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Politik

«Ich wusste sehr wenig»

Tobias Bolliger (FDP) ist der einzige Kandidat für die Nachfolge von Rolf Rothenhofer (parteilos) als Egger Gemeindepräsident. Grosse Veränderungen strebt er nicht an, nun sei es an der Zeit, die vielen grossen Investitionen erfolgreich abzuschliessen und den Fokus auf die Schule zu legen.

Tobias Bolliger ist der einzige Kandidat für das Gemeindepräsidium. (Foto: Christian Merz), Tobias Bolliger ist der einzige Kandidat für das Gemeindepräsidium. (Foto: Christian Merz), Tobias Bolliger ist der einzige Kandidat für das Gemeindepräsidium. (Foto: Christian Merz)

«Ich wusste sehr wenig»

Herr Bolliger, sie sind bereits Vize-Präsident der Gemeinde Egg und jetzt einziger Anwärter auf das Gemeindepräsidium – führen Sie überhaupt Wahlkampf?
Tobias Bolliger: Man kennt mich ja bereits (lacht). Ich stehe mindestens zwei Mal pro Jahr vor der Gemeindeversammlung und präsentiere Rechnung und Budget. Ich glaube, ich muss mich in der Bevölkerung nicht mehr speziell bekanntmachen. Ich bin in der Gemeinde präsent und mache alles im Rahmen der FDP-Kampagne mit. Ich mache aber keinen elektronischen Wahlkampf auf Internet-Foren. 

War es schon immer Ihr Plan, einmal das Präsidium anzustreben?
Nein. Ich habe mir sogar kurz überlegt, ob ich nach 16 Jahren überhaupt noch einmal als Gemeinderat antreten will. Mein Beruf nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Ich sehe mich darum auch eher als Übergangspräsidenten.

Das tönt jetzt nicht gerade so, als würden Sie für das Amt brennen.
Kontinuität in der Führung einer Gemeinde ist für mich sehr wichtig. Wenn mit Neuwahlen zu viel Know-How abfliesst, bezahlt man das. Hätte ein anderer bisheriger Gemeinderat sich für das Präsidium interessiert, hätte ich mich zurückgezogen. Hätte sich hingegen ein Präsidiumskandidat ohne Gemeinderatserfahrung gemeldet, wäre ich gegen ihn angetreten.  

Würde ich mich nicht für meine Gemeinde einsetzen wollen, würde ich es auch nicht machen.

Tobias Bolliger

Das heisst, Sie warten jetzt einfach die vier Jahre ab, bis sich ein anderer Gemeinderat für das Präsidium interessiert. 
Überhaupt nicht. Ein Präsident sollte nach vier Jahren nicht schon wieder abtreten. Es zwingt mich ja niemand dazu, mich in der Politik einzusetzen, das mache ich freiwillig und mit grossem Einsatz. Ich arbeite bereits jetzt Vollzeit. Die politische Arbeit mache ich am Abend, an den Wochenenden oder an Tagen, an denen ich Überstunden kompensiere. Als Gemeindepräsident würde sich daran nichts ändern, aber für mich passt das. Würde ich mich nicht für meine Gemeinde einsetzen wollen, würde ich es auch nicht machen. Aber vom Amt als Gemeinderat oder -präsident kann man nicht leben.

Sie sitzen seit 16 Jahren in der  Egger Exekutive. Blenden wir zurück: Was waren Ihre ersten politischen Schritte?
Als ich etwa 20 Jahre alt war, brannte das Jugendhaus in Egg nieder. Ich wurde damals vom Gemeindepräsidenten in die Baukommission eingeladen, die sich um den Neuaufbau gekümmert hat – warum eigentlich weiss ich gar nicht mehr (lacht). Es gefiel mir, mich zu engagieren. Kurz darauf trat ich auch in die FDP ein, denn wenn ich mich schon aktiv einbringe, dann in einer Partei. Die liberale und verantwortungsbewusste Einstellung der FDP spricht mir sehr zu. Als 2002 Viktor Baumann (FDP) überraschend nicht mehr als Gemeindepräsident bestätigt wurde und darum auch seinen Sitz im Gemeinderat nicht antrat, kandidierte ich für den vakanten Sitz und setzte mich in einer Kampfwahl durch. Rolf Rothenhofer (parteilos) trat gleichzeitig die Nachfolge von Viktor Baumann an. 

 

Inwiefern hat Sie das Amt als Vize-Präsident auf das Präsidium vorbereitet?
Nicht diese Position hat mich speziell vorbereitet, sondern eher mein Ressort Finanzen. Dadurch habe ich in viele verschiedene Teilbereiche der Gemeinde einen Einblick erhalten. Und in den letzten Monaten arbeite ich noch enger mit Rolf Rothenhofer zusammen. Auf seine Ratschläge kann ich auch nach der Amtsübergabe zählen. Bisher habe ich ein einziges Mal eine Gemeindeversammlung geleitet, als er auf einer Reise war. 

Die Generalprobe liegt also bereits hinter Ihnen. Waren Sie nervös?
Nervös ist das falsche Wort. Wenn man auf diesem Podium steht, konzentriert man sich auf die Sache, will es gut machen. Viel nervöser war ich bei meiner allerersten Gemeindeversammlung, als ich zum ersten Mal die Rechnung präsentieren musste. Damals wurde am gleichen Abend über ein grosses Thema befunden, darum fand die Versammlung in der Kirche statt, wenn dann all diese Augen auf einen gerichtet sind, wird einem schon etwas mulmig. 

Der Gemeinderat sollte mehr strategisch und weniger operativ walten. 

Tobias Bolliger

Mit welchem Gefühl traten Sie damals das Amt des Gemeinderates an?
Zu sagen, ich war blauäugig, würde negativ tönen. Aber ich wusste definitiv sehr wenig – wusste nicht, was man als Gemeinderat überhaupt beeinflussen kann. Die ersten zwei Jahre waren schon happig. Viktor Baumann hatte als Gemeindepräsident auch das Ressort Finanzen inne und nach seinen Abgang hinterliess er eine grosse Lücke. Unter der Leitung von Rolf Rothenhofer haben wir alles aufgearbeitet und den Abteilungsleitern der Gemeinde immer mehr Verantwortung übergeben. Sie sollen mitreden können und nicht einfach schlucken, was ihnen vorgesetzt wird. Der Gemeinderat sollte mehr strategisch und weniger operativ walten. 

Gibt es für Sie Themengebiete, denen Sie als Präsident gezielter Aufmerksamkeit schenken wollen?
Konkrete Ziele habe ich nicht. Jetzt geht es darum, die laufenden Projekte abzuschliessen, danach die Schulraumplanung aufzugleisen und deren Realisierung anzupacken. Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht, speziell das neue Zentrum mit Tiefgarage und Chilbiplatz, der Kunstrasenplatz, die neue Kläranlage, die neuen Wasserreservoirs, alle Bahnübergänge und der neue Werkhof, obwohl wir bei diesem das Budget um eine Million Franken überzogen. Das hatte verschiedene Gründe, unter anderem waren zu viele Personen gleichzeitig involviert und es haperte an der Kommunikation. Aber wir haben daraus gelernt. Wir schwanken immer zwischen grossen Investitionen und Konsolidierungsphasen. Als ich 2002 mein Amt als Finanzvorstand antrat, lag die Fremdverschuldung der Gemeinde bei 34 Millionen Franken. Zeitweise sank diese auf 15 Millionen und stieg wieder auf über 30 Millionen Franken. Nun gilt es, die laufenden Projekte abzuschliessen, bevor wir bei der Schule investieren dürfen und müssen. Die Einwohnerzahl ist während meiner bisherigen Amtszeit schliesslich um rund zehn Prozent gewachsen.

Sie sind voll berufstätig, sind dreifacher Vater, arbeiten als Gemeinderat, das Präsidium ist in Aussicht – für was ausser schlafen reicht die Zeit noch?
Nicht viel (lacht). Denn dazu kommt noch mein Arbeitsweg nach Domat-Ems und wieder zurück. Im Auto führe ich viele Telefongespräche. Teilzeitarbeit habe ich im Geschäft einmal angesprochen, doch das ist kein Thema bei der Ems Chemie AG. Sport ist mein Ausgleich – dazu finde ich immer wieder Zeitfenster. Im Winter habe ich die Langlaufskis im Auto griffbereit, um nach Feierabend noch eine Runde zu drehen. Zudem bin ich langjähriges Mitglied des UHC Egg und konnte mit dieser Begeisterung auch meine Söhne anstecken. Das Vereinsleben in der Gemeinde ist ein wichtiger Pfeiler des Dorflebens und viele engagierte Personen, die sich ehrenamtlich einsetzen. Egg hat 60 Vereine, das ist ein attraktives Angebot. 

Tobias V. Bolliger ist 55 Jahre alt, Vater von drei Söhnen und wohnt mit seiner Familie in Hinteregg. Der Werkstoffingenieur ETH arbeitet in Domat-Ems in der Kunststoffindustrie als Produktionsleiter. Seit vielen Jahren ist er Mitglied im Unihockeyclub Egg, spielt bei den Senioren und ist manchmal auch als Schiedsrichter im Einsatz. 

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