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Ilse Wyler-Weil hinterlässt grosse Lücke in Uster

Ilse Wyler-Weil starb am 25. März im Alter von 87 Jahren. Gemeinsam mit ihrem Mann Max Wyler, der vor drei Jahren verstarb, trug sie vieles zum interreligiösen Leben in Uster bei. Ursula Kägi, Journalistin und Nachbarin der Wylers, blickt auf ihr Leben zurück.

Ilse und Max Wyler bei den Festlichkeiten zu Chanukka 2013. (Archivfoto: Markus Zürcher), Eine Aufnahme der Synagoge in Breisach, wo Ilse Wyler-Weil aufwuchs. Der junge Mann mit der Schirmmütze (vierter von links) ist ihr Bruder Alfred, der in einem Vernichtungslager umkam. (Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg)

Ilse Wyler-Weil hinterlässt grosse Lücke in Uster

Seit rund drei Jahrzehnten wird in Uster um die Osterzeit im reformierten Kirchgemeindehaus jeweils das jüdische Pessach gefeiert. Dort ist in einem Raum für die Pessach-Woche eine Synagoge eingerichtet, in der gebetet und aus der Thora-Rolle gelesen wird. Zu verdanken ist dieser Gottesdienst der Familie von Max und Ilse Wyler-Weil, die in Uster ihr Judentum unauffällig, aber in selbstverständlicher Art und Weise in ihrem Haus an der Zentralstrasse lebten.

Gäste aus aller Welt

Pessach wurde in Uster auch dieses Jahr gefeiert. Dafür sorgte  im besonderen Ilse Wyler-Weil, die seit dem Tod ihres Gatten vor drei Jahren diese Ustermer Tradition aufrecht hielt. So hat sie auch dieses Jahr alles für das im Judentum wichtige Fest – die Erinnerung an die Befreiung aus dem Exil im pharaonischen Ägypten – vorbereitet. Sie hat ihr Haus nach den religiösen Vorschriften gereinigt, sie hat die Küche zur Zubereitung des Pessachmahls gerüstet. Und konnte Pessach, zu dem jeweils Familienmitglieder und Freunde aus aller Welt anreisen, dieses Jahr dann doch nicht mehr selber erleben.

Alles hatte sie fertiggestellt und vollbracht, als sie am 21. März einen Schlaganfall erlitt, in dessen Folge sie am 25. März verstarb. Am 21. Mai wäre Ilse Wyler 88 Jahre alt geworden.

In Uster, im alten Zentrum zwischen Stadthaus und reformierter Kirche, werden sich viele an die schmale, im Alter zunehmend gebrechliche, bescheidene und freundliche Frau mit dem aufmerksamen Blick erinnern. Hier lebte sie seit 1949 als Ehefrau des Ustermer Viehhändlers Max Wyler, mit dem zusammen sie eine Familie gründete und das traditionelle Viehhandelsgeschäft sowie ein offenes Haus führte. Dabei machte sie nie einen Hehl aus ihrer jüdischen Verwurzelung, zu der sie umso mehr stand, als sie die Katastrophe dieser Herkunft am eigenen Leben erfahren hatte.

Die Schrecken der «Kristallnacht»

1930 in Freiburg im Breisgau geboren und in Breisach am Rhein aufwachsend, erlebte sie in früher Kindheit die Vernichtung des jüdischen Lebens in ihrer Heimatstadt. Prägend war für das Kind Ilse der Schrecken der «Kristallnacht» im November 1938, als in Breisach die erwachsene jüdische männliche Bevölkerung, darunter ihr Vater, früh morgens verhaftet und weggebracht wurde und der Mob die jüdischen Geschäfte, auch die Eisenwarenhandlung ihres Vaters – gleichzeitig ihr Elternhaus – zerstörte.

Im Rahmen einer Rettungsaktion für süddeutsche jüdische Kinder kam Ilse Weil im April 1939 in die Schweiz, wo sie zunächst bei Verwandten des Vaters in Zürich Aufnahme fand; die ältere Schwester folgte einen Monat später. Nicht aber der geliebte grosse Bruder, der mit seinen bald 16 Jahren für den von jüdischen Hilfsorganisationen ausgehandelten Kindertransport nicht mehr in Frage kam. Die Eltern und den Bruder sah sie nie wieder – sie kamen alle 1942/1943 in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern um.

Neue Heimat Uster

Die beiden Schwestern blieben in der Schweiz, wo sie nun auch wieder die Schule besuchten. Nach der Auswanderung der Pflegefamilie in die USA verbrachte Ilse Weil ihre weiteren Kinderjahre im jüdischen Kinderheim in Heiden, es folgten die Ausbildung in der Odenwaldschule «École d'Humanité» und in einer Handelsschule. Nach Kriegsende begann sie in Zürich in der jüdischen Flüchtlingshilfe zu arbeiten. Die Heirat mit Max Wyler 1949 regelte für die junge Frau die weitere damals völlig offene Zukunft. Sie wollte in der Schweiz bleiben, zumal sich auch ihre Schwester in Bern verheiratete.

Eine Aufnahme der Synagoge in Breisach, wo Ilse Wyler-Weil aufwuchs. Der junge Mann mit der Schirmmütze (vierter von links) ist ihr Bruder Alfred, der in einem Vernichtungslager umkam. (Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg)

Klar war für sie, dass sie in der neuen Heimat Uster als Ehefrau eines Schweizer Juden selbstverständlich einen religiösen Haushalt führen würde. Das hinderte sie nicht daran, mit der nicht-jüdischen Umgebung im Einvernehmen zu leben. Sie machte im Frauenverein mit, interessierte sich für die örtlichen Kulturanlässe und hielt zeitlebens gute Nachbarschaft. Ihre jüdische Religionszugehörigkeit dabei offen zu zeigen, wie sie das noch in ihrer Breisacher Kindheit von ihrer Mutter gelernt hatte, war ihr selbstverständlich. So schenkte sie ihrem Gatten zum 50. Geburtstag eine sogenannte Laubhütte, die alljährlich zum jüdisch-religiösen Laubhüttenfest im Herbst auf dem Balkon montiert wurde. Die Nachbarschaft wurde eingeladen und kam interessiert, um die schön geschmückte Laubhütte von innen zu besichtigen und die Bedeutung der handgefertigten Dekorationsstücke zu erfahren.

Ein Höhepunkt war alljährlich der Ustermer Jahrmarkt, an dem Ilse Wyler, während ihr Gatte auf dem Viehmarkt war, jeweils im Büro an der Zentralstrasse die Kundschaft und die zum Markt angereiste Verwandtschaft mit Punsch und Gebäck bewirtete. Offen für Gäste hielt sie bis zu ihrem Tod auch ihre immer reich gedeckte Schabbat-Tafel. Neuen Besuchern drückte sie zum Abschied jeweils ein Säcklein mit Süssigkeiten in die Hände – eine Erinnerung an den Brauch ihrer Mutter. Es schien, als wollte sie auf diese Weise den Besuch am Andenken an die viel zu früh verlorene gute Mutter teilhaben lassen. Güte und Treue zum Brauchtum zeichneten ihr Wesen von Grund auf aus.

Psalm als Grabinschrift

Ilse Wyler-Weil, die drei Töchter und einen Sohn sowie einen Pflegesohn gross gezogen und sich auch um das Fortkommen der Kinder von Angestellten gekümmert hat, hinterlässt nicht nur eine zahlreiche Nachkommenschaft (12 Enkel, zahlreiche Urenkel), sie hinterlässt auch eine Lücke in vielen gemeinnützigen Aktivitäten. So engagierte sie sich in einer «Ferienkinderaktion», die jedes Jahr Kindern aus beengten Verhältnissen mit einem finanziellen Zuschuss Ferien ermöglicht. Und es war ihr ein Anliegen, Menschen auch im Tod Gutes zu tun: In der jüdischen Gemeinde stellte sie sich bei der Vorbereitung der Beerdigungen zur Verfügung. «Nicht uns, Ewiger, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre, um deiner Güte, um deiner Treue willen» – diesen Anfang des 115. Psalms wünschte sie sich als Grabinschrift. (Ursula Kägi)

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