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Nachfahre der Streiff-Dynastie zeigt die Vergangenheit

Wenn Häuser sprechen könnten, wäre die alte Fabrik in Aathal wohl eines der Gebäude, das am meisten zu erzählen hätte. Das alte Spinnereigebäude war einst ein Heim für ledige Frauen. Der Enkel des einstigen Besitzers hat nun ein Buch über die Geschichte des Areals geschrieben.

Gruppenbild vor dem Mädchenheim im Jahr 1948. (Bild:PD), Georg Radanowicz (links) als «dadaistisches Samichlaus-Monster». (Bild:PD), Das Oberaathal um 1970. (Bild:PD), David Streiff ist der Autor des Buches. (Foto: Archiv)

Nachfahre der Streiff-Dynastie zeigt die Vergangenheit

Zwischen 1822 und 1827 erbaute  Johann Jakob Schellenberg ein vierstöckiges Fabrikgebäude auf den Grundmauern einer alten Mühle in Aathal. Genutzt wurde das Gebäude als Spinnerei, bis es 1853 abbrannte und wieder aufgebaut werden musste.

Ein paar Jahre später, um 1862, liess sich die Unternehmerfamilie Schellenberg eine Villa auf dem Areal bauen. Das Gebäude steht heute noch. Es ist das Elternhaus und Zuhause des Buchautors David Streiff – dem Verfasser des Buchs «Das Mädchenheim in Aathal». Das kürzlich erschienene Buch schrieb David Streiff aus eigenem Antrieb und auf Drängen von vielen Freunden, die persönlich manche Geschichten im alten Mädchenheim miterlebten. Die unzähligen Anekdoten und Erlebnisse wollte David Streiff unbedingt schriftlich festhalten.

1917 hat dessen Grossvater, Fritz Streiff-Mettler, das ganze Grundstück erworben. Dieser übernahm die Spinnerei bereits im Jahr 1901 und kaufte mit der «Schellenbergi» und den dazugehörigen Ländereien, den ganzen Talabschnitt von Aathal-Seegräben. Dadurch konnte der Unternehmer die ganze Wasserkraft des Aabachs zwischen Wetzikon und Uster für seine Spinnerei nutzen, die ihre Kraft durch Turbinen gewann. Später kam zusätzlich eine Dampfmaschine dazu.

Spinnerei wird zum Heim

Fünf Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Baumwolle knapp, was zu einer geringeren Produktion führte. Bei Abzeichnung des Kriegsendes stieg die Produktion hingegen wieder an, weshalb sich nach kurzer Zeit ein Personalmangel abzeichnete. So warb man Arbeitskräfte aus Österreich und Italien an, wo die Industrie aufgrund des Krieges zum Stillstand kam.

Der Architekt Bruno Streiff, der Onkel David Streiffs, baute ein Teil des Fabrikgebäudes 1946 in ein Mädchenheim um, das 65 ledigen Frauen einen Platz bot. Das Heim wurde nicht von Nonnen, sondern Heimleitern und Heimleiter-Ehepaaren geführt. Die Frauen wohnten jeweils zu viert in einem Zimmer und arbeiteten tagsüber in der Spinnerei. Zirka 36‘000 Spindeln surrten jeden Tag unermüdlich vor sich hin.

«Die Österreicherinnen wurden bald durch Italienerinnen ersetzt.»

David Streiff

Draussen wurde für die Damen extra ein Holzverschlag angebracht, der ihnen erlaubte, während der Freizeit ein Sonnenbad zu nehmen, ohne ständig unter der Beobachtung von vorbeiziehenden Männern zu stehen. Schliesslich sprach es sich in der Region herum, dass in diesem Heim junge, ledige Damen wohnten.

Der ehemalige Schauspieler Willy Eggli aus Wien, der neben der Anstellung im Büro der Firma Streiff die Heimleitung übernahm, beschrieb die Zustände der damaligen Zeit im Buch so: «Die Mädchen aus Wien, die in den Kriegsjahren auf praktisch alles verzichten mussten, seien unterhaltungs- und liebeshungrig in die Schweiz gekommen, wo es all diese Dinge gab, die sie nicht kannten. Es blieb nicht aus, dass junge Schweizer Männer Gefallen an ihnen fanden und es war sehr schwer, den Damen Ordnung und Disziplin beizubringen.»

Ab durchs Fenster

Oft sei es vorgekommen, dass die Frauen nach «Torschluss» durch die Parterrefenster entwichen und sogar zu Täuschungsmanövern neigten, wie zum Beispiel, dass sie Strohpuppen in die Betten gelegt haben, um die Nacht unbemerkt dem Vergnügen zu widmen. Diejenigen, die zu spät nach Hause kamen, mussten wegen den verschlossenen Türen in der Waschküche schlafen. Der damalige Nachwächter wird im Buch zitiert: «Die Österreicherinnen wurden bald durch Italienerinnen ersetzt, doch die Disziplin verbesserte sich nicht besonders.»

Die Ausländerinnen seien schlicht zu beliebt gewesen, als dass man ihnen ihr oft regelwidriges Verhalten hätte nachtragen können. Im ehemaligen Lebensmittelgeschäft «Konsum Aathal» waren daraufhin Lebkuchenherze mit der Aufschrift «Heiratet keine Ausländerinnen» erhältlich.

«Ich sehe noch die jungen Frauen vor mir, die bei uns klingelten.»

David Streiff

Der 1945 geborene David Streiff kann sich persönlich nicht an solche Geschichten erinnern: «Allerdings sehe ich noch die jungen Frauen vor mir, die bei uns klingelten, da die Frauen bei meiner Mutter ihre Sorgen abladen wollten.» Seine Mutter wuchs in Neapel auf und sprach deshalb fliessend italienisch. Im Garten habe sie über 20 Jahre lang eigene Hühner gehalten, die gerne als Geschenke für die Heimbewohnerinnen dienten, welche oft in deren Suppentöpfen landeten.

1965 ging die Zeit des Mädchenheims langsam zu Ende. Damals lebten nur noch Kleinfamilien aus Griechenland, später solche aus Spanien und der Türkei auf dem Areal. Bald zogen aber auch diese Familien ins Unteraathal oder nach Wetzikon.

Die Zeit der Künstler

David Streiff nennt es in seinem Buch einen glücklichen Lebenszufall, als er in den 70er Jahren Hans-Ulrich Schlumpf im Studium der Kunstgeschichte kennenlernte. Diesem vermittelte er eine Wohnung auf dem Fabrikareal in Aathal. Schlumpf war Sekretär des Vereins für ein Schweizerisches Filmzentrum, aus dem später «Swiss Film» wurde. 1972 schlug er David Streiff als seinen Nachfolger vor. Als weitere Filmemacher günstigen Wohnraum suchten, bot sich das mittlerweile leerstehende Mädchenheim als gute Lösung an.

«Es ist ein Ort voller persönlicher Erinnerungen und Geschichten.»

David Streiff

Die tiefen Mietpreise, die freien Bedingungen und die WG-Atmosphäre sprachen sich herum. Das Mädchenheim der alten Spinnerei entwickelte sich zum Treffpunkt der jungen Filmszene. Darunter fanden sich Bewohner wie Markus Imhoof, Fredi Murer, Georg Radanowicz, der über 40 Jahre im Mädchenheim wohnte, oder Fritz Kappeler.  Auch andere Filmgrössen wie Rolf Lyssy («Schweizermachen») besuchten die alte Spinnerei. Fredi Murer’s Film «Höhenfeuer» aus dem Jahr 1985 wurde in Locarno mit dem goldenen Leoparden ausgezeichnet und gilt bis heute als «schönster Schweizer Film aller Zeiten».

Die «Kommune»

Nachdem es sich in Seegräben herumsprach, dass sich die Schweizer Filmszene in der Spinnerei «eingenistet» hatte, sprach man von einer Kommune. Diese Künstlerkolonie wurde laut Streiff eher geduldet als geschätzt. Sein Neffe Andy Streiff meint im neuen Buch dazu: «Dass da mitten im Aathaler Zentrum Raum für irgendwelche linken Filmemacher freigemacht wurde, passte gar nicht zur Philosophie der Firma Streiff AG.»

Berührungspunkte habe es aber nur wenige gegeben, da die Künstler ihre Zeit meist in der Stadt Zürich verbrachten, wo sie ihrer Arbeit nachgingen. Abends fanden im Mädchenheim dann grosse Essen statt und in der Weihnachtszeit verkleidete sich Georg Radanowicz gerne mal als «dadaistisches Samichlaus-Monster», das eher die Eltern als die Kinder in die Pflicht nahm. Wer im Aatal jemanden fragte, ob im Mädchenheim jemand wohne, habe die Antwort gelautet: «Nein, niemand, nur Künstler…»

Einstellung des Betriebs

Im Jahr 2004 schloss die Streiff AG als letztes Spinnereiunternehmen im Zürcher Oberland den Betrieb. Die Firma wurde zu einem Immobilienunternehmen und verpachtete die Kantine des Mädchenheims an das heutige Restaurant Alder, das 2009 als Drehort für den Film «Giulias Verschwinden» von Christoph Schaub diente.

Die Idee zum Buch

«Georg Radanowicz meinte stets, ich sollte ein Buch über das Mädchenheim und seine vielen kleinen Geschichten schreiben. 2015 habe ich damit begonnen und machte mich auf die Suche nach all den verschiedenen Persönlichkeiten, die im Aatal vorbeikamen», sagt Streiff. Er sei erstaunt und erfreut darüber gewesen, wie viele Erinnerungen bei den Leuten noch vorhanden waren und wie gerne sie ihm zu Interviews zur Verfügung standen. «Ich habe zwar alle Texte selbst geschrieben, doch ohne die gestalterische Unterstützung von Bruno Caderas hätte ich das nie geschafft.» Für David Streiff selbst ist das alte Fabrikareal nach wie vor ein Zuhause: «Es ist ein Ort voller persönlicher Erinnerungen und Geschichten.»

Das Buch «Das Mädchenheim in Aathal» ist bei den Buchhandlungen Calligramm, Paranoia City, Sec 52, BUK Buchhandlung in Wetzikon und Doppelpunkt in Uster erhältlich.

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