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Vier Mal zwei X-Chromosome ergeben reinen Frauen-Poetry-Slam

Ein Frauen-Poetry-Slam-Abend im Ustermer Kulturhaus-Central, der nicht ganzzeitlich einer war. Die als «Gigantinnen» angekündigten Künstlerinnen bestachen mehr durch ihre eigenen Spezialgebiete und Männer mussten nur wenig verbale Prügel einstecken.

Margrit Bornet in ihrer Rolle als Teenager «Sandra». (Foto: Christian Merz), Moderatorin, Protokollantin und Bühnenpoetin an einem Abend: Patti Basler. (Foto: Christian Merz), Lisa Brunner, Siegerin des Publikumpreises am Swiss Comedy Award,überzeugt mit ihrer musikalischen Performance. (Foto: Christian Merz), Milva Stark, eigentlich Schauspielerin, zeigte auch was sie als Slam-Poetin drauf hat. (Foto: Christian Merz)

Vier Mal zwei X-Chromosome ergeben reinen Frauen-Poetry-Slam

Darf man als Mann an einen Poetry-Slam, der klar als Frauen-Poetry-Slam ausgewiesen wird? Ich ging trotzdem hin. Im Kulturhaus Central wurden am Donnerstagabend zur Veranstaltung «Gigantinnen» tatsächlich auch Männer eingelassen, weil ihnen ein wohlgesinnter Geschlechtsgenosse an der Kasse Einlass gewährte. Grösstenteils fanden sich im fast vollbesetzten Saal des Kulturhauses aber Frauen ein.

«Wo bleiben all die ‹-innen›?»

Mélanie Girardet, künstlerische Leiterin

Und auch die Bühne sollte den ganzen Abend den Ladys vorbehalten bleiben: Lisa Brunner, Siegerin des Publikumpreises am Swiss Comedy Award, Milva Stark, Schauspielerin des Ensembles des Konzert Theater Bern und Margrit Bornet, Komikerin und Kabarettistin waren geladen. Die eigentliche Königin des Abends war aber Bühnenpoetin Patti Basler. Nur sie und Milva Stark sollten an dem Abend dem Prädikat «Poetry Slam» Genüge leisten.

Frauen gesucht und gefunden

Mélanie Girardet, die künstlerische Leiterin des «Centrals» eröffnete mit einer Laudatio für all die Männer, die sich in der Vergangenheit auf der Kulturhaus-Bühne eingefunden hatten, um darauf hinzuweisen, was den Verantwortlichen der künstlerischen Leitung gefehlt hatte: «Schauspiel-er, Regiss-eure, Drehbuchauto-ren waren hier. Wo bleiben all die ‹-innen›?» Danach habe sie Patti angerufen und gefragt: «Patti, ‹verfluchte Scheisse›, wo sind diese Frauen?» Jetzt seien sie da und weitere würden folgen.

In die Ferien dank Samenbank

Dann übernahm Patti Basler, die an dem Abend als Moderatorin, «Protokollantin» und Slam-Poetin waltete: «Es ist immer eine Frau zugegen, am Anfang des Lebens, bei der Zeugung, bei der Geburt – Männer nicht immer, auch bei der Zeugung nicht.» Männer sollen sich daheim doch bitte eine eigene Samenbank anlegen, so könne «Mann» auch mal in die Ferien, ohne dass sein Erbgut verloren ginge. Sie würde gerne Präsidentin eines Frauen-Fanclubs sein, als Hooligan prügeln gehen und so mehr als einmal monatlich Blut vergiessen. «Once Ultra – always Ultra», meint Basler mit doppeldeutigem Wink auf Damenbinde und radikale Fussballfans. Jeder Gast sollte an diesem Abend eine Damenbinde sein: Beflügelt und Aufsaugend. Basler begab sich alsdann in die Rolle der Protokollantin an ihr Tischchen auf der Bühne. Schliesslich sollte der Abend, ganz im Geiste eines «Poetry-Slams», ein Wettbewerb mit Publikumsabstimmung sein. Als Preis, üblicherweise ein Single-Malt-Whisky, war eine Flasche Prosecco vorgesehen.

So stellt sich Patti Basler den Applaus für die Abstimmung vor:

(Handyvideo: David Marti)

Multitalent ohne Piano

Es war Zeit für die erste der drei Künstlerinnen. Lisa Brunner betrat die Bühne und erklärte den Winter als noch nicht vorüber. Zumindest in ihrer Comedy-Vorstellung nicht. Sie zeigte die verschiedenen Typen von Schweizer Männern auf dem Sechser-Sessellift. Sie überzeichnete Dialekte und Charakterzüge, überspitzte die Darbietung mit Gestik und Mimik, spielte mit der Stimmlage bis ins Groteske.
Dass Brunner auch musikalisch bewandert ist, hätte die junge Künstlerin auch gerne am Piano gezeigt. Leider war das an diesem Abend in Uster nicht verfügbar. Dafür musste das Publikum für eine Gesangsstunde herhalten.

Gesanglektion mit Lisa Brunner (Achtung Lautstärke)

(Handyvideo: David Marti)

Ein SS-Führer im Comedy-Programm

Mit Applaus wurde die Künstlerin verabschiedet und mit Milva Stark die nächste Performerin auf die Bühne geladen. Stark brillierte mit geschmiedeten Versen, die variantenreiche Reimschemen innehatten. Danach verliess die gebürtige Deutsche die «Poetry-Slam»-Sparte und wechselte in ihr Comedy-Programm. Sie sei in einer Hochhaus-Siedlung aufgewachsen, die «Scharpwinkelring» heisst. Die Strasse sei nach dem SS-Führer Wilhelm Scharpwinkel benannt. Interessant, dass dort die meisten Ausländer der Region angesiedelt sind, erzählte Stark. «Vielleicht haben sie vergessen, die Strassen umzubenennen…», sagte sie und flüsterte verschwörerisch: «Oder sie haben es nicht vergessen.» Sie sei eine «Powerfrau», eine «Kommandeuse» sei sie schon genannt worden und wendete sich zur Bestätigung an einen Zuschauer: «Tschuldigung, kannst du dich gerade hinsetzen? Weisst du, gerade. Nee, gerade. Mann, gerade! – geht doch.»

Zusammenschnitt von Milva Starks Vorstellung

(Handyvideo: David Marti)

Ein Teenie namens «Sandra»

Nach der Ansage von Moderatorin Patti Basler, folgte Margrit Bornet auf die Bühne. Sie vermochte das Publikum mit ihren stereotypischen Frauenfiguren zu begeistern, verpasste es jedoch nicht, Klischees dieser Frauen zu zerbröseln. Besonders gut gelang ihr das in der Rolle als Teenager «Sandra». Mit erfrischend jugendlicher Stimme, blonder Perücke und pinkfarbenem Trainer gelang es der nicht mehr so ganz jugendlichen Bornet, auch im Gespräch mit den Zuschauern in der Rolle zu bleiben. Anhand einer App wollte «Sandra» ihre Berufswahl treffen. Und eine «Freiwillige» aus dem Publikum sollte das auch tun, die nötigen Stichworte liefern und den unbedachten Spott von «Sandra» erdulden.

Margrit Bornet alias Sandra

(Handyvideo: David Marti)

Der Knaller

Moderatorin und Protokollantin Basler fasste die Vorstellungen der drei Künstlerinnen als Slam-Poetin Basler zusammen. Der Abend im Kulturhaus-Saal bekam nochmal das, was der Begriff «Poetry Slam» so in sich trägt: Es knallten nochmals die Worte nach allen Regeln der Dichtkunst. Basler zog nochmals Stichworte und Pointen der drei Künstlerinnen hervor und erschuf Best-of-Momente. Basler las ihre Texte aus ihrem Protokollbüchlein. Ihr gelang ein wortreicher Auftritt mit viel Sprachwitz. Selbst die spontanen «Unterredungen» mit dem Publikum gab Basler witzig verpackt wieder.

Patti Basler bringt die Zusammenfassung von Siegerin Milva Stark

(Handyvideo: David Marti)

Für die Krönung der Siegerin war die gute Stimmung nur zuträglich. Mit dem Lärmpegel des Applauses sollte einer der drei Damen als Gewinnerin ausgemacht werden und die Flasche Prosecco bekommen. Keine von ihnen stand ab. Am Schluss musste sich Patti Basler zwischen Margrit Bornet und Milva Stark entscheiden. Stark gewann und der Prosecco verlor bald darauf seinen Kopf.

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