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Der sich selbst meisselnde Marmorblock

Yannis Karrer aus Effretikon ist amtierender Schweizer Meister im Natural Bodybuilding. Der Sport ist für ihn nur Mittel zum Zweck. Ein möglichst ästhetischer Körper steht im Vordergrund.

Sieht sich mehr als Ästhet, denn als Sportler: der Effretiker Yannis Karrer. (Fotos: Marc Dahinden), An den Schweizer Meisterschaften hat sich der 23-Jährige den Gesamtsieg geholt. (Fotos: Marc Dahinden), So sieht Karrer aus, wenn er nicht gerade in Wettkampfform ist. (Fotos: Marc Dahinden), Karrer studiert Medizin an der Universität Zürich. (Fotos: Marc Dahinden)

Der sich selbst meisselnde Marmorblock

Ein Bodybuilder ist Künstler und Skulptur in einer Person. Sein Körper der Marmorblock, die Ernährung sein Meissel, das Training sein Hammer. Den perfekten Körper als Ziel. Davon träumt auch Yannis Karrer, der in Nürensdorf aufgewachsen ist und heute in Effretikon lebt. Der 23-Jährige ist amtierender Schweizer Meister im Natural Bodybuilding. Wer den englischen Begriff übersetzt, sieht klarer: Körper bauen, mit jeder Trainingseinheit im Fitnesscenter. Karrer trainiert fünfmal pro Woche.

Karrer ist ein zurückhaltender, aber trotzdem neugieriger Mensch. Als 15-Jähriger hat er mit dem «Körperbauen» begonnen. Seine ursprüngliche Motivation war, ins Militär aufgenommen zu werden. «Das war zwar völlig dämlich, denn an der militärischen Aushebung ist höchstens Ausdauer gefragt.» Heute ist Karrer untauglich. Er hat Asthma. «Darüber bin ich mittlerweile nicht ganz unglücklich.»

Immer wieder Willenskraft

Statt in Uniform zu marschieren, trainierte Karrer immer weiter. Denn bereits bei den ersten Trainings zeigte sich: Sein Körper verändert sich schneller als andere. «Obwohl ich mit Freunden damals Trainingspläne verfolgt habe, die nicht unbedingt effizient waren.» Via Internet, Fachliteratur, Freunde und stetiges Ausprobieren erweiterte er sein Wissen über Training, Ernährung und Schlafzeiten.

Heute berät er selber Leute, die muskulöser sein wollen, und verdient damit Geld. Als Teenager gefiel es Karrer, wie er seinen Körper gezielt selber formen konnte. «Deshalb habe ich weitergemacht, nicht wirklich wegen des sportlichen Aspekts.» Er sieht sich mehr als Ästhet denn als Sportler: «Denn beim Bodybuilding zählt auf der Bühne nur die Optik.» Das Training? Mittel zum Zweck und Gewohnheit: «Training ist für mich wie Zähneputzen. Wenn ich jedes Mal Willenskraft aufbringen müsste, wäre ich nicht auf diesem Niveau.»

12’000 Schritte am Tag

2014 nahm er als 19-Jähriger zum ersten Mal in der Juniorenkategorie der Schweizer Meisterschaft des Natural Bodybuilding teil. Ein Verband, der eine Nulltoleranz gegenüber Doping pflegt und inzwischen regelmässig unangemeldete Tests nach globalem Standard durchführt. Karrer gewann bei seiner ersten Teilnahme auf Anhieb. An der anschliessenden Junioren-WM in Boston ging er jedoch leer aus.

«Richtig Scheisse», nennt Karrer sein Befinden durch die psychische und physische Belastung vor Wettkämpfen. Vor den Schweizer Meisterschaften im letzten Herbst hungerte er sich während dreier Monate sein Körperfett weg, seine Kalorienzufuhr, sonst bei rund 4000 pro Tag, halbierte sich. Gleichzeitig versuchte er, seine Muskelmasse nicht zu verlieren, indem er genügend Proteine zu sich nahm und trainierte. So sind die Muskelteilungen und -fasern definierter und kommen besser zur Geltung. Karrer verlor insgesamt sieben Kilogramm Körpergewicht, sein Körperfettanteil lag bei rund 5,5 Prozent. Mindestens vier Prozent benötigt der Körper, um zu überleben.

«Wenn du darunter bist, stirbst du einfach.» Während dieser Phase spürte Karrer, dass ihm Energie fehlte. Lief er an einem normalen Tag 12 000 Schritte ohne Probleme, fühlte er sich während der Diät schon nach 3000 Schritten schlapp. Ohne Doping sank auch sein Testosteronspiegel. Vorteil: Karrer musste sich weniger rasieren. Nachteil: Die Libido ist irgendwann tot. Im Training bereitete ihm der Kreislauf zunehmend Mühe. Ist das nicht total ungesund? «Klar wäre es gesünder, keine Wettkämpfe zu bestreiten.» Aber im Gegensatz zu regelmässigem Alkoholkonsum, Rauchen oder Übergewicht seien die negativen Auswirkungen innert relativ kurzer Zeit komplett reversibel, sagt Karrer.

Den Körper verstehen

Ein riesiger, goldener Pokal der Swiss Natural Bodybuilding and Fitness Association steht in seiner Stube. Er erinnert an Karrers Gesamtsieg an den Schweizer Meisterschaften 2017. «Für viele ist das nur Blech, aber ich weiss, wie viel Leidenschaft und Aufopferung darin stecken.» Seit seinem Sieg ist er einer von fünf Profis in der Schweiz, die an internationalen Profiwettkämpfen teilnehmen können. Ein Traum, der sich erfüllte. Sein neues Ziel: auch bei den Profis zu gewinnen.

Doch er verzichtet derzeit auf weitere Wettkämpfe, auch an der Weltmeisterschaft nach seinem Titelgewinn nahm er nicht teil. «Neben der immensen Erschöpfung hatte ich mein Ziel von der Profilizenz erreicht», sagt Karrer. Sein Medizinstudium an der Universität Zürich, wo er zurzeit den Master absolviert, hatte unter seiner Abmagerungskur ebenfalls gelitten, kurzzeitig legte er das Studium auf Eis.

«Nach dem Wettkampf sind zudem viele für kurze Zeit essgestört, schlicht weil das Sättigungsgefühl verloren gegangen ist.» Deshalb will er frühestens 2021 wieder Wettkämpfe bestreiten. Zur Medizin kam Karrer ebenfalls via Bodybuilding. Er wollte verstehen, wie der Körper funktioniert. Ein Kontrast zur Szene, wo viel Halbwissen vorhanden sei. «Einige haben mir schon gesagt, ich solle weissen Fisch essen, dann werde die Haut dünner.» Karrer schüttelt darüber nur den Kopf: «Das entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage.»

Zustupf dank Instagram

Mit Doping nachhelfen, das will Karrer nicht, obwohl er als Teenager damit geliebäugelt hatte. «Aber irgendwann wirst du erwachsen.» Einer der Hauptgründe gegen das Doping ist erneut die Ästhetik: Ohne Doping wachsen seine Muskelberge zwar langsamer und nicht so extrem, dafür aber konstant. «Ich will auch mit 60 noch möglichst muskulös und fit sein und dafür ist Gesundheit die Voraussetzung.»

Geld verdient der Medizinstudent auch mit seinem Instagram-Account. Dort hat er über 29 000 Follower. Durch Werbung kann er bis zu mehrere Tausend Franken pro Monat einnehmen, je nach Aufwand. Bedenken, dass er mit seinen muskulösen Körperbildern junge Männer verunsichert, hat er wenige: «Ich trage womöglich dazu bei, aber es muss zuerst ein Nährboden vorhanden sein. Ein geringes Selbstvertrauen hat tiefere Ursachen als das Betrachten eines muskulösen Körpers.» Seine Masterarbeit handelt auch von diesem Thema: Muskeldysmorphie. Sprich: ein gestörtes Selbstbild.

Karrer kann das Klischee des oberflächlichen Bodybuilders nachvollziehen. «Viele versuchen mit den Muskeln ihre Unsicherheit zu überdecken.» Unbewusst mache man es zwar schon auch für die Anerkennung, aber es sei nicht das primäre Ziel. «Sonst hätte ich schon lange mit Bodybuilding aufgehört.»

Jonas Gabrieli

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