Tanzen als Schule fürs Leben
«Passé parallel, Passé turn out, Relevé», ruft Tanzlehrerin Nadine Santos und spornt ihre Schülerinnen an. In der Jazztanzlektion werden zuerst «Trockenübungen» gemacht, bis die korrekte Beinstellung sitzt. Für den Zuschauer sieht es nach harter Arbeit aus, die Schülerinnen wirken konzentriert. Nach dem Pflichtteil folgt die Kür: Zu Ohrwürmern wie «Shape of you» von Ed Sheeran oder «Let me love you» von DJ Snake können die Schülerinnen das Gelernte in einer Choreografie, die Lehrerin Nadine Santos einstudiert hat, umsetzen.
Die Gesichter wirken nun gelöster, die Mädchen wirbeln fröhlich im Raum herum. «Wir lieben es, zu cooler Musik zu tanzen», sagt eines der Mädchen. Ein anderes findet die Lehrerin sehr nett, die Übungen könnten ihrer Meinung nach jedoch körperlich noch strenger sein. «Wartet mal ab», sagt Nadine Santos und lacht. «Der Kurs dauert noch eine Weile.»
Neuer Kurs
Seit Januar bietet die 44-Jährige jeden Mittwochnachmittag einen Jazztanzkurs für Mädchen und Knaben zwischen neun und dreizehn Jahren im Tanzstudio Pajass in Fehraltorf an. Einen geeigneten Raum im Dorf zu finden, sei nicht gerade einfach gewesen, sagt Santos. «Voraussetzung war, dass er genügend gross ist, einen Spiegel sowie einen guten Boden zum Tanzen hat.» Fündig wurde sie schliesslich im «Pajass». Der Raum wird auch von anderen Lehrerinnen genutzt, die Yoga, Pilates, Zumba, Stepptanz oder Trampolin – Kurse für Jung und Alt – anbieten.
«Jazztanz für Kinder gab es bis anhin aber noch nicht hier im Dorf», sagt Santos. Bis jetzt besuchen ihre Lektion lediglich Mädchen, was die aber überhaupt nicht stört. «Wir sind gerne mal unter uns», meint eine Schülerin. «Vor den Jungs würden wir uns vielleicht schämen», meint eine andere. Nadine Santos hätte jedoch nichts dagegen, wenn auch Knaben zum Tanzen kommen würden. «Die Jungs tanzen halt eher Breakdance oder Hiphop», sagt die Fehraltorferin.
Harte Ausbildung
Sie selber begann als Mädchen mit Step- und Jazztanz sowie mit Hiphop. Der Tango, den sie zusammen mit ihrem Mann tanzt, kam später dazu. Man könnte meinen, dass die 44-Jährige nie etwas Anderes als tanzen gemacht hat, denn es ist offensichtlich, dass dies ihre grosse Leidenschaft ist. Doch weit gefehlt: Die Fehraltorferin ist ausgebildete Primarlehrerin und unterrichtet seit einigen Jahren begeistert Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in Pfäffikon. Und doch hegte sie schon länger den Wunsch, Kindern nicht nur Deutsch, sondern auch das Tanzen beizubringen.
Den Mut, eine entsprechende Ausbildung in Angriff zu nehmen, fasste sie jedoch erst vor rund eineinhalb Jahren. Ein Jahr lang absolvierte sie in der Folge eine Tanzausbildung im Funky Dance in Uster. Der Samstag war Kurstag mit Ballett, Anatomielehre und verschiedenen Stilrichtungen des Jazz. Daneben musste sie etliche Stunden fürs Training investieren.
Unterstützung aus der Familie
«Durch den raschen Wechsel meiner verschiedenen Rollen als DaZ-Lehrerin, als Familienmanagerin und dann wieder selbst als Tanzschülerin kam ich an meine Grenzen», sagt Santos. Nicht nur vom zeitlichen Engagement her, sondern auch wegen dem Leistungsdruck und weil man auf der Bühne doch sehr allein und ausgestellt ist. Sie, die sich selber nicht gerne in den Vordergrund stellt, musste sich öffnen und an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten. «Die Zweitausbildung war eine harte, aber äusserst wertvolle Schule für mich.» Ihr Mann und ihre beiden Kinder haben sie auf ihrem Weg tatkräftig unterstützt. Jazztanz hat Nadine Santos gewählt, weil sie damit ihre Faszination für Pirouetten und Sprünge ausleben kann.
«Beim Unterricht als DaZ- und Tanzlehrerin gibt es einige Parallelen», sagt Nadine Santos. Mit Kindern zu arbeiten, sei nichts Neues für sie. Ausserdem kämen ihr ihre Erfahrungen im Bereich der Didaktik auch beim Tanzunterricht zugute. Und doch sei dieser wieder etwas ganz Anderes: «Die Kinder machen das freiwillig in ihrer Freizeit.» Viele könnten während des Tanzens Stress abbauen und ihren Emotionen freien Lauf lassen. «Mir persönlich geht es nicht anders», sagt Nadine Santo