«Viele Paare nutzen nicht ihr ganzes Potential beim Sex»
Simone Dudle, Sie haben schon vier Jahre als Sexualtherapeutin gearbeitet. Wozu brauchen Sie noch ein Masterdiplom?
Simone Dudle: Bei der Zusammenarbeit mit Fachärzten, Spitälern und Fachhochschulen ist dieses Masterdiplom oft Voraussetzung und ein Qualitätsmerkmal.
In einem Modul des Masterstudiums machen Studenten auch physische Übungen. Was bringt das?
Mit Körperübungen wie zum Beispiel der Beckenschaukel werden die Wahrnehmung geschult und die Genitalien intensiver durchblutet. Das unterstützt und steigert die Lust. Bei Männern kann diese Übung helfen, dem vorzeitigen Samenerguss entgegenzuwirken. Bei Frauen, Ihre Lust aktiv zu beeinflussen.
Hört sich nach Turnstunde an?
Natürlich haben wir Studenten während den Übungen auch viel gelacht. Aber die Ernsthaftigkeit war allen bewusst. So wurde auch die Körperhaltung geschult, weil eine gute Eigenwahrnehmung und Ausstrahlung wichtig für die Präsenz eines Therapeuten ist.
Zur Person
Simone Dudle ist Sexualtherapeutin mit eigener Praxis in St. Gallen. Zudem arbeitet sie in einer onkologischen Praxis und ist freischaffende Sexualpädagogin sowie Dozentin an verschiedenen Fachhochschulen, Referentin und Kursleiterin.In diesem Jahr schloss sie den Master of Arts in Sexologie am Institut für Sexualpädagogik in Uster ab.Simone Dudle ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Die 45-Jährige wohnt zusammen mit ihrer Familie in Berneck (SG).
Hat sich Ihr persönliches Sexualverhalten seit Beginn des Studiums verändert?
Durch die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualentwicklung verändert und entwickelt sich die verbale und die körperliche Kommunikation mit sich selber und dem Gegenüber. Davon profitiert auch meine 18-jährige Beziehung.
«Bin ich nicht normal, weil ich keinen Oralsex mag?»
Simone Dudle, Sexualtherapeutin
Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft und Wissen schon alles über Sex, einverstanden?
Vor dem Studium dachte ich, schon viel über Sexualität zu wissen. Aber ich erfuhr eine Menge neuer Sachen: Wie kann Lust im Körper und sexueller Genuss beeinflusst werden, oder dass wir unseren Hormonen nicht ausgeliefert sind. Dies waren unter anderem wichtige Erkenntnisse. Das Zusammenspiel vieler Faktoren spielt beim Erleben von genussvoller Sexualität eine grosse Rolle. So ist etwa die Atmung sehr wichtig. Viele Paare nutzen nicht ihr ganzes Potential beim Sex, kennen vor allem sehr schnellen Sex – das klassische Bumsen – und atmen nur oberflächig.
Was reizt sie am Beruf als Sexualtherapeutin, beziehungsweise Sexualpädagogin?
Durch meine Arbeit bin ich nah an meinen Klienten. Sie erzählen ihre eigene, sehr persönliche Geschichte mit ihrem Reichtum und ihren Grenzen. Das berührt immer wieder neu und lässt mich selber neugierig unterwegs bleiben.
«Nur einmal haben wir den Auftrag bekommen zuhause nach Pornos zu surfen und zu schauen, was wir so finden.»
Können Sie ein Beispiel nennen?
Während eines Jahres begleitete ich ein Paar, das seit 25 Jahren verheiratet ist. Er stand unter grossem Leistungsdruck sich selber und der Ehefrau gegenüber. Der immer seltener stattfindende Geschlechtsverkehr endete stets in Trauer, Wut, Enttäuschung und gegenseitigen Vorwürfen. In den Einzel- und Paarsitzungen erarbeiteten wir gemeinsam neue Wege, sexuellen Genuss zu erleben. Während der Mann über Körperwahrnehmungsübungen seine Erregung besser steuern lernte, fand das Paar in einer veränderteren verbalen und sinnlichen Kommunikation zurück zu sexuellem Kontakt. Sexualität ist für die beiden heute nicht mehr ein gegenseitiger, mühsamer Leistungsbeweis, sondern viel mehr ein vielfältiges, sinnliches und vor allem für beide genussvolles Zusammensein, das weit über den Geschlechtsverkehr hinausgeht. Sie nehmen sich weiterhin wöchentlich Zeit für gemeinsames sinnliches Sein.
Ist eine Sexualberatung mit dem reichhaltigen Angebot und der Informationsflut des Internets überhaupt noch gefragt?
Der Zugang zu einschlägigen sexuellen Inhalten ist heute sehr einfach geworden. Nicht aber der Zugang zu sexologisch wertvollen, korrekten Informationen und professioneller Begleitung in Liebe, Beziehungsgestaltung und Sexualität. Die Informationsflut und das Halbwissen fördern eher den Leistungsdruck und die Angst nicht normal oder langweilig zu sein, als die Freude, den Körper sinnlich und individuell zu erforschen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken. Heute sind viele Männer und Frauen sexuell verunsichert und bekommen auf ihre Fragen keine befriedigende Antwort: Muss ich Analsex praktizieren? Bin ich nicht normal, weil ich keinen Oralsex mag? Warum habe ich beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus? Wohin ist meine Lust nach dem zweiten Kind? Warum liebe ich meinen Mann, spüre aber kein Begehren mehr? Warum habe ich auf Pornos Lust, nicht aber auf meine Frau?
«Paare kommen oft, weil unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse die Beziehung belasten.»
Mussten Sie während des Studiums auch Pornos schauen?
Nur einmal haben wir den Auftrag bekommen zuhause nach Pornos zu surfen und zu schauen, was wir so finden. Im Unterricht haben wir diese dann wissenschaftlich ausgewertet.
Gibt es Pornos, die von der Wissenschaft empfohlen werden?
Nicht direkt, aber es gibt Filme, die speziell für Frauen gemacht werden, wie die der Regisseurin Erika Lust.
Schüchtern darf man im Studium nicht sein, oder?
Wir haben gelernt, immer wieder herausfordernde sexuelle Fragen zu beantworten. Methodisch arbeiteten wir mit Rollenspielen, Kurzvorträgen vor der Kleingruppe, Selbstreflektion nach Filmsequenzen und Referaten.Die Gruppen war mit 14 bis 16 Teilnehmer vergleichsweise klein. Die Stimmung damit vertrauter. In einem Hörsaal mit 90 Personen wäre das wohl etwas Anderes.
Stossen Sie in ihren Beratungssitzungen auf sexuelle Vorlieben, die Ihnen gänzlich neu sind?
Sexualität und sexuelle Erregung kennen viele Ausdrucks- und Spielformen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der sich nur mit Hilfe von stachligen Blättern erregen konnte. Eine wirksame Methode, die Durchblutung von aussen anzuregen. In der Partnersexualität stiess er damit aber an Grenzen. In Beratungssitzungen lernte er Schritt für Schritt, seine genitale Durchblutung und Erregung körpereigen zu unterstützen und sie im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Durch Körperinterventionen wie die bereits angesprochene untere Beckenschaukel lernte er, die Erregung zu beeinflussen. Unterdessen nutzt er die neu gelernten Fähigkeiten zunehmend.
Was sind die häufigsten Fälle, die Sie als Beraterin behandeln?
Männer leiden an Erektionsstörungen oder vorzeitigem Samenerguss. Immer mehr haben Männer zudem keine Lust auf Sex. Auch bei Frauen ist es Lustlosigkeit. Schmerzen oder eine unwillkürliche Verkrampfung des Beckenbodens – der sogenannte Vaginismus – sind bei ihnen Gründe für eine Sexualberatung. Paare kommen oft, weil unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse die Beziehung belasten.
Gibt es Fälle, bei denen Sie als Sexualtherapeutin nicht weiterhelfen können?
Pädosexuelle Personen brauchen einen Therapeuten, der in diesem Bereich qualifiziert ist. Die eigenen therapeutischen Grenzen zu erkennen, war auch Inhalt des Studiums.
Der Masterstudiengang in Uster
Das Institut für Sexualpädagogik und Sexualberatung (ISP) in Uster ist ein konfessionell und politisch unabhängiger Verein. Das ISP orientiert sich im Bereich der Bildung an den Standards der Hochschulen. So wird der neue Masterstudiengang in Kooperation mit der deutschen Hochschule Merseburg durchgeführt. Die Schulungsräume vom ISP befinden sich im Herrschaftshaus der alten Brauerei in Uster. Der Master of Arts Sexologie dauert drei Jahre. Im Juli erhielten die ersten 17 Absolventen im deutschsprachigen Raum ihr Masterdiplom.
