Politik

Er macht Musik für Werbekuh Lovely

Daniel Bürki baut, unterrichtet und verkauft Musikinstrumente. Für Swissmilk hat er einen Werbespot vertont. Notenlesen kann er nicht.

Daniel Bürki hat mit seinem Schwyzerörgeli und seinem Kontrabass eine Swissmilkwerbung vertont. , Sein erstes Örgeli bekam Daniel Bürki als 11-Jähriger zu Weihnachten. Heute unterrichtet er 80 Personen. (Foto: Nathalie Guinand)

Er macht Musik für Werbekuh Lovely

Ländlermusik scheppert aus dem Radio. Daniel Bürki stellt den kleinen Apparat leiser. «Manchmal höre ich auch andere Sachen», sagt er und lächelt verlegen. Er sitzt auf einem Holzhocker im ersten Stock seines Musikladens in Fehraltorf und hat die Hände auf die Oberschenkel gelegt. Seine Haare sind irgendwo zwischen braun und grau stehen geblieben.

Das Schwyzerörgeli, das vor ihm auf dem Tisch liegt, und der Kontrabass in der Ecke gehören ihm. Die anderen Instrumente, die hier überall rumliegen – zum Beispiel etwas, das aussieht wie eine dreieckige Gitarre – , sind zur Reparatur bei Bürki. An der Wand steht eine Werkbank, die Schraubenzieher sind feinsäuberlich nach Grösse geordnet.

Bürki repariert gerne Instrumente. «Jedes hat seine Geschichte, es macht mich stolz, dass sie mir anvertraut werden.» Seine Passion sei aber, selber Musik zu machen. «Dafür brenne ich.»

Zweifel Chips und Swissmilk

Die erste Anfrage für die Mitarbeit bei einer Werbung für die Firma Zweifel kam über die Kontakt-Funktion seiner Website. «Wie genau sie auf mich gestossen ist, weiss ich nicht. Ich habe mir einen guten Ruf als Örgeler erarbeitet», sagt Bürki und beeilt sich mit der Ergänzung: «Also natürlich bin ich nicht der Einzige, der gut ist und sicher nicht der Allerbeste.» Er legt die Hände auf sein Örgeli, dann auf den Tisch und schliesslich wieder auf seine Oberschenkel.

«Die Zweifel-Chips-Werbung mit der Hochzeit, da hört man mich.» Das sei aber weniger herausfordernd gewesen, als der jüngste Auftrag: In der neuen Swissmilk-Werbung flitzt die Werbekuh Loveley auf Skiern einen Berg hinunter – musikalisch untermalt von zwei Schwyzerörgelis, einem Kontrabass und sogenannten «Löffeln». Eingespielt wurden sie alle von Bürki. Nur zwei Wochen habe er Zeit gehabt, die vier Stimmen zu lernen. «Also gelernt habe ich drei Stimmen, den Löffelrythmus habe ich dann spontan darüber gespielt.»

Der 50-Jährige steht auf und holt zwei Holzlöffel aus der Schublade. Er nimmt sie zwischen Daumen und Zeigfinger der rechten Hand und beginnt, sie auf seinen Oberschenkel zu schlagen. «Das wäre dann ein simpler 4/4-Rythmus.» Er wechselt die Abfolge. «Das sind 6/8.» Bürki schliesst die Augen, öffnet sie bald wieder, legt die Löffel hastig in die Ecke und entschuldigt sich für die Unterbrechung.

Den Vater angesteckt

Sein erstes Schwyzerörgeli bekam Bürki als 11-Jähriger zu Weihnachten. Kontrabass hat er fünf Jahre darauf zu lernen begonnen. In den letzten Jahren nahm er zudem Unterricht in diversen anderen Instrumenten. «Aber hauptsächlich, um meine Kunden beraten zu können.» Im zweiten Stock verkauft er Instrumente und Trachten. Im Erdgeschoss stellt er Orff-Instrumente, also Instrumente für Schulen oder Theraphien, selber her. Und ausserdem Pfeffermühlen und Notenständer. Bürki ist gelernter Drechsler.

Mit der Begeisterung für Volksmusik hat er seinen Vater angesteckt. Dieser begann 1987 knapp 50-jährig noch Kontrabass zu lernen. Heute spielen die beiden gemeinsam im «Trio Alpenblick». Die dritte im Bunde ist Bürkis Frau Claudia. Sie war eine seiner Schwyzerörgeli-Schülerin. Momentan nehmen etwa 80 Personen bei Bürki Unterricht. «Aufgrund der aktuellen Begeisterungswelle für alles Volkstümliche kann ich mich kaum retten vor Anfragen.» Die jüngste Schülerin sei noch im Kindergarten.

Überlieferung nach Gehör

Bürki verkauft, unterrichtet, produziert und spielt Instrumente. Musik sei sein halbes Leben, sagt er, um sich dann zu korrigieren: «Eigentlich mein ganzes Leben.» Dass er keine Noten lesen kann, findet er trotzdem nicht bemerkenswert. Bürki zuckt mit den Schultern und blickt aus dem Fenster. «In der Volksmusik waren Noten lange nicht üblich. Es wurde nach Gehör überliefert.»

Im Fall von Swissmilk hat er jede Stimme als Tondatei bekommen. «Dann höre ich mir die Sequenzen immer wieder an, bis ich weiss, wie man sie spielt.» Er zückt sein IPad und öffnet eine Musikapp. «Das erleichtert mir das Leben.» Als Kind lernte er ab Kassette.

«In der Volksmusik waren Noten lange nicht üblich. Es wurde nach Gehör überliefert.»

Daniel Bürki,  Schwyzerörgeli-Spieler und Musikladenbesitzer

«In meiner Jugend gab es für mich nur Volksmusik», sagt Bürki. Andere Stilrichtungen hätten ihn nicht interessiert. Das sei mittlerweile anders. «Ich denke, der Laden hat mich offener gemacht.» Dadurch komme er mit allen möglichen Musikern in Kontakt. «Hier kommt auch mal ein Metal-Rocker rein und will seine E-Gitarre repariert haben.»

Wenn er spricht, tappt er dazu mit den Fingerspitzen rhythmisch auf seine Knie. Er unterbricht den Rhythmus, um einen Fusel von seinem dunkel-gestreiften Pulli zu zupfen.

«Hier kommt auch mal ein Metal-Rocker rein und will seine E-Gitarre repariert haben.»

Daniel Bürki

Seine Kinder hätten ihn mit «so ganz modernen Sachen» in Berührung gebracht. Seine Tochter mochte Lady Gaga. «Also habe ich auch begonnen Lady Gaga zu hören.» Ein grosser Fan sei er nie geworden, aber interessant sei das trotzdem. «So mittel-moderne Sachen» schätze er mittlerweile sehr. Zum Beispiel die Bee Gees. Er lächelt einmal mehr verlegen.

Respekt vor der Leidenschaft

Und selbst wenn ihm etwas nicht gefalle: «Musiker aller Stilrichtungen arbeiten viel und vor allem mit Leidenschaft. Den Respekt davor finde ich wichtig.» Er habe nicht nur Freude an der Musik, sondern auch an der Freude, die Musik anderen bereite. «Vielleicht würde ich etwas im Radio abstellen, aber trotzdem faszinieren mich der Arbeitsprozess und die Wirkung die es haben kann.»

Eine ältere Frau kommt in den Laden. Sie schaut sich im Laden um, spielt kurz auf ihrem Schwyzerörgeli und wendet sich dann an Bürki. Die Frau ist eine seiner Schülerinnen. Sie muss weiter, will vorher aber noch ein neues Stück, um zu üben. Er gibt ihr eine Aufnahme und ein Blatt. Keine traditionellen Noten, sondern spezielle Örgeli-Noten. Die kann auch Bürki lesen.

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.