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Zwei unvergleichliche Abenteurer

Die «Velocos» sind in 13 Jahren mit dem Fahrrad um die ganze Welt gereist. Das Ustermer Paar Monika Estermann und Robert Spengeler gaben für ihren Traum alles auf und bereuten ihre Entscheidung nie. 101‘024 Kilometer haben sie abgespult. Seit dem vergangenen Dezember sind sie zurück in der Schweiz und erzählen von ihren unzähligen Geschichten aus allen Ländern der Welt.

Die «Velocos» erreichten in Indien den zweithöchsten Pass der Welt. (Bild:PD), In Kambodscha erhielten sie einen Taxi-Transport der anderen Art. (Bild:PD), Die «Fahrradnomaden» auf einem Salzsee in Bolivien. (Bild:PD)

Zwei unvergleichliche Abenteurer

«Die meisten Menschen in Europa hängen viel zu sehr an ihren materiellen Werten», sagt Monika Estermann. Seit die beiden Weltenbummler zurück in der Schweiz sind, staunen sie über die Veränderungen, die während ihrer langen Reisezeit vonstattengegangen sind, über die Abhängigkeit von Smartphones und den Überfluss, der überall zu erkennen sei. «Als wir im Jahr 2004 losgefahren sind, gab es noch keine iPhones.»

Die zwei Weltenbummler haben 13 Jahre lang von der Hand in den Mund gelebt. «Wenn man freundlich auf die Menschen zugeht, spielt es keine Rolle, wo man sich gerade befindet. Wir konnten die Erfahrung machen, dass die Leute überall hilfsbereit sind und Fremden wie uns manchmal sogar eine Übernachtungsmöglichkeit boten», so Robert Spengeler. Und: Wenn man dazu gezwungen sei, könne jedes Problem, möge es noch so gross sein, selbst gelöst werden. Arbeit hätten sie überall gefunden und wenn kein Mechaniker zu finden war, reparierten sie ihre Drahtesel einfach selbst.

Die Idee zur Reise

Vor 13 Jahren überzeugte Monika Estermann ihren Partner, eine Reise mit dem Velo nach Indien zu unternehmen. Die Velofahrt hätte eigentlich ein Jahr gedauert. Am Ende wurde es eine 13-jährige Weltreise. «Natürlich sind wir ein Team, das sich super ergänzt», meint Estermann. Sie habe Robert Spengeler einst auch aus dem Grund als Partner auserkoren, weil er genauso gerne reise und nicht bequem sei. «Natürlich war uns klar, dass es unterwegs mal zu kleinen Streitigkeiten kommen würde, doch da standen wir beide darüber und vor allem sind wir nicht nachtragend.»

«Man ist voneinander abhängig und muss sich arrangieren. Bei uns hat es aber hervorragend geklappt.»

Monika Estermann und Robert Spengeler

Alltag auf dem Sattel

Fahren, Essen und Schlafen. So würde das Paar den gemeinsamen Alltag der letzten 13 Jahre beschreiben. Immer auf Achse, auf dem Sattel oder im Zelt und beinahe jeden Abend an einem neuen Standort. «Anfangs war das sehr gewöhnungsbedürftig. Nach ein bis zwei Monaten haben wir uns daran gewöhnt und es gefiel uns immer besser, nur auf unsere Grundbedürfnisse reduziert zu sein und keinen Alltagsstress, noch irgendwelche Pendenzen zu haben», so die Velocos. Alles sei zur Routine geworden.

Er hat gekocht, sie studierte die Karten und zusammen bereiteten sie ihre Abendlager vor. «Man ist voneinander abhängig und muss sich arrangieren. Bei uns hat es aber hervorragend geklappt.»

Kulturelle Einblicke

Die beiden «Fahrradnomaden» hätten viel mehr von der Welt gesehen, als es ihnen als normale Touristen möglich gewesen wäre. «Leute die zum Beispiel nach China reisen, kriegen meist nur Eindrücke von Grossstädten. Wir kamen an den kleinsten Dörfern in China vorbei und konnten sehen, wie die Menschen dort leben. Sie kämpfen sich mit dem Reisanbau durchs Leben und besitzen im besten Fall ein kleines Feld, das ihre Existenz sichert», so Spengeler. Besonders einprägend sei es gewesen, die vielen Bauarbeiter zu sehen, die nachts auf den Baustellen übernachten müssen.

«In China gibt es knapp 300 Millionen Wanderarbeiter, die meist weit weg von ihren Familien unter einfachsten Bedingungen leben», sagt Monika Estermann. Fünf Jahre reisten die beiden durch Asien. Vier Monate durch den Tibet, 6 Monate durch Japan und ein Jahr verbrachten sie in Indien. Nach Indien ging es ein zweites Mal nach Pakistan. «Der Aufenthalt in Pakistan hatte für uns zwei Seiten. Zum einen sind die Leute sehr hilfsbereit und freundlich, zum anderen gibt es in diesem Land kaum sauberes Trinkwasser, noch brauchbare Strassen. Dafür gibt Pakistan sein meistes Geld für Rüstung aus und besitzt eine Atombombe! – erklärte uns ein einheimischer Journalist.»

Malariaerkrankung

Vor der Überfahrt über den indischen Ozean in Richtung Malaysia erkrankten beide an Malaria. «Trotz der Umstände haben wir uns dazu entschlossen, auf einer kleinen Yacht als Teil der Mannschaft die Reise anzutreten.» Robert Spengeler erlitt während der sechswöchigen Überfahrt einen Rückfall und musste mit Notfallmedikamenten behandelt werden.

Sicherheiten

Als die zwei Abendteurer am 16. Mai 2004 losfuhren, liessen sie alles hinter sich. Sie gaben ihre Wohnung und Arbeit auf, zahlten über die Jahre aber weiterhin den minimalen Beitrag der AHV ein. «Nachdem uns klar war, dass unsere Reise noch lange nicht zu Ende ist, meldeten wir uns in der Schweiz ab, kündigten die Krankenkasse und schlossen eine internationale Reiseversicherung ab, um uns für den Notfall abzusichern. Um von der Zivilisation und der Heimat nicht ganz abgeschnitten zu sein, besuchten wir Internetkaffees und schlugen uns mit Prepaid-Karten durch.»

Kontakt zur Heimat

Schon zu Beginn ihrer Reise hätten den «Velocos» nur wenige zugetraut, dass sie ihr erstes Ziel Indien überhaupt erreichen würden. «Wir waren anfangs ja nicht speziell fit und viele rieten uns von unserem Vorhaben ab, da sie unseren Entscheid, alles zurückzulassen, gar nicht verstehen konnten», sagen die zwei rückblickend. Es sei doch nicht normal, dass man alles liegen lässt, und sich seinen Träumen hingibt. Sie überdachten diesen Entscheid mehrmals und sagen heute mit Nachdruck: «Wir haben unsere Existenzängste längst abgelegt.» Im Leben gäbe es noch anderes, als finanzielle Sicherheit.

Zu einigen Bekannten und Freunden verloren sie über die Jahre den Kontakt. «Das ist normal, wenn man so lange von der Bildfläche verschwindet. Mit den Eltern standen wir zu Beginn unserer Reise noch wöchentlich in Kontakt. Oft war es uns aber aus technischen Gründen nicht möglich, jede Woche eine Nachricht zu senden. Da sich die Familie dann jedes Mal grosse Sorgen gemacht hatte, haben wir uns dazu entschieden, uns nur sporadisch zu melden, wenn es die Umstände gerade erlaubten.»

Einjähriger Aufenthalt in Kanada

In Alaska und im Norden Kanadas hat es den Beiden gut gefallen. «Die Landschaften sind unglaublich», sagen sie einstimmig. Da ihre finanzielle Lage nicht mehr so entspannt war und ihnen das Geld ausging, suchten sie bezahlte Arbeit. Im Süden Kanadas unweit von Vancouver, liessen sich die zwei Weltenbummler für ein Jahr nieder. Auf Feldern haben sie Landwirte bei der Arbeit unterstützt, Früchte und Gemüse gepflückt. «Jeden Tag fuhren wir 30 Kilometer zur Arbeit, das war ein gutes Training, da wir ja sonst nicht mehr unterwegs waren.»

Auch einem reichen Auswanderer aus England haben sie unter die Arme gegriffen. «Wir haben ihm geholfen, sein Schloss aufzubauen», das war spannend meint Spengeler. Mit weiteren Jobs konnten sie genug Geld sparen, um sich die Reise von Alaska bis Patagonien zu finanzieren.

Anhängliche Äthiopier

Eines der letzten Grossziele war Afrika. «Dieser Kontinent hatte einen enormen Reiz auf uns», so die  «Velocos». In Südafrika standen wir im engen Kontakt zu den Einheimischen, aber den Graben zwischen den Ethnien haben wir gleich gespürt.» Die dunkelhäutige Bevölkerung habe unglaublich irritiert darauf reagiert, dass sie von Europäern überhaupt angesprochen und ihnen Respekt entgegengebracht wurde.

«In ganz Afrika waren die Menschen freundlich und meist frohen Mutes. Sie stecken jedoch noch in streng religiösen Zeiten fest, die bei uns längst in der Vergangenheit liegen.» Velocos

Afrika liess die Beiden nicht kalt, den der Urkontinent sei spannend, emotionell und die Menschen durchwegs freundlich. Nur in Äthiopien gab es unerfreuliche Momente. «In Dörfern sind uns Kinder nachgerannt, das war zu Beginn lustig, doch wenn wir einen Ort verliessen, kam es manchmal zu Ausschreitungen. Die jüngeren Äthiopier liessen sie uns keinen Freiraum, sassen uns oft auf den Gepäckträger und wollten sich chauffieren lassen. Als wir versuchten, unauffällig aus einem Dorf zu verschwinden, wurden wir von Kindern mit Steinen beworfen. Da nützte auch unsere Bekanntschaft zum Stammesoberhaupt nicht.»

Zukunft mit Basics

Seit vier Monaten sind die Beiden wieder in der Schweiz. Ihre Zeit verbringen sie momentan mit Vorträgen und Präsentationen. Sie sind auch jetzt ständig auf Achse, besuchen Pflegeheime und unterhalten Rentner mit ihren Geschichten. «Für die Zukunft können wir uns vorstellen, als Selbstversorger auf einer Alp tätig zu sein oder irgendwo im Ausland eine Gaststätte zu eröffnen.» Auf jeden Fall wollen sie nicht gleich wieder in den Alltagstrott zurück.

 

Am Samstag dem 14. April ab 19 Uhr, zeigen die «Velocos» in der Arche Nova in Uster eine Multimediapräsentation über ihre Geschichten aus der ganzen Welt. Der Eintritt ist frei. Es gibt eine Kollekte.

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