Linke lancieren Initiative für Tagesschule
Anfang Woche lancierten SP und Grüne ihre Initiative «Bezahlbare Tagesschule jetzt!». Nun hat das Initiativkomitee sechs Monate Zeit, um 300 Unterschriften zu sammeln, damit das Begehren dem Stadtrat und dem Parlamant vorgelegt wird und schliesslich an die Urne kommt. Gemeinderätin Tanja Walliser (SP) ist zuversichtlich, dass dies innert kürzester Zeit gelingt. «Jetzt muss das Volk mitreden.»
Tagesschulen seien nötig für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sagt Walliser. Ein wesentlicher Punkt sei auch eine Verbesserung der Chancengleichheit für die Kinder. «Man weiss, dass in der Schweiz der Bildungshintergrund der Eltern für die Bildung der Kinder ausschlaggebend ist», so Walliser. Tagesschulen könnten einen grossen Einfluss haben, weil etwa die Hausaufgaben in der Schule in einem betreuten Rahmen erledigt würden.
Keine «Staatskinder»
«Es gibt heute nicht mehr nur eine Familienform», sagt David Siems von den Grünen. «Die unterschiedlichen Bedürfnisse muss man berücksichtigen. Und so lange jeder die Wahl hat, ob er das Angebot nutzen will, kann man sicher nicht von Staatskindern reden, wie das von den Gegnern immer wieder zu hören ist.»
«Eine Tagesschule ist kein Kostenfaktor, sondern eine sinnvolle Investition.»
Andrea Kennel (SP), Initiativkomitee
Gemeinderätin Andrea Kennel (parteilos) ergänzt: «Es geht immer vergessen, dass von einer Tagesschule nicht nur Alleinerziehende sowie Familien profitieren, die auf zwei Einkommen angewiesen sind.» Auch Gutverdiener und Expats könnten dank familienergänzender Betreuung mehr arbeiten – was wiederum einen positiven Einfluss auf die Steuereinnahmen habe. «Wenn man längerfristig denkt, ist eine Tagesschule also kein Kostenfaktor, sondern eine sinnvolle Investition», sagt Kennel, die sich seit 26 Jahren für eine Tagesschule in Dübendorf einsetzt. Sie gehe aber ohnehin nicht davon aus, dass es zu grossen Mehrkosten komme.
Gemäss Kennel kann es sein, dass zumindest am Anfang einige Kinder einen etwas längeren Schulweg hätten, um zu einem Schulhaus mit Tagesschulangebot zu gelangen. «Die Vorteile überwiegen aber.» Denn eine Tagesschule bedeute eben nicht nur Betreuung. Letztlich gehe es um das pädagogische Konzept, dass die Kinder immer in der gleichen Gruppe gemeinsam den Schulalltag verbringen würden, inklusive Mittagessen und Hausaufgaben.
«Absolute Fehlgeburt»
Für das Komitee ist die Initiative die logische Reaktion auf die letzte Abfuhr im Dübendorfer Parlament. Anfang März lehnte der Gemeinderat mit 11 zu 19 Stimmen ein entsprechendes Postulat der SP/Grüne-Fraktion ab. Der Entscheid vorangegangen war eine Diskussion, die jedes Mal entbrennt, wenn es im Rat um familienergänzende Betreuung geht.
Während die Ratslinke die anfangs erwähnten Vorteile preist, fürchtet sich die bürgerliche Mehrheit um das traditionelle Familienmodell oder kritisiert zumindest, dass die Forderungen viel zu weit gingen. Zuletzt tat sich vor allem SVP-Gemeinderat Patrick Walder hervor. Er bezeichnete Tagesschulen als «absolute Fehlgeburt», monierte, dass den Schüler dadurch ein Grossteil ihres sozialen Umfelds entzogen werde und prognostiziert das Ende des Quartierschulhauses.
Die Erziehung, so Walder, sei ebenso wenig Aufgabe der Schule wie die Aufsicht über die Hausaufgaben. Und er verwies auf eine Studie, wonach Schüler, die eine Tagesschule besuchen, weder bessere Leistungen erbrächten noch ein reiferes soziales und emotionales Verhalten aufzeigten als ihre Schulkameraden ohne Tagesbetreuung.
Aufs Strategische beschränkt
Diesmal kam im Parlament noch ein weiterer Aspekt dazu: Es fehle die Definition, was eine Tagesschule ist, und was nicht, hörte man mehrfach. Und: Man solle doch warten, bis der Kanton mit der entsprechenden Gesetzesanpassung fertig sei, welche diesbezüglich genaue Vorgaben mache. Der Stadtrat verwies ausserdem darauf, dass die Schule das Thema ohnehin auf der Traktandenliste habe – und lehnte das Postulat als «unnötig» ab.
«Die Anzahl Schüler würde kaum für die Bildung ganzer Jahrgangsklassen reichen.»
Susanne Hänni (GLP/GEU), Bildungsvorsteherin
Für das Initiativkomitee verfängt das nicht. «Wenn es den Verantwortlichen wirklich ernst wäre, hätte der Stadtrat das Postulat ja auch entgegennehmen können», sagt Walliser. Im Initiativtext habe man nun die Eckpunkte aufgelistet, die wichtig seien: Der Besuch ist freiwillig, fixe Unterrichtszeiten von 8 bis 15 Uhr (im Minimum an vier Tagen) und dazu eine kostenpflichtige Betreuung ausserhalb der Schulzeiten von spätestens 7.30 Uhr bis frühestens 18.30 Uhr. Gemäss Kennel sei man mit der Initiative bewusst nicht zu sehr ins Detail gegangen. Man habe sich aufs Strategische beschränkt, für die Umsetzung sei dann operativ die Schulpflege zuständig.
Längere Schulwege
Doch genau daran stört sich Susanne Hänni (GLP/GEU), Präsidentin der Primarschulpflege und Bildungsvorsteherin. «Mit dem Thema Tagesschule beschäftigen wir uns jetzt in einer Arbeitsgruppe, und da wären wir froh, wenn wir konkretere Angaben der Befürworter einfliessen lassen könnten. Zum Beispiel in der Frage, ob gefordert wird, die Kinder über Mittag durch die Lehrpersonen zu betreuen, denn das ist kein unwesentlicher Kostenfaktor. Dann könnten diese Punkte diskutiert und Stellung dazu genommen werden.»
Man sei in Dübendorf ohnehin sehr nah an dem, was der Kanton aktuell unter einer Tagesschule verstehe, sagt Hänni. «Uns fehlt lediglich eine engere Zusammenarbeit von Betreuungs- und Lehrpersonen und dazu ein Angebot für Hausaufgabenbetreuung.» Mit diesen zusätzlichen Punkten hätte man in Dübendorf gleich fünf Tagesschulen, so Hänni.
Nicht vergessen dürfe man ausserdem den Umstand, dass die Anzahl Schüler einer Tagesschule kaum für die Bildung ganzer Jahrgangsklassen reichen würde, sagt Hänni mit Verweis auf die Tagesschule Uster. «Da altersdurchmischte Klassen bei den Eltern umstritten sind und die Schulwege der Kinder länger würden, kann es gut sein, dass das Interesse an einem solchen Angebot doch nicht so gross ist, wie man das gemeinhin annehmen könnte.»
