im Rat ist es schwierig, zu einer guten Lösung zu kommen.

Kennel: Ich erinnere mich an eine Gemeinderatssitzung, an der die Fraktionen lange über den Kostendeckungsgrad für ausserfamiliäre Kinderbetreuung debattierten. Schliesslich einigte man sich auf einen Kompromissvorschlag aus den Reihen der Grünliberalen, der sich später als Schnellschuss herausstellte. Da wäre es besser gewesen, wenn die zuständige Kommission mit einer guten Entscheidungsgrundlage einen Vorschlag ausgearbeitet hätte.

Bringen die ganzen Diskussionen im Gemeinderat überhaupt etwas oder sind die Meinungen in der Regel ohnehin schon vor der Sitzung gemacht?
Kennel: Es kam zwar nicht oft vor, aber manchmal habe ich vor der Sitzung wirklich nicht gewusst, wie ich stimmen sollte. Und dann habe ich mir aufgrund der Voten eine Meinung gemacht. Wenn aber einer nur das Parteiprogramm runterleierte, schaltete ich auf Durchzug.

Aber gerade SP und SVP stimmen ja in der Regel geschlossen.
Trachsler: Nicht unbedingt, ich habe vielleicht in einem von zehn Fällen entgegen der Parteimeinung abgestimmt. Da bekommt man dann schon den einen oder anderen Spruch zu hören, aber in der Politik braucht man eben einen breiten Rücken.

Haben Sie nie an einen Parteiwechsel gedacht?
Trachsler: Nein, ich bilde mir stets meine eigene Meinung, zu der ich stehe und die ich frei äussere. Und mit der Grundidee der SVP bin ich nach wie vor einverstanden. Doch bei gewissen Themen ist die Partei schon ziemlich festgefahren, etwa wenn es um Parkplätze oder die Einbürgerungsfrage geht.

«Die Wahlbeteiligung war vor 20, 25 Jahren auch nicht viel höher.»

Hans-Felix Trachsler

Kennel: Auch als Parteilose politisiere ich eher links und sozial. Wenn sich der rechte Flügel der SP abspalten würde, könnte ich mir gut vorstellen, da beizutreten und wieder einer Partei anzugehören. Ich bin Unternehmerin, keine Gewerkschafterin.

Man hört immer wieder, Parlamentssitzungen seien lediglich ein Schaulaufen für die Medien. Doch die interessieren sich immer weniger für Lokalpolitik. Ist das nicht frustrierend?
Kennel: Es ist wirklich schade, dass nur noch eine Redaktion aus dem Gemeinderat berichtet. Früher gab es echte Vielfalt, verschiedenen Ansätze und Meinungen. Und die Berichterstattung ist auch nicht unbedingt besser geworden. Dabei wäre es doch auch auf lokaler Ebene wichtig, dass die Medien genau hinschauen und merken, wenn irgendwo der Hund begraben ist.

Trachsler: Die Medien wären wichtig als Multiplikator der politischen Arbeit, aber heute liest man überall das gleiche.

Vielleicht wollen die Leute einfach nichts über Politik lesen? Bei den letzten Wahlen im April lag die Wahlbeteiligung in Dübendorf bei gerade mal 26 Prozent.
Trachsler: Die Wahlbeteiligung war vor 20, 25 Jahren auch nicht viel höher, trotzdem hatte die Politik in der Öffentlichkeit damals einen höheren Stellenwert.

Kennel: Der Wahlkampf war dieses Jahr aber auch alles andere als spannend. Allerdings gefällt mir auch nicht, wie in der «Arena» politisiert wird. In der Politik darf es nicht darauf hinaus laufen, dass der Stärkere triumphiert und der andere geschlagen am Boden liegt. Denn so haben am Schluss alle verloren, weil man die guten Lösungen verpasst.

«Respekt ist für mich die Grundvoraussetzung dafür, um gut politisieren zu können.»

Andrea Kennel

Was war ihr absolutes Highlight während der Zeit im Gemeinderat?
Kennel: Das war sicher das Präsidialjahr. Man sieht Bereiche, von denen man vorher nichts gewusst hat. Ich habe in diesem Jahr auch sehr viele interessante Menschen getroffen, mit denen ich sonst nie zu tun gehabt hätte.

Trachsler: Das gehörte ebenfalls zu meinen Highlights. Die acht Jahre als Präsident der GRPK an der Schnittstelle Stadtrat-Gemeinderat waren besonders anregend und spannend, vor allem auch der bedeutende Informationsvorsprung im Vergleich mit anderen Gemeinderäten. Dass man überall hinter die Kulissen schauen kann, fand ich in der GRPK auch immer am spannendsten.

Ich habe da eher an ein bestimmtes Ereignis gedacht.
Kennel: Da war dieser spontane, überparteiliche Abend. Nach einer Sitzung der GRPK gingen wir noch Jassen und landeten schliesslich im «Pöstli», wo wir um 4 Uhr morgens ein Fondue gegessen haben. Einige gingen dann direkt zur Arbeit. Ich habe an diesem Abend meine vermeintlichen politischen Gegner als differenziert denkende Menschen kennengelernt, die aufgrund ihres Hintergrunds und ihrer Erfahrungen eine andere politische Richtung eingeschlagen haben als ich. Dieses Verständnis fehlt mir leider häufig in der Politik, dabei würde es helfen, den anderen Menschen zu respektieren. Und das wiederum ist für mich die Grundvoraussetzung dafür, um gut politisieren zu können.

Andrea Kennel (54) zog 1994 in den Dübendorfer Gemeinderat ein. Erst für die SP, die sie von 2008 bis 2015 präsidierte, dann als Parteilose. Kennel war von 1997 bis 2007 Mitglied der Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission (GRPK, von 2002 bis 2006 als Präsidentin) und dann noch einmal von 2010 bis 2018 (2014 bis 2018 als Präsidentin). Im Amtsjahr 2001/02 war sie Gemeinderatspräsidentin.

Kennel ist Geschäftsführerin einer Informatikfirma und doziert an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Die Hobby-Brauerin präsidiert die Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen und ist Präsidentin des Stiftungsrats Obere Mühle sowie Gründungsmitglied des Vereins Kino Orion.
 

Hans-Felix Trachsler (57) zog 1998 für die SVP in den Gemeinderat ein. Von 1998 bis 2014 war er Mitglied der Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission (GRPK). Diese präsidierte er von 2006 bis 2014. Im Amtsjahr 2005/06 war Trachsler Präsident der Gemeinderats und damit höchster Dübendorfer.

Trachsler arbeitet im Firmenkundengeschäft der UBS. Er ist verheiratet. Der Betriebsökonom wirkt seit Jahren in der Redaktionskommission des jährlich erscheinenden Dübendorfer Heimatbuchs.

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