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Auch «alte Schule» – trotz Lehrplan 21

Nach den Sommerferien wird in fast allen Ustermer Primarschulen nach dem Lehrplan 21 unterrichtet. Lehrpersonen müssen sich ab dann fragen, ob es sich noch lohnt, den Kindern etwas über Römer beizubringen.

Auch im Schulhaus Niederuster wird ab dem Schuljahr 2018/2019 nach dem Lehrplan 21 unterrichtet. (Foto. Beatrice Zogg), War Moderatorin während der Informationsveranstaltung: Primarschulpräsidentin Patricia Bernet. (Foto: PD), Karin Zulliger, Schulleiterin Niederuster, war eine der Referentinnen. (Foto: PD)

Auch «alte Schule» – trotz Lehrplan 21

In Uster tritt nach den Sommerferien der Lehrplan 21 für die Kindergarten- und Primarstufe bis zur fünften Klasse in Kraft. Ein Jahr später wird der Lehrplan auch für die sechsten Klassen und Sekundarstufen eingeführt. Um darüber zu informieren, wurden am Mittwochabend Eltern, Lehrpersonen und die interessierte Bevölkerung in den Stadthofsaal eingeladen. Das Interesse war da: Nur wenige der 500 Stühle blieben unbesetzt.
Primarschulpräsidentin Patricia Bernet war die Moderatorin des Abends. Susanna Larcher, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, und Karin Zulliger, Schulleiterin von Niederuster, waren die Referentinnen. 

«In Uster sind es kleine Änderungen im Stundenplan. Aber auch kleine Änderungen können uns organisatorisch ziemlich ins Schwitzen bringen.»

Karin Zulliger, Schulleiterin Niederuster

Erwartungen an die Schüler

Susanna Larcher machte schnell klar, was die Ustermer Primarschüler von der ersten bis zur fünften Klasse erwarten wird: Kompetenzen erwerben. «Es gibt drei Komponenten, die eine Kompetenz ausmachen: Ich weiss – ich kann – ich will.» Larcher brachte ein praktisches Beispiel: «Wenn ich meinem Garagisten, weil in meinem Auto irgendetwas komisch tönt, dann möchte ich, dass er weiss wie mein Auto aufgebaut ist. Mit diesem Wissen mein Auto reparieren kann, und dass er schlussendlich auch gewillt und hartnäckig bleibt, um das störende Geräusch zu beheben.» 

«Erst mit 17 Jahren hatte ich den ersten Computer vor meiner Nase und habe mir gedacht: Dieses Ding brauche ich nie im Leben.»

Susanna Larcher, Dozentin Pädagogische Hochschule Zürich

Bildung? Was ist das?

Auch zum Lehrplan 21 gehöre die Frage: «Was ist eigentlich Bildung?»  Zur Bildung gehöre auch, dass Schüler zu eigenständigen und selbstverantwortlichen Personen geformt werden, sagte Larcher. Die Gesellschaft wandle sich enorm. «Ich bin schon ein bisschen älter und noch ohne Handy oder Computer aufgewachsen. Erst mit 17 Jahren hatte ich den ersten Computer vor meiner Nase und habe mir gedacht: Dieses Ding brauche ich nie im Leben. Ich habe auch nicht gewusst, was ich damit tun soll. Wir haben damals damit ganz eigenartige Dinge gemacht.» Den Wandel der Gesellschaft müsse die Schule mitgehen. 

«Früher haben wir dem, glaube ich, Kochen gesagt.»

Susanna Larcher, Dozentin Pädagogische Hochschule Zürich

Die guten alten Römer

Schüler begegneten den Kompetenzen schon in den heutigen Stellenbeschrieben. «Selbständig, exakt, speditiv und motiviert sind Ausschnitte eines Stelleninserates, mit denen Schülern nach ihrer Entlassung aus der Volksschule zu tun haben.» Früher habe man Inhaltsbezogen gelernt. Dann hiess es, wir nehmen die Römer durch. Heute haben wir einen Lehrplan der sich an Zielen orientiert, so Larcher. «Mit dem Lehrplan 21 müssen sich die Lehrpersonen fragen, ob es sich lohnt, etwas über die Römer zu lernen. Welche fachlichen und überfachliche Kompetenzen erreicht werden können, diese Frage taucht immer wieder auf.» 

Neue Begriffe

Auch in der Schule sollten die sogenannten «überfachlichen Kompetenzen» gefördert werden. Unterschieden wird gemäss Lehrplan 21 zwischen personalen, sozialen und methodischen Kompetenzen. Beispiele dafür sind Selbständigkeit, Konfliktfähigkeit oder die Fähigkeit, Informationen nutzen zu können.  

Kompetenzorientierter Unterricht in Wirtschaft, Arbeit, Haushalt anhand eines Beispiels der Pädagogischen Hochschule Zürich

(Video: PH Zürich)

Auf sprachlicher Ebene haben sich mit dem Lehrplan 21 auch einige Begriffe geändert. Man spreche nicht mehr von Schulfächern, sondern von «Fachbereichen», welche auch wiederum neue Namen tragen. «Mensch und Umwelt» wurde zu «Natur, Gesellschaft und Mensch». Gänzlich neu sind die Fachbereiche «Medien und Informatik», «Berufliche Orientierung» oder «Bildung für nachhaltige Entwicklung». Zum Fachbereich «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» sagt Larcher: «Früher haben wir dem, glaube ich, Kochen gesagt.»

Ins Schwitzen gebracht

Karin Zulliger, Schulleiterin von Niederuster, sagte in ihrem Referat: «In Uster sind es kleine Änderungen im Stundenplan. Aber auch kleine Änderungen können uns organisatorisch ziemlich ins Schwitzen bringen.» So sei eine Änderung, die sie schon ins Schwitzen gebracht habe, der Stundenplan der Sechstklässler, die erst in einem Jahr nach dem Lehrplan 21 unterrichtet werden. Im Kindergarten habe man in Uster hingegen schon seit Jahren nach dem neu gültigen Stundenplan unterrichtet. Die beiden Fächer Handarbeit und Werken werden im Zusammenhang mit dem neuen Lehrplan im Fachbereich «Textiles und technische Gestalten» zusammengeführt. Zulliger erklärte den Eltern die Veränderungen im Stundenplan für die erste bis zur sechsten Klasse. «Mit der Einführung des Lehrplans 21 können nach den Sommerferien für die eine oder andere Klasse einmalig Lektionen wegfallen. Irgendwann gibt es eben einen Schnitt.» 

«Es gibt Gemeinden, die für die IT-Infrastruktur mehr Geld ausgeben.»

Karin Zulliger, Schulleiterin Niederuster

Fragen der Eltern

Bei der anschliessenden Fragrunde für die Ustermer Eltern, stellte jemand die Frage, ob jeder Schüler im Unterricht mit einem elektronischen Tablet ausgerüstet werde. «Wir haben jetzt schon in jeder Klasse Laptops und wir arbeiten daran, dass im kommenden Schuljahr in den fünften Klassen überall in Uster pro zwei Kinder ein Laptop für das neue Fach Medien und Informatik zur Verfügung steht», erklärt Zulliger. Uster sei in dieser Hinsicht im Vergleich zu anderen Gemeinden durchschnittlich ausgestattet. «Es gibt Gemeinden, die für die IT-Infrastruktur mehr Geld ausgeben. Aber Uster ist dran, dieses Angebot stetig auszubauen», so Zulliger. 
Bei der Fragerunde wurde auch klar: Hausaufgaben wird es auch in Zukunft noch geben.

Vorgeschichte Lehrplan 21

Der Zürcher Lehrplan 21 löst den Lehrplan für die Volksschule von 1991 ab. Initialzündung für einen neuen Lehrplan war wohl 2001 der sogenannte «Pisa-Schock». Bei den Pisa-Studien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OECD) werden die Schulleistungen international verglichen. Die Schweiz schnitt damals nur mässig ab. Mit der Annahme des Bildungsartikels 2006 durch das Schweizer Volk wurde der Grundstein für den Lehrplan 21 gelegt. 2009 folgt dann die Ratifizierung des «Harmos-Konkordat», welches die übergeordneten Ziele der obligatorischen Schule definiert. Auch wenn «Harmos» vom einigen Kantonen abgelehnt wurde, sind diese durch die Bundesverfassung verpflichtet, die Dauer und die Ziele der Schulstufen zu harmonisieren. Darum haben sich alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone am Lehrplan 21 beteiligt. Seit Herbst 2016 laufen die Vorbereitungen für dessen Einführung.

Kanton Zürich
Der Lehrplan 21 wurde an der Deutschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz von 2010 bis 2014 erarbeitet. Die Zahl 21 steht für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone, für die der einheitliche Lehrplan geschaffen wurde. Trotz des gemeinsamen Plans bleiben gewisse Entscheide den Kantonen vorbehalten, wie zum Beispiel die Notenvergabe oder die Gestaltung der Stundenpläne.

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