«Sie sind tot, sie kommen nie wieder zurück»
«Es ist 7.25 Uhr. Ich küsse Carla zum Abschied und weiss nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Als ich die Haustür hinter mir ins Schloss ziehe, gebe ich Carla und die Kinder nichts ahnend der Schutzlosigkeit preis.» So emotional beschreibt Georg Metger im Buch «Für immer», das der Wörterseh Verlag in Gockhausen am Donnerstag veröffentlicht hat, den letzten Abschied von seiner Lebenspartnerin Carla Schauer. Sie, ihre Söhne Davin (13) und Dion (19) sowie dessen Freundin Simona (21) wurden kurz vor Weihnachten, am 21.12.2015, in Rupperswil AG getötet, indem ihnen die Kehlen durchgeschnitten wurde. Ein 33-jähriger Rupperswiler, der nur wenige hundert Meter vom Tatort wohnte, gestand die Tat und räumte ein, das jüngste Opfer sexuell missbraucht zu haben. Er wurde vom Bezirksgericht Lenzburg im März zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und einer ordentlichen Verwahrung verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Keine Strafe dieser Welt, kein Urteil und keine Genugtuung kann das Leid der Hinterbliebenen solcher Verbrechen mildern. Menschen die mit dem Schmerz des Verlustes und der Sinnlosigkeit einer solchen Tat umgehen müssen, sind jene, die zurückbleiben und bei einer solchen brutalen Tat in den Hintergrund rücken. Oft weicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gelten müsste, dem Interesse am Täter und dem Verbrechen.
«Unfassbar, dass nichts mehr ist, wie es war.»
Georg Metger
Eine Erinnerung an wunderbare Menschen
Metger hat nun den Schritt gewagt und lässt im Buch in sein Innerstes blicken. Er beschreibt den Kampf, den er seit jenem Tag im Dezember führen muss. «Unfassbar, dass nichts mehr ist, wie es war, und alles, was hätte sein können, unerfüllt bleiben wird. Für immer», schreibt er.
Seine Gedanken in dem Buch festzuhalten, das er mit der Autorin Franziska K. Müller gemeinsam verfasst hat, habe ihm geholfen, die Trägodie zu verarbeiten. Sein grösster Wunsch sei es aber, damit zu erreichen, dass Carla, Dion, Davin und Simona niemals in Vergessenheit geraten und nicht nur als Opfer in Erinnerungen bleiben würden, sondern als das, was sie waren: einzigartige, wunderbare Menschen.
«Er hat ausschliesslich sich selbst entwürdigt»
Dem Täter räumt Metger im Buch deshalb wenig Platz ein, erwähnt ihn bewusst nicht mit Namen. Weil er die Aufmerksamkeit nicht verdient habe: «Er ist ein Nichts und wird ein Nichts bleiben.» Die Würde habe er Carla und den Kindern nicht rauben können. «Er hat ausschliesslich sich selbst entwürdigt.»
Stattdessen schreibt Metger über die Opfer und den Verlust, den die Hinterbliebenen verspüren. Er gibt Carla, Dion, Davin und Simona eine Stimme, umreisst die Liebe, die er zu diesen Menschen hegt und welche Erinnerungen ihm geblieben sind. «Ich war glücklich, ohne zu bemerken, wie selbstverständlich mich dieses Gefühl erfüllte», schreibt Metger. Obwohl Dion und Davin nicht seine leiblichen Söhne waren, habe er sie in den sechs Jahren, die er mit ihnen verbringen konnte, immer als Familie betrachtet und sich als Vaterersatz gefühlt.
«Man möchte sich verkriechen, möchte allein sein.»
Georg Metger
Im Visier der Ermittler
Das Buch ist geprägt von den Beschreibungen des inneren Kampfs, den Metger seit der Tat mit sich führt. «Was ich nie akzeptieren möchte, sind die Worte ‹sie sind tot, sie kommen nie wieder zurück›, und doch rufe ich mich immer wieder zur Ordnung, das Unfassbare endlich zu verinnerlichen.» Er beschreibt immer wieder Situationen, in denen ihm seine Familie vor seinem inneren Auge oder in Träumen begegnet und über das Gefühl, irgendwie überleben zu müssen. Das Buch berührt, wühlt auf, macht betroffen, lässt einen aber auch dankbar sein über eigene Probleme, die im Gegensatz zu Metgers Schicksal ganz klein erscheinen.
Besonders zugesetzt hat dem Lebenspartner, dass er lange als Verdächtiger galt. Im Buch beschreibt er, wie er über Monate von den Behörden durchleuchtet wurde. Er sei eine «gläserne Person» gewesen. GPS-Tracker am Auto, Aufzeichnen der Telefonate, Abspeichern von Nachrichten und Durchsuchungen am Arbeitsplatz sind nur einige Mittel, mit denen er überwacht wurde. Anfangs weiss er zwar, dass die Behörden jeden möglichen Täter in Erwägung ziehen. Doch, dass gegen ihn eine Strafuntersuchung wegen dringenden Tatverdachts läuft, davon hat er keine Ahnung — umso mehr erschütterte es ihn, als er davon erfuhr – Monate, nachdem der Täter gefasst wurde. Das Gefühl, dass er keinen Schritt machen konnte, ohne dass die Behörden davon wussten, macht ihm die Verarbeitung nicht leichter.
«Das Ende dauert an. Für immer.»
Georg Metger
Im Buch übt Metger auch Kritik. Vor allem an einzelnen Medien und Reportern. «Man möchte sich verkriechen, möchte allein sein, doch das lassen manche Menschen nicht zu», schreibt er. Doch nicht nur Journalisten werden im Buch angeklagt: Dass bei der Aufklärung des Verbrechens wegen gesetzlicher Hindernisse nicht alle Informationen ausgewertet werden konnten, ist ein Thema, das Metger beschäftigt und er nicht versteht. Er setzt sich dafür ein, dass DNA-Spuren von möglichen Tätern auf phänotypische Merkmale, wie die Haar- oder Augenfarbe, ausgewertet werden dürfen. Er plädiert auch für eine bessere Opferhilfe.
Für immer
Der Täter von Rupperswil hat nicht nur die Leben von Carla, Dion, Davin und Simona genommen. Er hat auch tiefe Narben in den Leben der Hinterbliebenen hinterlassen. «Als ich die Tatsache zu akzeptieren beginne, dass mein Dasein nie mehr so sein wird wie zuvor, spüre ich zuerst Bitterkeit. Doch dem Gefühl, leben zu müssen, folgt irgendwann die Erleichterung, leben zu dürfen. Dies stürzt mich in schwere Gewissensbisse», schreibt Metger. Er gibt nicht auf. «Der Wille, das Geschehene zu verarbeiten, macht mir deutlich, dass ich irgendwann wieder ein Leben führen möchte, das diesen Namen auch verdient.» Eine Aufgabe, die Metger und andere Hinterbliebene für immer beschäftigen wird. «Ich habe inzwischen akzeptiert, dass es wahr ist – sie kommen nie mehr zurück. Das Ende dauert an. Für immer.»
Beim Wörterseh Verlag in Gockhausen heisst es auf Anfrage, dass die Nachfrage nach dem Buch sehr gross ist. «Wir hatten noch bei keinem Buch so viele Vorbestellung bekommen wie bei diesem», sagt Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx. Man komme mit dem Bearbeiten der Bestellungen fast nicht nach. Bereits nach nur einem Tag steht das Buch bei diversen Händlern auf Platz 1 der jeweils hauseigenen Bestseller-Liste. Über 2000 Bücher seien am ersten Tag ausgeliefert worden.
Für Baumann-von Arx ist es wichtig zu erwähnen, dass das Buch in keiner Art und Weise den Voyeurismus bedient. «Es geht darum den Opfern und Hinterbliebenen eine Stimme zu geben. Man soll endlich sie hören, nicht immer nur den oder die Täter.» Man habe das Buch bewusst erst nach dem Prozess veröffentlicht, um diesen nicht zu beeinflussen. Georg Metger verzichtet vollumfänglich auf die Tantiemen und wird den Erlös für wohltätige Zwecke spenden.
Das Buch «Für immer» ist unter anderem auch in unserem Shop erhältlich: www.zo-shop.ch