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Unternehmen zweifeln an Deutschkenntnissen

Der Kanton Zürich will im Sommer sein Pilotprojekt «Integrationsvorlehre» starten. Dabei soll eine einjährige Vorlehre Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen ab 18 Jahren die Türen zu einer Berufslehre öffnen. An der Informationsveranstaltung in Uster zeigten sich potentielle Lehrbetriebe in einem Punkt aber skeptisch.

Mit der einjährigen Integrationsvorlehre sollen Flüchtlinge für eine anschliessende Berufslehre «fit» gemacht werden. (Foto: PD)

Unternehmen zweifeln an Deutschkenntnissen

Am Dienstagabend hatte das Forum Berufsbildung Zürcher Oberland Unternehmen oder anderweitig Interessierte zur Informationsveranstaltung «Integrationsvorlehre» eingeladen, die im Sommer kantonal starten soll (siehe Box). In der Fragerunde nach der Präsentation meldeten sich einige der rund 120 Unternehmern und Firmenverantwortlichen vornehmlich zu einem möglichen Problem: Die mangelnden Sprachkenntnisse der Flüchtlinge oder der vorläufig Aufgenommenen.

Wir haben gemerkt, dass es Kandidaten gibt, die einfach kein Handbuch lesen können.
Personalverantwortliche eines Unternehmens

«Die Sprachkenntnisse, die Flüchtlinge vorweisen müssen, sind zu wenig aussagekräftig. Wir hatten einen Lehrling, der mit dem Level B1 ein höheres Niveau als vom Bund vorgeben hatte, und trotzdem ist er in der Berufslehre nicht nachgekommen. Wie soll ich einschätzen können, ob sich der Aufwand für uns lohnt?», fragte ein Unternehmer.
Massimo Romano, Verantwortlicher für die schulische Ausbildung in der Berufsfachschule EB Zürich und einer der Redner an der Infoveranstaltung, sagte: «Grundsätzlich kann ich sagen, dass die Lehrlinge im mündlichen Bereich bei uns in der Schule keine Probleme haben. Die Einstufungen gemäss Sprachreferenzrahmen geben meist nicht ein vollständiges Bild der Sprachkompetenz.»
Eine Personalverantwortliche eines anderen Unternehmens sagte: «Für mich war das jetzt keine Antwort. Wir haben gemerkt, dass es Kandidaten gibt, die einfach kein Handbuch lesen können.»

Ich finde es super, was da auf die Beine gestellt wurde. Jeder Mensch soll eine Chance bekommen.
Avni Selimi, Geschäftsführer Boden & Design GmbH

Ameise nicht gleich Ameise

Dass Fachsprache nicht gleich Alltagssprache ist, hatte Romano in seiner Präsentation auch erwähnt. Eine Ameise ist in der Sprache der Logistiker ein Hubwagen. Das mussten auch die neun Flüchtlinge lernen, die schon 2016 mit der Integrationslehre in der Zürcher Logistikfirma Planzer begonnen haben. Neun haben damals diese Lehre angefangen, sieben haben sie beendet. Mittlerweile sind fünf im Unternehmen geblieben und machen dort eine Berufslehre, so wie es das Konzept der Integrationslehre vorsieht. «Auch beim Projekt Integrationslehre gibt es eine Selektion. Zwei Flüchtlinge haben den Anschluss nicht mehr geschafft und sind ausgeschieden. Vor dem Beginn der Berufslehre ist dann ein Flüchtling wegen gesundheitlicher Probleme ausgefallen, der andere hat sich aus persönlichen Motiven dagegen entschieden», so Romano.

Lernwille gefragt

Drei Unternehmen aus der Region stehen dem Projekt grundsätzlich wohlwollend gegenüber. «Ich finde es super, was da auf die Beine gestellt wurde. Jeder Mensch soll eine Chance bekommen», sagte Avni Selimi, Geschäftsführer der Bodenlegerfirma Boden & Design GmbH. Er sehe aber schon auch die Probleme die anfallen könnten. «Wie bei unserem jetzigen Lehrling, der teilweise Mühe in der Schule hat, hängt alles vom Lernwillen ab.» Ob Selimi einen Flüchtling oder einen vorläufig Aufgenommenen bei sich einstellen will, muss er sich noch überlegen.

Einmal hat einer eine ganze Stunde Znüni-Pause gemacht.
Frank Bucher, Geschäftsführer Pneu Egger AG Uster

Nur 20 Minuten Pause in der Schweiz

Anders sieht das bei Pneu Egger AG in Uster aus. Dessen Geschäftsführer, Frank Bucher, möchte mit grosser Wahrscheinlichkeit einem Flüchtling für die Bewirtschaftung des Reifenlagers und die Reifenmontage eine Vorlehre anbieten. «Wir hatten schon einen Flüchtling für eine Schnupperlehre bei uns. Der Einsatz war gut, bei der Verständigung haperte es allerdings.» Auch in den anderen Filialen habe man gute Erfahrungen gemacht. Die Einsatzbereitschaft stimme jeweils, aber dass andere Mentalitäten im Spiel seien, bekomme man schon auch zu spüren. «Einmal hat einer eine ganze Stunde Znüni-Pause gemacht. Wir mussten ihm dann erklären, dass wir nur 20 Minuten machen», so Bucher.

Langfristiges Engagement muss es sein

Ein anderer Aufgabenbereich erwartet potentielle Kandidaten in der Mönchaltorfer Firma Bubu AG. Dort würden die Flüchtlinge eine Integrationslehre als Logistiker oder Printmedienverarbeiter beginnen. Laut Produktionsleiter Raphael Kacimi werde man darüber in der nächsten Geschäftsleitungssitzung entscheiden. «Die Sprache bildet sicher eine gewisse Hürde, aber wir sehen diese Angelegenheit als langfristiges Engagement, wobei wir das Entwicklungspotenzial sehen», so Kacimi. Auch seien diese Lehrlinge sicherlich engagiert und dankbar.

Perfektes Deutsch unrealistisch

Massimo Romano vom EB Zürich ruft den Unternehmen in Erinnerung, dass keine fertig ausgebildete Leute erwartet werden können. Und auch dass diese nach der Vor- oder Berufslehre perfekt deutsch sprächen, sei nicht realistisch. «Im Vergleich mit Schweizer Lehrlingen haben die Flüchtlinge allerdings oft den Vorteil, dass sie schon gearbeitet haben, während die Schweizer direkt von der Schule kommen. Auch die grössere Lebenserfahrung macht sich meist bezahlbar», so Romano.

 

Projekt soll Win-Win-Situation schaffen

Der Bundesrat hat im 2015 ein vierjähriges Pilot-Projekt beschlossen, das die Erwerbs- und Bildungsintegration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen nachhaltig verbessern soll. Damit will der Bundesrat in Zusammenarbeit mit den Kantonen, Organisationen der Arbeitswelt und Institutionen der beruflichen Bildung das Potential dieser Arbeitskräfte besser ausschöpfen und ihre Sozialhilfeabhängigkeit senken.

Das Projekt soll Win-Win-Situationen schaffen für Ausbildungsbetriebe, Gewerbetreibende, Unternehmer auf der einen Seite und anerkannte Flüchtlinge sowie vorläufig Aufgenommene ab 18 Jahren auf der anderen Seite.
Vorgesehen für das Projekt sind die Berufsfelder Automobil, Detailhandel, Fleischwirtschaft, Gebäudetechnik (Heizung/Sanitär), Gleisbau, Gebäudereinigung, Logistik, Medienpraktik und Unterhaltspraktiker. Weitere Berufsfelder und Kompetenzprofile sind im Aufbau.

Voraussetzungen der Lernenden:
-Arbeits- und Berufserfahrung 
-Deutschkenntnisse auf Stufe A2 (schriftlich und mündlich)
-Bis 40 Jahre alt 
-Wohnsitz im Kanton Zürich
Die Kosten für die Berufsfachschule und die Begleitung der Lernenden in der Berufsfachschule werden im Rahmen des Projektes von Bund und Kanton gemeinsam übernommen. 
Der Betrieb finanziert den Lohn: Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt empfiehlt einen Lohn von mindestens 380 Franken pro Monat.
 

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