Eine Bildungsreise in die Vergangenheit
Der Weg bis zur Täuferhöhle ist nicht einfach gelegen. Mal geht es hoch, mal nach unten. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die flüchtenden Reformatoren der Täuferbewegung einst genau diese Höhle als Versteck aussuchten. An diesem abgelegenen Ort dürften sich die Täufer vor 500 Jahren sicher gefühlt haben, auch wenn sie permanent die Furcht verspürt haben mussten, dass der Zürcher Stadtregierung ihre Familienmitglieder in die Hände fallen könnten. Die Soldaten der Regierung waren ihre Vollstrecker.
Eine andere Epoche
«Wenn ich mir diese gefährlichen Zeiten vorstelle, so bin ich äusserst dankbar, im Jahr 2018 leben zu dürfen», meint Rolf Nussbaum, der Schulleiter der Primarschule Bäretswil, der mit dem Pfarrer Heise aus der reformierten Kirche Bäretswil die Reise mitorganisiert hat. Er wolle den Schülern eine Abwechslung vom Schulzimmer bieten, die zugleich eine lehrreiche und einprägsame Erinnerung bleiben soll. «Auch für die emotionale Bindung zu ihrem Wohnort ist dieses Erlebnis bestimmt förderlich», sagt Nussbaum.
Als die Klasse nach einem längeren Fussmarsch bei der Höhle ankommt, warten da bereits zwei Schauspieler, die in die Rolle eines Täufers und einer Erzählerin schlüpfen. Mirjam Binder übernimmt die zweite Rolle, während Raphael Marmy den fanatischen Täufer Felix Manz spielt. Dieser war einst ein Freund von Zwingli, bis sich ihre Wege aufgrund der unterschiedlichen Auffassungen der Reformation trennten.
Tod anstelle der Unterwerfun
«Wir brauchen weder Bischöfe noch Priester, die uns das Wort Gottes näher bringen», erklärt Raphael Marmy in der Rolle von Felix Manz. Der Schauspieler bringt den Schülern die Ideen der Täuferbewegung nahe, wie zum Beispiel, dass nach ihrer Meinung jede Person selbst entscheiden müsse, ob sie gläubig sei und überhaupt getauft werden möchte. Zudem erklärt er: «Jesus hat nie von Krieg geredet, also verweigern wir den Wehrdienst, auch wenn wir dafür im ganzen Land verfolgt werden und uns die Regierung mit dem Tod droht.» Manz flüchtete im Jahr 1525 aus der Gefangenschaft in Zürich und versteckte sich vorübergehend in der Täuferhöhle, bis er später ins Bündnerland und ins Appenzell reiste, um seine Predigten zu halten.
Am 3. Dezember 1526 wurde Manz wegen aufrührerischem Verhalten gegen die Obrigkeit ein weiteres Mal in Haft genommen und zum Tode verurteilt. Am 5. Januar 1527 ertränkte man ihn in der Limmat. Auf seinem letzten Gang soll er von seiner Mutter und seinem Bruder begleitet worden sein, die ihn dabei unterstützten, standhaft zu bleiben. Gemäss Marmy gibt es noch heute Nachkommen der Täuferbewegung, die vorwiegend in Amerika leben und als Handwerker tätig sind. Die Geschlechter Aebersold, Becker oder Schneider seien nach wie vor an ihrer Vergangenheit interessiert und reisten manchmal extra nach Bäretswil, um die Täuferhöhle zu besuchen.
Heilkunde und Milchsuppe
Nicht nur die Regierung und die Kirche waren gefährlich: «Um den Schülern eine Reise in die Vergangenheit zu ermöglichen, müssen wir ihnen auch den Alltag dieser längst vergangenen Zeit näher bringen», sagt Nussbaum. Deshalb geht die Reise nach dem Zwischenhalt in der Täuferhöhle weiter in den Wald, um Heilkräuter zu suchen. «Somit erfahren die Schüler auch etwas über Krankheiten und die Tatsache, dass es damals beinahe keine medizinische Versorgung gab.»
Zum Mittagessen gibt es eine Milchsuppe nach einem traditionellen Rezept. Mitte Juni geht die Reise zum Abschluss nach Zürich, auf eine weitere Spurensuche, wo die beiden Klassen die Zwingli-Ausstellung im Helmhaus besuchen.
