Fussball und Samba in der Faichrüti
Irgendwie herrscht an diesem Sonntagabend verkehrte Welt in der «Krone» Faichrüti: Wirtin Lea Rodrigues – gebürtige Brasilianerin – trägt ein Schweizer Fussballtrikot, während ihr Partner Reto Zollinger die Farben Brasiliens trägt. Mit einem kurzen Griff an ihren Kragen zeigt Rodrigues aber schnell, für wen ihr Herz wirklich schlägt: Sie zieht das Shirt etwas herunter, so dass ein Gelbes hervorblitzt.
Dann muss sie sich schon wieder um die über 60 Gäste, von denen nur gut eine Handvoll die Lateinamerikaner unterstützen, kümmern. Gut möglich, dass sie an diesem Abend in ihrem Restaurant mehr Kilometer zurücklegt, als ihre Landsleute auf dem Spielfeld. Sie wuselt zwischen den Tischen im Festzelt und der Küche hin und her, und als der Lärmpegel im Festzelt wegen einer Chance steigt, gibt es sogar einmal einen kurzen Sprint aus dem Garten vor den Fernseher.
Im Video: Samba-Impressionen zum Public-Viewing
Wenig Zeit zum Fussball-Schauen
Es ist kein einfacher Abend für die Wirtin, die auf den Tag genau seit 21 Jahren in der Schweiz lebt. «Ich muss das Spiel einfach schauen», sagt sie, «Fussball ist für uns Brasilianer eine Passion. Jeder lebt Fussball.» Doch fürs Schauen bleibt für sie kaum Zeit.
So verpasst die 39-Jährige auch Coutinhos 1:0, weil sie in der Küche mit Caipirinha-Mixen beschäftigt ist. Das Brasilianische Nationalgetränk geht vermutlich fast so oft über die Theke wie Bier. Daneben gibt es typisch brasilianische Feijoada und Churrasco zu Essen, also Bohnen- und Fleischeintopf und Fleischspiesse.
Selfies mit den Samba-Tänzern
In der Pause gibt es wie auch schon vor dem Spiel eine Samba-Vorstellung. Drei professionelle Tänzer unterhalten das Publikum und sind beliebtes Selfie-Sujet. Es herrscht typisch friedliche WM-Stimmung; trotz Rückstand sind die Schweizer Fans gut drauf und lassen sich gerne zum Tanz bitten.
Dann fällt kurz nach der Pause das 1:1 durch Steven Zuber:
Lea Rodrigues hat das Tor schon wieder verpasst. Aufgeschreckt durch den lautstarken Jubel der Zuschauer kommt sie diesmal immerhin rechtzeitig für die Wiederholung ins Zelt – und freut sich mit ihren Gästen.
«Es war perfekt»
Nach dem Spiel kommen natürlich die Samba-Tänzer noch einmal, schwingen ihre Hüften zu «Ai Se Eu Te Pego» von Michel Télo und «Samba De Janeiro» von Bellini. Brasilianer und Schweizer feiern und tanzen zusammen, das Unentschieden sorgt für ausgelassene Stimmung. Für die Schweizer fühlt es sich an wie ein Sieg, die Brasilianer haben zumindest nicht verloren.
Und so ist auch die «Krone»-Wirtin äusserst zufrieden mit dem Abend: «Es war perfekt, mit dem 1:1 kann ich sehr gut leben», sagt sie. Ihr Partner Reto Zollinger, notabene immer noch im Brasilien-Shirt, ist da sogar noch ausgelassener als die Latina: Er lässt sich zu einem mehrfachen «geil, sehr geil» hinreissen und klatscht ab mit den Gästen, die bis zum Schlusspfiff wie auf Nadeln sassen.
Wiederholung erst im Final
Für Rodrigues hatte der Abend aber auch etwas anstrengendes: «Es haben 30 Personen reserviert, gekommen sind aber fast siebzig. Das ist zwar sehr schön, bedeutete aber natürlich auch grossen Stress für mich und mein Team.»
Von den nächsten Spielen der Schweiz und Brasiliens bekommt sie dann vermutlich wieder mehr mit. Denn solch ein Public Viewing wie an diesem Sonntagabend wird sie nur wieder veranstalten, wenn eine ihrer beiden Mannschaften im Final steht. «Es kann also gut sein, dass ich die nächsten Tore alle sehe – und hoffentlich werden es viele sein.»