Sanierungsfall Winterthur
Es ist nicht besonders gemütlich, im Winter vor dem Fernseher zu sitzen und im Rücken die kalte Luft zu spüren, die durch die Ritzen der Fenster dringt. Und energetisch ist es nicht sinnvoll, wenn man die Heizung voll aufdrehen muss, um diesen kalten Zug zu besiegen. So ergeht es vielen Hausbesitzern und Mietern, deren Wohnraum in der Zeit des grossen Baurausches der 1970er bis 1990er Jahre errichtet wurde.
Damals wurde vielfach schnell und günstig gebaut, um die boomende Nachfrage nach Wohnraum zu befriedigen. Den heute aktuellen Fragen nach der Energieeffizienz von Gebäuden schenkten die Bauherren dazumal noch keine besondere Beachtung. Das Thema wurde erst nach 1990 relevant, als die Bauvorschriften diesbezüglich verschärft wurden. Vor dieser Zeit errichtete Liegenschaften sind aber grösstenteils bislang nicht modernisiert worden und entsprechen den heutigen Ansprüchen an Wohnkomfort und Umweltschutz längst nicht mehr.
Viele betroffene Liegenschaften im Raum Winterthur
Überdurchschnittlich viele dieser energetisch sehr ineffizienten Gebäude stehen in der Region Winterthur in der Stadt Winterthur, in Seuzach, Zell, Neftenbach und Wiesendangen (siehe Karte), wie eine Erhebung der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zeigt. Während in den ländlichen Regionen vornehmlich die Einfamilienhäuser auf den Maurer, Schreiner und den Heizungsbauer warten würden, seien in den Ballungsgebieten – vor allem in den Stadtgebieten – mehrheitlich Mehrfamilienhäuser mit Mietwohnungen und Stockwerkeigentum betroffen, hält Ursina Kubli, Leiterin Financial Engineering Immobilien der ZKB, fest.
Es könne daher gut sein, dass es in Winterthur und Seuzach in den kommenden Jahren besonders schwer werde, einen Handwerker zu finden, findet die Finanzexpertin. «Denn es war noch nie und wird vermutlich nie wieder so lukrativ werden, sein Eigenheim zu sanieren wie derzeit: Um die ehrgeizigen Schweizer Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, gewähren Bund und Kantone weiterhin finanzielle Zuschüsse für bauliche Massnahmen, welche die Energieeffizienz von Gebäuden verbessern.»
Hunderte Förderprogramme
Mittlerweile existieren mehr als 2000 Bauförderungsprogramme in der Schweiz. Da kann es schwierig werden, einen Überblick über die verschiedenen Träger zu bekommen. Grundsätzlich subventioniert der Bund die Sanierung von Fenstern und der sie umgebenden Fassaden- und Dachflächen mit 30 Franken pro Quadratmeter. Gleiches gilt für die Dämmung von Wand, Dach und Boden gegen das Aussenklima, während die Isolation von unbeheizten Räumen wie Keller oder Estrich mit 10 Franken pro Quadratmeter unterstützt wird. Die Kantone fördern vor allem die Erneuerung der Haustechnik, den Einsatz von erneuerbaren Energien und die Abwärmenutzung.
Verschiedene Banken leisten ebenfalls einen Beitrag zur Energiewende, indem sie ihren Kunden für das umweltfreundliche Sanieren und Bauen spezielle Darlehen mit Sonderkonditionen oder auch einen Bonus gewähren.
Mehr Komfort und weniger Heizkosten
Nebst diesen Subventionen profitieren Besitzer eines energetisch modernisierten aber auch langfristig vom erhöhten Wohnkomfort und wesentlich tieferen Heizkosten. Gemäss dem Gebäudeprogramm des Bundes können bei einer Gesamtsanierung eines typischen Schweizer Einfamilienhauses bis zu 4 Tonnen CO2 oder rund 1800 Franken an Heizkosten eingespart werden.
Für Kubli sind das gute Argumente für Besitzer von Wohneigentum, um in die Renovierung ihrer Immobilie zu investieren und nachhaltig zu profitieren. «Und es sind ebenso gute Argumente für Stockwerkeigentümer, um das Thema Sanierung vor die Eigentümerversammlung zu bringen und den Erneuerungsfonds aufzustocken.» Der Erwerb von Stockwerkeigentum ist in der Schweiz erst seit den 1970er Jahren möglich und bei vielen Eigentümern der ersten Stunde steht jetzt die erste umfassende Sanierung des Gebäudes auf der Agenda.
In Winterthur, Seuzach und Zell stehen die meisten im Stockwerkeigentum genutzten Mehrfamilienhäuser mit Baujahr 1970 bis 1990, denen eine zusätzliche Dämmung, neue Fenster oder eine zeitgemässe Heizungsanlage zu Gute käme, hält Kubli fest.
Nachfrage übersteigt das Angebot
Nicht jeder Besitzer eines in die Jahre gekommenen Hauses wird die Mühe auf sich nehmen und das Gebäude energetisch sanieren, sondern es vorziehen, das Wohneigentum zu verkaufen. Angesichts des ausgedünnten Angebots auf dem Immobilien- und Grundstücksmarkt sei es derzeit nicht schwer, auch ein sanierungsbedürftiges Objekt zu einem angemessenen Preis zu verkaufen, hält Kubli fest: «Das Angebot ist knapp, während das Tiefzinsniveau viele Menschen dazu bewegt, Wohneigentum zu kaufen, da es derzeit günstiger ist, eine Hypothek zu bedienen als Miete zu zahlen.»