Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Politik

Die Odyssee endet in Pfäffikon

Lange musste die Sterbehilfsorganisation Dignitas mit ihrem Sterbezimmer von Ort zu Ort ausweichen. In Pfäffikon fand die vor 20 Jahren gegründete Organisation dann ein Haus, in dem sie geduldet wird.

Seit 2009 führt Dignitas im Pfäffiker Industriequartier Barzloo ein Sterbehaus. (Foto: cb), Seit 2009 führt Dignitas im Pfäffiker Industriequartier Barzloo ein Sterbehaus. (Foto: cb), Seit 2009 führt Dignitas im Pfäffiker Industriequartier Barzloo ein Sterbehaus. (Foto: Nicolas Zonvi), Seit 2009 führt Dignitas im Pfäffiker Industriequartier Barzloo ein Sterbehaus. (Foto: Nicolas Zonvi), Seit 2009 führt Dignitas im Pfäffiker Industriequartier Barzloo ein Sterbehaus. (Foto: Nicolas Zonvi), Ludwig A. Minelli im Sterbehaus im Pfäffiker Industriequartier Barzloo. (Foto: Nicolas Zonvi), Lunchtalk mit den beiden Dignitas-Vertretern Ludwig A. Minelli und Sandra Martino. (Foto: Seraina Boner), Im Gewerbezentrum Ifangstrasse 12a in Schwerzenbach betrieb die Sterbehilfeorganisation Dignitas vorübergehend ein Sterbezimmer. (Foto: cb), Das Wohnhaus von Ludwig A Minelli in Forch, wo Dignitas ihren Sitz hat. (Foto: hul)

Die Odyssee endet in Pfäffikon

Vor 20 Jahren wurde Dignitas, eine Abspaltung der Sterbehilforganisation Exit, aus der Taufe gehoben. Am Anfang stand bei der Organisation die Suizidversuchsprävention. Der Jurist und ehemalige Journalist Ludwig A. Minelli aus Maur setzte die ersten Statuten des Vereins auf, der am 17. Mai 1998 unter dem Namen «Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» gegründet wurde. Einen Tag später war er bereits operativ.  

Erfolg vor Bundesgericht

Einen bedeutenden Erfolg verzeichnete der Verein, der anfänglich in Zürich eine Wohnung für die Sterbebegleitungen gemietet hatte, am 3. November 2006: In einem Rechtsfall eines Dignitas-Mitglieds bestätigte das Bundesgericht das Recht eines Menschen, Art und Zeitpunkt der Beendigung seines eigenen Lebens zu bestimmen, als europäisch garantiertes Grundrecht und gewährte grundsätzlich psychisch Kranken denselben Anspruch wie allen anderen Menschen. Der Fall ging weiter an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, welcher diesen Kernsatz Anfang 2011 bestätigte.

Auf politischer Ebene feierte Dignitas vor ziemlich genau sieben Jahren einen Doppelsieg: Die Zürcher Stimmberechtigten bestätigten in einer Volksabstimmung sehr deutlich sowohl die Tätigkeit im Bereich der Suizidhilfe als auch das Bestreben, diese Dienstleistung auch Menschen zur Verfügung zu stellen, die nicht in der Schweiz wohnen.  

Rauswurf in Zürich, Stäfa und Maur

Als Dignitas 2007 in Zürich die Wohnung gekündigt wurde, begann eine lange Odyssee auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten für die Sterbebegleitung, die von immer mehr Ausländer in Anspruch genommen wurde.  Dabei lenkte die Organisation, die ihren Sitz auf der Forch hat, ihren Blick aufs Oberland – dies, nachdem eine Sterbewohnung in Stäfa im September 2007 von der Polizei geschlossen worden war. Dignitas wich kurzfristig  nach Maur aus. Im Haus von Dignitas-Gründer Minelli wurden darauf zwei Menschen in den Tod begleitet. Es habe sich nur um eine vorübergehende Lösung gehandelt, betonte Minelli damals.

Gleichwohl reagierte die Gemeinde Maur reagierte umgehend und verfügte eine einstweilige Einstellung des Sterbebetriebs, weil die Bewilligung für die gewerbliche Nutzung des Wohnhauses fehlte. Dignitas wich abermals aus, diesmal in ein Hotel in Winterthur, war aber auch dort nicht willkommen.

Kurz darauf, am 2. Oktober 2007, mietete sich Dignitas im Schwerzenbacher Industriegebiet Im Ifang ein. Auch der Gemeinderat von Schwerzenbach sprach sofort ein vorläufiges Verbot aus, weil eine «bewilligungspflichtige Nutzungsänderung» vorliege. Er verlangte von Dignitas, ein Baugesuch einzureichen.

Kündigung wegen Helium

Die Sterbehilfeorganisation wich daraufhin auf einen Parkplatz ob Maur aus. Zwei Personen wählten das Auto als Sterbeort. Das Verwaltungsgericht gestattete im November 2007 die Sterbebegleitung im Industriegebiet Schwerzenbach dann doch und hob damit das Nutzungsverbot auf. Im Februar wurde allerdings bekannt, dass statt eines Barbiturates von Dignitas Helium als Sterbemittel benutzt wurde. Die Ifang Areal AG, Besitzerin der Liegenschaft, kündigte deshalb Dignitas per Ende April 2008 den Mietvertrag.

Anfang Mai forderte Dignitas eine Mieterstreckung über 24 Monate. Die beiden Parteien trafen sich daraufhin zu aussergerichtlichen Verhandlungen. Im Juni scheiterten die aussergerichtlichen Verhandlungen. Währenddessen entschied das Verwaltungsgericht, dass in Industriezonen keine spezielle Bewilligung benötigt wird, in Wohnzonen hingegen eine Baubewilligung verlangt werden darf.

Widerstand in Wetzikon

Dignitas erwarb darauf eine Liegenschaft in Wetzikon, in der Nähe eines Kindergartens. Das liess die Wogen hochgehen. Mit Petitionen und Protesten machten Kirchen und Anwohner Front gegen das geplante Sterbehaus an der Talstrasse. Und die Baukommission taxierte die vorgesehene Umnutzung als nicht bewilligungsfähig.

Im Hintergrund sah sich die Organisation nach weiteren Optionen um. Fündig wurde Minelli schliesslich in Pfäffikon, wo er das blaue Haus an der Barzloostrasse 8 im Industriegebiet per Juli 2009 erwarb und Dignitas weitervermietete. Auch der Pfäffiker Gemeinderat zeigte sich nicht erfreut über den Zuzug, liess die Sterbehilfeorganisation aber gewähren. Und anders als in Wetzikon gab es von der Bevölkerung keine Opposition. Das Ende einer Odyssee. Dignitas wurde Teil des Pfäffiker Alltags. Und in Wetzikon gab es ein Aufschnaufen, nachdem das Bundesgericht eine Sterbebegleitung am Wetziker Standort untersagte. 

222 Personen in Tod begleitet

Dignitas begleitete 2017 222 Personen in den Tod. Die Zahl der Freitodbegleitungen liege laut Dignitas seit 2012 stabil bei jährlich rund 200 Personen. In den letzten Jahren hätten weniger als 50 Prozent aller Mitglieder, deren Gesuch durch einen unabhängigen Arzt genehmigt worden sei, die Freitodbegleitung effektiv in Anspruch genommen, hält die Sterbehilfeorganisation fest. Aktuell zählt der Verein 8400 Mitglieder. Das Dignitas-Team umfasst 24 Teilzeit-Mitarbeitende sowie Freiwillige.

 

 

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns