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Illnau-Effretikon: Ein volksnaher Macher

Nächste Woche tritt mit Reinhard Fürst (SVP) der amtsälteste Illnau-Effretiker Stadtrat ab. Mit ihm geht ein klassischer Kommunalpolitiker, dem es gelang, den Spagat zwischen Partei-Soldat und Exekutivamt zu meistern.

Prägte die Illnau-Effretiker Politik während 28 Jahren mit: Stadtrat Reinhard Fürst. (Archivfoto: Seraina Boner)

Illnau-Effretikon: Ein volksnaher Macher

«Ich gebe mein Amt ungerne ab», sagt Reinhard Fürst. Tun wird er es dennoch. Am 12. Juli übergibt der Illnau-Effretiker Hochbauvorstand das Zepter. Wer es übernimmt zeigt sich an der konstituierenden Sitzung vom nächsten Donnerstag. Der amtsälteste Stadtrat verlässt das Gremium somit nach 17 Jahren. Schon vor fünf Jahren wurde dem heute 67-Jährigen klar, dass nach dieser Legislatur Schluss sein soll. 

Und so klingt seine Aussage fast ein wenig ironisch. «Ich habe die Politik eigentlich nie gesucht», sagt der gelernte Automechaniker, der danach 37 Jahre lang als Leiter Schadenadministration bei einer Versicherung tätig war. Anlässlich der Gesamterneuerungswahlen 1990 liess er sich der auf der Liste der SVP für den Grossen Gemeinderat aufstellen und wurde auf Anhieb gewählt. Im Parlament wirkte er elf Jahre. Im Amtsjahr 1996/1997 sass er auf dem «Bock», präsidierte den Gemeinderat. 2001 schaffte Fürst den Sprung in die Stadtregierung.

«Er hat im Unterschied zu mir manchmal vielleicht etwas gar schnell den Kompromiss gesucht.»

Max Binder, Alt-Gemeinde-, Stadt-, und Nationalrat (SVP) über Reinhard Fürst

Streben nach Harmonie

Nun kann der 67-Jährige auf 28 Jahre Politik zurückschauen. Ein Jahr wird noch dazukommen: Im Kantonsrat, in dem Fürst seit 2013 sitzt, bleibt er noch bis im Mai 2019. Dann ist auch dort Schluss. Ein bisschen Wehmut gehöre dazu, meint Fürst. Am meisten vermissen werde er das Ringen um gute, tragbare Lösungen. Solche habe er einige gefunden, sagen Weggefährten. 

Er sei stets ein Konsenspolitiker gewesen, der nach Harmonie gesucht habe, sagt etwa Max Binder. Der Illnauer kannte den Ottiker Fürst schon lange vor dem Eintritt in die Politik. da ihre Familien befreundet waren. Gemeinsam sassen sie von 2001 bis 2014 im Stadtrat. «Reini hat in der Sachpolitik im Unterschied zu mir manchmal vielleicht etwas gar schnell den Kompromiss angestrebt», sagt Binder. Das sei bei verschiedenen Bauprojekten der Fall gewesen wie etwa beim Bau des städtischen Alters- und Pflegezentrums Bruggwiesen, wo Fürst und Binder zusammen in der Baukommission waren.

Kommunalpolitiker durch und durch

«Bei Bauprojekten ging es ihm immer um die Praktikabilität», sagt Binder. Trotzdem habe Fürst stets die klare SVP-Haltung von Freiheit und Unabhängigkeit vertreten, so der Illnauer, der 24 Jahre lang für die Volkspartei im Nationalrat sass und die grosse Kammer 2003/2004 präsidierte. Fürst sei ein Kommunalpolitiker durch und durch.

Ähnlich formuliert es der Illnau-Effretiker SVP-Präsident Ueli Kuhn. «Reini war im Grunde ein Partei-Soldat. Er war immer da, wenn die Partei ihn brauchte.» Trotzdem habe er es ebenso geschafft, die Interessen des Gesamtstadtrats in einem schwierigen Ressort zu vertreten und das Wohl der Bürger in den Vordergrund zu rücken.

Max Binder sagt: «Fürst war keiner, der an Stadtratssitzungen für emotionale Ausbrüche bekannt war.» Er sei vielmehr ein volksnaher Macher gewesen. In seinen Kontakten zur Bevölkerung kam zum Tragen, dass Fürst in vielen Vereinen aktiv war. So etwa im Männerchor und im Schützenverein. Und Kuhn ergänzt: «Er ist ein geselliger Typ, der sich gerne an den Tisch setzt und mit allen das Gespräch sucht.» Zudem habe er sich die Redensart, man soll die Feste feiern, wie sie fallen, gerne und stets zu Herzen genommen.» Nicht zuletzt solche Faktoren hätten zu seinen soliden Wahlresultaten beigetragen.

«Es tut mir weh, dass meine Stammpartei nicht mehr im Stadtrat vertreten ist.»

Reinhard Fürst

Von Desaster verschont

An den Wahlen 2018 blieb Fürst als einer von wenigen aus den SVP-Reihen, vom historischen Debakel verschont. Nach der Abwahl von Tiefbauvorstand Urs Weiss und Gesundheitsvorstand Mathias Ottiger sowie der Nicht-Wahl von SVP-Kandidat Thomas Schumacher verlor die Volkspartei sämtliche Sitze im Stadtrat. «Es tur mir weh, dass meine Stammpartei nicht mehr im Stadtrat vertreten ist», sagt Fürst. Und Ueli Kuhn meint mit Blick zurück auf die Wahlschlappe, dass es möglicherweise besser gewesen wäre, wenn Fürst doch nochmals angetreten wäre. Aber das sei natürlich pure Spekulation. «Ausserdem ist es legitim, dann zurückzutreten, wenn man findet, dass es genug ist, so Kuhn. 

Der Grünliberale Gemeinderat Andreas Hasler zeichnet das Bild des dossierfesten Hochbauvorstands, der sich immer eingelesen hat. «Er war aber stets darauf bedacht, eher vorsichtig zu agieren.» So habe er aber auch nie ein Problem mit dem stadträtlichen Kollegialitätsprinzip bekundet.

«Es war ein Privileg mit ihm politisieren zu dürfen. Auf sein Wort war immer Verlass», sagt Michael Käppeli (FDP). Als Person habe er mit seiner Grosszügigkeit, Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit beeindruckt, sagt der RPK-Präsident. «Er mag die Menschen und die Menschen mögen ihn.»

Hausaufgaben gemacht

Fürsts Errungenschaften sieht Käppeli in der Entwicklung der städtischen Infrastruktur. «Diese ist, gerade im Vergleich mit anderen Gemeinden, bestens ausgebaut und sehr gut unterhalten. Reini Fürst hat daran zusammen mit Tiefbauvorstand Urs Weiss grosse Verdienste. Dank ihnen haben wir in den letzten Jahren mit viel Weitblick und hoher Qualität wichtige Investitionen bereits getätigt, die andernorts noch bevorstehen.» Als Beispiele nennt Käppeli etwa das Alterszentrum, die Schulen, das Sportzentrum oder auch die Kläranlage, die sich heute insgesamt in sehr gutem Zustand befänden.

«Ich sehe mich nicht als Galionsfigur», gibt sich Fürst bescheiden. Schliesslich könne man Projekte nur gemeinsam im Gremium erreichen. Dennoch glaubt er, dass man gerade beim Alterszentrum und beim Sportzentrum gute Lösungen entwickelt habe, auch wenn es bei der Abrechnung jeweils Kritik gegeben habe. «Da haben wir unsere Hausaufgaben sicher gemacht und rechtzeitig investiert, so dass wir heute nicht mit Provisorien auskommen müssen», sagt Fürst.

Eine schwere Last

Zwar könne er für sich beanspruchen, dass viele grosse Bauprojekte namentlich das Alterszentrum und das Sportzentrum in seiner Ägide entstanden seien, sagt Andreas Hasler. Ansonsten habe Fürst aber zu wenig visionär gehandelt. So sei er bei Grossvorhaben wie etwa bei der Zentrumsentwicklung zwar dabei gewesen, jedoch nicht als Leader und folglich in der Bevölkerung nicht allzu sehr spürbar gewesen. Angriffe auf Person und Politik gab es während Fürsts Amtszeiten mehrere. Als Hochbauvorstand musste er zahlreiche Baurekurse bearbeiten, so etwa beim illegalen Baumateriallager in Alt-Effretikon. Mehrheitlich wurden diese auf dem Rechtsweg abgewendet. «Das hat mich bestärkt zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.»

Wenn er an die schwierigen Momente seiner Politlaufbahn zurückdenkt, erinnert sich Reinhard Fürst an den tragischen Unfalltod von Stadtrat André Bättig, der beim Absturz eines Militärhelikopters im September 2016 ums Leben kam. «Für uns Stadträte hat es sehr lange gedauert, um diesen äusserst schwierigen Moment zu verarbeiten.» Noch immer sei der Einfluss des ehemaligen Finanzvorstehers und späteren Vorstehers des Ressorts Jugend und Sport in der Illnau-Effretiker Politik spürbar. «Wenn ich über das Areal des Sportzentrums gehe, kommt mir immer in den Sinn, wie er dieses Projekt geprägt hatte und wie gut er mit den Sportvereinen umgehen konnte», sagt Fürst, der André Bättig bereits aus der gemeinsamen Zeit in der Rechnungsprüfungskommission im Grossen Gemeinderat kannte.

«Ich habe mich ein paar Mal gefragt, ob er bei der SVP nicht in der falschen Partei ist.»

Fabian Molina, Illnauer SP-Nationalrat

Schwieriger Spagat

Einer der Reinhard Fürst sowohl privat als auch politisch gut kennt ist Fabian Molina. Der einstige SP-Gemeinde- und Kantonsrat und jetzige Nationalrat war schon als Kind oft auf dem Hof der Familie Fürst in Ottikon, denn er wurde von Fürsts Tochter gehütet. Er habe Fürst immer als sehr umgänglichen Typ wahrgenommen. «Ich habe mich allerdings ein paar Mal gefragt, ob er bei der SVP nicht in der falschen Partei ist, weil er sich als Stadtrat immer für das Gemeinwohl eingesetzt hat.» Das habe er im Kantonsrat weniger getan, was wohl vor allem dem Fraktionszwang geschuldet gewesen sei, so Molina. Was er dem scheidenden Tiefbauvorstand zudem ankreide sei die Tatsache, dass es Fürst nie gelang, die SVP Illnau-Effretikon von ihrer «fast schon religiös anmutenden Abbau-Philosophie» abzubringen. Gemeint ist die Forderung nach tieferen Ausgaben in den Bereichen Soziales, Bildung, Ausrüstung von Polizei und Feuerwehr, Naturschutz, Jugend.

Als eine von Fürsts grössten Errungenschaften erachtet er das Feuerwehrdepot, das neben dem Schulhaus Eselriet entstehen soll. Dazu erntete Fürst Kritik aus den eigenen Reihen, setzte sich am Ende aber durch. Molina: «Wenn das Feuerwehrdepot kommt, ist das nicht zuletzt sein Verdienst.»

 

Das sagen Weggefährten über Reinhard Fürst:

Ueli Müller (SP), Stadtpräsident Illnau-Effretion:

«Reinhard Fürst war ein SVP-Politiker wie ich ihn mir wünsche: Sozial engagiert, energiepolitisch aufgeschlossen und an guten ortsbaulichen Lösungen interessiert. Mit ihm tritt ein guter, stets hilfsbereiter Kollege ins zweite Glied zurück. Reinhard Fürst muss man einfach gerne haben, weil auch er alle gern hat. Er hat sich in seinem schwierigen Ressort Hochbau stets für gesetzeskonforme und gerechte Baubewilligungen eingesetzt und hat in gewissen Fällen auch hartnäckig zu intervenieren vermocht. Besonders am Herzen lag ihm sein Heimatdorf Ottikon mit «Hütteschüür», Dorfplatzsanierung und Volg-Unterstützung. Ich werde Reini im Stadtrat sehr vermissen und rufe ihm zusammen mit allen Stadtratskolleginnen- und Kollegen zu: «gutes Gelingen!»

 

Ivana Vallarsa, Leiterin Abteilung Hochbau der Stadt Illnau-Effretikon seit 2005:

«Es ist nicht gerade leicht, kein Loblied auf Reinhard Fürst zu singen. Uns Mitarbeitenden ist er stets mit grosser Wertschätzung begegnet. Dabei unterschied er nicht, ob es sich um Führungspersonen oder Lernende handelte und sich selbst nahm er schon gar nicht wichtig. Verständnisvolle Worte wie: «Du hast keinen Fehler gemacht sondern bist gescheiter geworden» waren typisch für seinen Führungsstil. Seine Handlungen waren geprägt von seinen starken Wertevorstellungen wie Gerechtigkeitssinn, Fairness und Gleichbehandlung. Dienstlich bedingt musste er auch unpopuläre Entscheidungen vertreten. In all den Jahren hat das seine charakteristischen Wesenszüge weiter gestärkt. Unbeirrt ging er seine Aufgaben mit Herzblut und Sachlichkeit an und führte komplexe Projekte beharrlich durch planerische und politische Prozesse. Ebenso vertrat er Baubehördenentscheide wenn nötig bis vor die gerichtlichen Instanzen, und das fast ausnahmslos mit Erfolg.»

 

René Truninger, Präsident der SVP-Fraktion im Grossen Gemeinderat Illnau-Effretikon:

«Reinhard Fürst hat sich mit seiner gradlinigen Politik immer voll und ganz für die Einwohnerinnen und Einwohner von Illnau-Effretikon eingesetzt. Er hat seine 28-jährige Erfahrung als Gemeinde-, Stadt- und Kantonsrat in die SVP-Fraktion eingebracht und stand bei Fragen und Problemlösungen immer allen zur Verfügung. Mit seiner klar bürgerlichen Politik und seiner ehrlichen Art zu politisieren hat er von Links bis Rechts immer viel Respekt erhalten.In Erinnerung bleibt mir der Kantonsrats-Wahlkampf 2015, den wir zusammen bestritten haben. Ich schliesse mich der Meinung von Reinhard Fürst an, dass es nicht nur ein sehr intensiver Wahlkampf war, sondern auch der schönste. In diesem Sinne danke ich Reinhard für seine geleistete Arbeit und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft.»

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