Politik

Philippe Roussel als putzender Hypochonder

Das Sommertheater Winterthur führt das zweite Stück des diesjährigen Sommers auf. Im Lustspiel «Ein seltsames Paar» geht es um Felix, dessen Frau ihn wegen seiner Neurosen aus der Wohnung geschmissen hat. Aus der Not heraus zieht er bei seinem Kumpel Oscar ein. Eine Katastrophe bahnt sich an.

Philippe Roussel (l.) und Wolff von Lindenau (r.) als ungleiche Freunde, Nadine Michelle Arnet (l.) und Ramona Fattini (r.) als schrilles Schwesternduo. (Foto: PD)

Philippe Roussel als putzender Hypochonder

Gleich und ungleich gesellt sich, so liesse sich das Sujet des laufenden Lustspiels in Winterthur beschreiben. Nach «Der Zinker» ist im Sommertheater Winterthur bis zum 25. Juli «Ein seltsames Paar» zu sehen. Im Bühnenstück von Neil Simons wird die Figur Felix Unger – gespielt von Philippe Roussel – kurzerhand von seiner Frau aus der Wohnung geschmissen.

Oscar Madison nimmt Felix Unger aus der Not heraus bei sich auf. Dargestellt wird dieser von Wolff von Lindenau. Oscar, obgleich ein gänzlich anderer Typus Mensch, ereilte der gleiche Schicksalsschlag vor einigen Jahren. Seine Ehegattin liess sich scheiden, die Kinder nahm sie mit.

Geteiltes Leid, doppeltes Leid

Felix könne ja bei Oscar einziehen, wieso auch nicht? Dann könne der frisch Getrennte ja leichter über seine zukünftige Ex-Frau hinwegkommen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, könnte man meinen.

Oscar ahnt noch nicht, wie sehr die neue Wohngemeinschaft mit Felix seinen seelischen Zustand erschüttern wird. Denn Felix ist ein Putzneurotiker par excellence und komplett dem Ordnungswahn verfallen. Er bekommt hypochondrische Anfälle. Manch einer würde Felix wohl gar «Mimose» schimpfen.

Am Tag als ihn seine Frau vor die Türe setzt, schreibt er ein Selbstmordtelegramm. Dies lässt den Sonderling noch sonderlicher erscheinen. Oscar hat an jenem Abend mit dem Freundeskreis einen seiner Pokerabende laufen. Felix erscheint verspätet, gebärdet sich zunächst stoisch, Blicke in die Winkel des Zimmers werfend, dann rastet er aus.

Als Felix bei Oscar einzieht, in dessen Wohnung ehemals Gästen grüne oder braune Sandwiches aus einem kaputten Kühlschrank offeriert wurden, lernt der Gastgeber bald den Unterschied zwischen Spaghetti und Linguini, zwischen Kochlöffel und Schöpfkeulen. Seine Marter hat spätestens jetzt begonnen. Eine Katastrophe bahnt sich an, als Oscar ein schrilles Schwesternpaar zum Essen einladet. Felix soll das Essen kochen. Es kommt, wie es kommen muss.

Femininer als Jack Lemmon

Nebst seiner markanten Stimme fällt Roussel durch sein Lach-Repertoire auf: verschmitztes Lachen,  wehmütiges Lachen, ein in unterschiedlichen Abstufungen den Wahnsinn widerspiegelndes Lachen, Verzweiflung oder Ironie ausdrückendes Lachen. Roussels Darstellung hat femininere und pathologischere Züge als jene von Schauspiellegende Jack Lemmon im gleichnamigen Filmklassiker aus dem Jahre 1968.

Wolff von Lindenau lässt die Ambivalenz von Oscar authentisch wirken, verleiht ihm Tiefschichtigkeit. Teils erscheint er – ohne an Sympathie einzubüssen – cholerisch und machohaft, teils sprudeln seine Gutmütigkeit und Einsamkeit aus ihm heraus.

Magisches Theater

Die einzigartige Atmosphäre im Sommertheater ist sicherlich auch seiner Architektur geschuldet. Zwischen der Bühne und der gewölbten Überdachung des Publikumsbereichs ist der Himmel erkennbar. Das Theater wirkt wie in magischem Lichte getaucht, wenn während der Bühnenaufführung der Tag-Nacht-Wechsel vonstattengeht. Alsdann werden die Hell-Dunkel-Kontraste auf der Bühne intensiver.

Wenn die Zuschauer – Paare gleichwohl wie Nicht-Paare, darunter vielleicht auch seltsame Paare –, das Sommertheater verlassend in die dunkle Nacht entschwinden, so tun sie dies mit hellem Gemüte. Kein Wunder, wurden sie doch während der Aufführung im Minutentakt von Lachkrämpfen übermannt.

Das Sommertheater Winterthur führt bis zum 25. Juli das Stück «Ein seltsames Paar» auf. Die Vorstellungen finden montags, dienstags, mittwochs, freitags und samstags ab 20 Uhr, sonntags ab 17 Uhr statt.  Abendkasse eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Vorverkauf siehe: www.sommer-theater.ch

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