Im Video: Die rasante Fahrt mit getunten Flitzer
Am Samstagmorgen fuhr ich nach Wangen und kam um 7.55 Uhr beim Dorfplatz an. Fünf Minuten später war ich eingeschrieben und die Seifenkisten wurden abgenommen. So sah es das Programm der Wangener Veranstaltung vor. Was für mich keinerlei Verpflichtung bedeutete: Denn ich hatte mir ein Mietauto, das jede Prüfstation mit Bravour passieren würde, reserviert – dachte ich. Eineinhalb Stunden später musste ich diese Überzeugung ein klein wenig revidieren.
Seifenkistenmiete als Option
Doch erstmal galt es sich dem Geiste eines Seifenkistenrennens hinzugeben, Wangen lechzte danach, wie sich im Verlauf des Tages zeigen sollte. Und ich stand dem gierigen Gefühl in nichts nach. Ich hatte mich grossartig für das Rennen vorbereitet: Regelwerk auswendig gelernt und das Haftungsauschluss-Schreiben demütig akzeptiert und gleich Oliver vom OK-Team abgegeben. Oliver eine guten Morgen gewünscht und die 20 Stutz Teilnahmegebühr und weitere 20 für die Miete der Seifenkiste abgedrückt.
Rückwirkend versuchte ich seinen Gesichtsausdruck zu ermitteln: Hatte er vielleicht ein wenig gegrinst, als er mir bekanntgab, dass mein Mietauto mit der Nummer 35 sich schon im Startraum befindet. Quälend versuche ich mich rund eine Stunde später an Olivers Gesichtsausdruck zu erinnern, denn das Auto war schon ein wenig makaber, zumindest sollte mich ein erster Augenschein an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern – dazu später mehr.
Gaudi oder Sieg?
Vielleicht hätte mich die perfekt organisiert Veranstaltung stutzig machen sollen, denn schon morgens um acht Uhr versammelten sich fleissige Helfer um die sauber aufgereihten Festbänke, die fast blank polierten Grillroste und die zahlreichen Hinweisschilder, die eigentlich keine Fragen offen lassen – Frau und Mann bestens gelaunt in ihren weissen Ok-T-Shirts. «Gaudi-Seifenkistenrennen», steht darauf, das hört sich nach mehr Bastelarbeit an, denn Ehrgeiz nach einem imposanten Rennsieg.
Und genau darum ging es mir an dem Tag. Ich wollte sowohl die rund 30 Fahrer der Kategorie bis 14 Jahre in die Schranken weisen als auch die paar Fahrer der Kategorie Erwachsene. Doch eine erste Einschätzung der Konkurrenz verunsicherte mich sobald.
Feuerwehr fährt mit
Für den ersten Schritt sorgte Ernst Kramer, der mit seinem Auto und Anhänger seine Version einer Seifenkiste in das Wangener Zentrum fuhr: den «Löschzug Unterländer». Ein imposantes Gefährt, dass er in den letzten Jahren aus Holz, Metall und Gummi entwickelt hat. Und das Ding ging tatsächlich ab wie die Feuerwehr: Blaulicht, Sirene und Spritzdüse funktionieren und lassen jeden Feuerwehrmann ehrfürchtig salutieren. «Unzählige Arbeitsstunden habe ich schon investiert. Ich bin zum vierten Mal dabei und habe die Seifenkiste auch immer wieder verändert», sagt Kramer.
Er ist mit seinem Schwiegersohn Thomas Gerhard aus Embrach angereist. Gemeinsam wollen sie die Strecke hinunterfahren, und dass sehr schnell wie sich im Verlauf des Tages zeigen soll. Mit ihrem Löschzug fahren sie in der Kategorie Gaudi, wo viel Kreativität erwünscht ist. Auch in dieser Kategorie fährt ein älterer Herr mit einer umfunktionierten Karrette.
Die getunten Flitzer
Die zweite Verunsicherung war das Banner «Blutspenden 30. Mai» im Zielraum». Meiner Meinung nach war der Termin viel zu spät gesetzt. «Vielleicht brauche ich heute Blut – vielleicht verliere ich heute Blut», waren meine Gedanken kurz nach acht.
Danach füllte sich langsam der Wangener Dorfplatz. Väter luden die Seifenkisten von Anhängern, Mütter steckten Wasserflaschen und Obst ins Cockpit. Die Seifenkisten waren nicht einfach aus ein paar Brettern zusammengenagelt, vielmehr standen gut durchdachte und sorgfältig abgestimmte Rennflitzer auf dem Platz. Auch optisch machten sie was her: Lackierung, Spoiler, Tachometer und Auspuffattrappen sind Ausdruck grossen Eifers.
Mutter und Sohn
Auch Diego hat einen Prachtschlitten. Mutter Ines Wäspi hantierte mit dem Schraubenschlüssel im Innenraum der Seifenkiste. «Vor sechs Jahren habe ich meinen älteren Sohn schon begleitet, jetzt ist der Jüngere dabei.» Sie sei jetzt wieder so nervös wie damals, denn sie kenne die draufgängerische Fahrweise der beiden. Diego ist entspannter und hat sich gut vorbereitet: «Ich bin gestern hier schon den Hagenbuchenweg hinuntergefahren.»
Mutter Wäspi montiert noch das Gewicht im Kofferraum. «Für mehr Bodenhaftung und ein wenig Schuss», sagt sie. Recht hat sie, denke ich und bestelle mir am Foodstand einen Hotdog für mehr Schuss und Bodenhaftung.
Damit es ordentlich hinunterging, sorgten die Helfer des Organisationskomitees. Sie fuhren die Seifenkisten in Anhänger oder direkt angebunden am Kleinbus die rund 50 Meter Höhenunterschied vom Dorfplatz Wangen bis Hochrüti hinauf – mitsamt Passagieren.
Mein Auto
Bis zum Startpavillon, der für eine kurze Zeit ein seltenes Stück Schatten im Zielbereich hergab, war das auch zu Fuss eine gemütliche Tour. Also machte ich mich auf die Socken, um die gemietete Seifenkiste zu umarmen. Oben angekommen nahm ich meine Seifenkiste Nummer 35 in Empfang –sie erinnerte mich an einen Sarg, wäre da nicht der Walt-Disney-Glückspilz Donald Duck draufgepinselt, ich hätte wohl sämtliche Zuversicht eines triumphalen Sieges verloren.
Mir kam Oliver wieder in den Sinn. Hatte er, als er mir die Nummer 35 zuwies, Böses im Sinn? Wie auch immer. Ich hatte mich von Anfang an in meine schön bemalte, mit Schaltafeln ausgestattete Kiste verliebt und schob sie zärtlich in den Startraum.
Start und Niederlage
Während der Wartezeit am Start gaben die Teilnehmer ihre Geheimnisse preis. Ein Vater erzählte leise, dass er die Seifenkistenbremsen seiner Töchter absichtlich ein wenig «straff» angezogen habe. Valentina und Lidia haben sich diesbezüglich mehrmals bei ihrem Vater beschwert, aber es bleibt ihnen wohl nur die Hoffnung auf das nächste Jahr, ihren Vater umzustimmen.
Mein Rennlauf war dann schnell erzählt: Ein bisschen verlorene Bodenhaftung da, ein bisschen vergebene Zeit dort, insgesamt kläglich – geschlagen von diversen unter 14-Jährigen.
Endlich wieder Seifenkistenrennen in Wangen
Das Gaudi-Seifenkistenrennen wurde 2004 das erst Mal durchgeführt. Gründer des Rennens ist Adrian Ferrari, der bis 2010 im Vorstand des gleichnamigen Vereins war. «Bis zu 90 freiwillige Helfer arbeiteten im Schichtbetrieb für die Veranstaltung», sagt Ferrari, «wir waren auch auf Organisationen, wie zum Beispiel die Jungfeuerwehr Uster angewiesen – und natürlich auf Sponsoren. Daran hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert.» Den Gewinn habe man jeweils an einen lokalen Verein weitergegeben, sagt Ferrari, der heuer als Ziel-Speaker die Leute unterhält.
2011 hat Ferrari die Organisation des Rennens an einen anderen Verein übergeben, deren Mitglieder führten den Anlass allerdings nur einmal durch. Bis 2018 gab es in Wangen kein Seifenkistenrennen mehr. Dass in diesem Jahr wieder eines stattfindet, ist auch Daniel Sonderegger zu verdanken. Er übernahm eine Schlüsselrolle bei der Wiederbelebung des Rennens. Motivation war auch die eigene Familie: «Meine Kinder kamen ins Schulpflichtige Alter und damit kam auch die Lust, das Seifenkistenrennen wieder auf die Beine zu stellen.» Aber natürlich habe er das Rennen auch schon früher ohne Kinder «lässig» gefunden, sagt der 46-Jährige. Er sei aber froh, dass das OK-Team weiterhin auf Adrian Ferrari als Berater zählen könne. Beide gaben gestern bekannt, dass sie das Rennen auch 2019 wieder realisieren wollen.
