Die Burg von Weisslingen
Die Ritter von Weisslingen – viel ist über sie nicht bekannt. Vom einstigen Adelssitz im Dorf zeugt nur der Name der schmale Burggasse und ein Stück der früheren Ringmauer. Für Laien sind die alten Steine, neben der Garageneinfahrt zur Liegenschaft an der Burggasse 8, allerdings kaum als Mauer erkennbar.
«Eigentlich wollten wir ein Stück der Mauer vor Ort erhalten und sichtbar machen», sagt Robert Widler, ehemaliger Präsident des Historischen Vereins Weisslingen. «Das war jedoch nicht möglich.» Letztlich konnte der Verein nur ein Fragment ergattern, das im Sprützehüsli aufbewahrt wird. Ein paar Steine, zusammengehalten mit Mörtel.
«Ich bin schon etwas stolz, dass wir eine Burg im Dorf hatten.»
Robert Widler, Historischer Verein Weisslingen
Ein grosser Teil der Ringmauer verläuft immer noch unter der Erde, glaubt Widler. 1,1 Meter dick und bis zu 2 Meter hoch war sie. Das haben Kantonsarchäologen bei Grabungen vor sechs Jahren festgestellt (wir berichteten). Für Widler damals eine kleine Sensation. «Das waren die ersten handfesten Beweise für die Burg.» Die Mauer umfasste einst ein etwa 20 mal 10 Meter grosses, massives Steingebäude, dessen Grundmauern dem heutigen Gebäude wahrscheinlich als Fundament dienen. «Ich bin schon etwas stolz, dass wir eine Burg im Dorf hatten», sagt Widler.
Der Badstubenprozess
Doch die Zeiten, in denen es in Weisslingen einen Adelssitz gab, sind lange vorbei. Erstmals wird die Burg 1407 als «Turm genannt Wissnang» in einem Vertrag erwähnt. Doch bereits im 15. Jahrhundert dürfte die Burg ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Scheinbar wurde dort eine Badstube betrieben. «Davon zeugt das Protokoll des sogenannten Badstubenprozess von 1525», sagt der Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser, der sich mit der Burg und ihren Bewohnern befasst hat (siehe Box).
«Im Protokoll wird erwähnt, dass Weisslingen während dem Alten Zürichkrieg gebrannt hat.»
Peter Niederhäuser, Historiker
Im Prozess klagte der Bader Ulrich Lehner von Fehraltorf den Bader Niklaus N. von Weisslingen ein. Eine neue Badstube zu erbauen, sei nicht erlaubt in Orten, wo nicht schon früher eine bestanden habe. Da bringt der Weisslinger Bader vier Zeugen die besagen, dass früher im Dorf sowie im «Schloss» eine Badstube für fünf bis sechs Personen bestanden habe. «Im Protokoll wird auch erwähnt, dass Weisslingen während dem Alten Zürichkrieg, der zwischen 1440 und 1450 wütete, gebrannt hat», sagt Niederhäuser. Ein Zeuge sagte im Gerichtsprozess aus, dass die Dorfbewohner ihm gesagt hätten, dass schon vor dem Krieg eine Badstube hier gestanden habe.
Eine Burg oder ein besseres Haus
Das hält die Bevölkerung nicht davon ab auch später von der Burg, oder, ab Mitte 16. Jahrhundert, vom Schloss zu sprechen. Dies deutet laut Robert Widler darauf hin, dass es Anbauten und Neubauten gegeben hat. Um 1550 beschreibt der bekannte Zürcher Chronist Johannes Stumpf das Dorf Weisslingen wie folgt: «Ob Kyburg ligt das Dorff Wyssnang, yetz Wysslingen geheissen, mit einem alten Schloss und Weyerhaus, noch ein wenig in Dach und von einem Bauersmann bewohnt, hat vor Zeiten besondern Adel erhalten, sind vor langest abgestorben.» Das Schloss war damals noch einigermassen erhalten.
«Die Frage lautet: Was ist die Burg oder das Schloss?»
Peter Niederhäuser, Historiker
Noch bis Ende 19. Jahrhundert wird die Liegenschaft an der Burggasse 8 als Burg bezeichnet. «Die Frage lautet: Was ist die Burg oder das Schloss? Es kann sich dabei auch um ein besseres Haus handeln», sagt Niederhäuser. Festgehalten ist im Mitteilungsblatt auch, dass 1811 «Teile des Steinwerks» zum Bau der Spinnerei Schellenberg verwendet werden.
So erstaunt es nicht, dass heute nicht mehr viel von der Burg erhalten ist. Die archäologischen Überreste seien sehr spärlich, sagt Markus Pfanner von der Baudirektion. Bei den Untersuchungen 2012 sei praktisch kein mittelalterliches Fundmaterial zum Vorschein gekommen. «Es gab keine Abfälle von Geschirr oder Werkzeug, was man normalerweise in mittelalterlichen Siedlungen und besonders Burgen findet.» Wahrscheinlich seien die Böden und Planierschichten aus der Zeit der Burg bereits im Spätmittelalter beim Bau des Hauses Burggasse 8 abgetragen wurden, sagt Pfanner. «2013 haben Untersuchungen am Haus gezeigt, dass das Gebäude im Kern in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückgeht», sagt Pfanner. Das älteste ermittelte Datum stammt von 1457. Ein Bericht zu den Ausgrabungen ist noch ausstehend.
Engere Zusammenarbeit erwünscht
Spricht Robert Widler von den Ausgrabungen, kann er etwas Ärger nicht verhehlen. Er wünschte, die Kantonsarchäologen hätten enger mit dem Historischen Verein zusammen gearbeitet – und mehr Licht in die Geschichte der Burg gebracht. Dass sie nicht viel gefunden haben, erstaunt ihn nicht. «Sie haben ja auch nur dort Grabungen gemacht, wo die alte Mauer der Garageneinfahrt weichen musste.»
Die Archäologen wiederum versuchen, wenn möglich so viel wie möglich im Boden zu belassen, sagt Markus Pfanner. «In der Annahme, dass es in Zukunft bessere Grabungsmöglichkeiten gibt und Fundgegenstände noch besser untersucht sowie gelagert werden können.»
Widler gibt die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann mehr über die Burg in Erfahrung gebracht wird. «Vielleicht können wir eines Tages rekonstruieren, wie sie ausgesehen hat.»
Die Bewohner der Burg
Die Burg in Weisslingen wird wahrscheinlich im 12. Jahrhundert als Sitz einer lokalen Adelsfamilie erbaut. Besitzer waren wohl die Freiherren von Weisslingen, die zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert erwähnt werden. Die letzte Trägerin dieses Namens ist Adelheid von Weisslingen. Dann kommt eine Familie ins Spiel, deren Schicksal charakteristisch ist, für die Geschichte des Zürcher Adels, wie Historiker Peter Niederhäuser sagt. Adelheid heiratet vermutlich Johann von Hettlingen, der damit Burg und Güter in Weisslingen übernimmt.
Für Niederhäuser eine interessante Familie und ein interessanter Adelssitz. «Dass wir so viele Schriftquellen dazu haben, ist eher ungewöhnlich», sagt er. Dabei sei die Burg in Weisslingen «nichts Tolles gewesen» und die Familie niederen Adels. «Die Burg hatte aber erstaunlich lange Bestand und die Familie hielt sich gut in den Wirren dieser Zeit.» Das treffe nicht auf viele so kleine Burgen zu: «Manche wurden bei Bränden oder im Krieg zerstört, meist wurden sie aber ganz einfach verlassen.»
Wobei es auch für die Weisslinger Burg kritische Phasen gab: Zum Beispiel während der Appenzeller Kriege. Damals drohte habsburgischen Dienstleuten wie den Hettlingers Gefahr durch die Appenzeller und Schwyzer und der «Turm genannt Wissnang» wird 1407 in einem Vertrag zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Verena von Ebersberg, die Frau von Heinrich von Hettlingen, sucht die Unterstützung der Stadt Zürich und schliesst «ein ewiges Burgrecht» mit ihr. Von Ebersberg soll ihre «Feste» in Wetzikon und den «Turm» offen halten für die Stadt, um Knechte und Söldner dorthin zu verlegen.
Nicht einmal 40 Jahre nach der ersten Erwähnung wird es wieder brenzlig: Von 1439 bis 1446 wütet der Alte Zürichkrieg, wieder ziehen die Schwyzer brandschatzend und plündernd durch die Gegend. Heinrich von Hettlingens gleichnamiger Sohn zahlt ihnen 40 Gulden, damit sie seinen Turm nicht zerstören. Es könne aber sein, sagt Niederhäuser, dass das Dorf geplündert und abgebrannt wurde. Darauf deute das Protokoll des Baderprozesses hin.
Die letzten Nachkommen der Familie von Hettlingen sind Margreth und Veronika. Letztere tritt ins Kloster Hermetschwil bei Bremgarten ein. Sie hinterlässt ein Buch, das 1432 geschrieben wurde und an dessen Ende sie ihren Namen mit roter Tinte vermerkt. Zudem gab sie einen Wandteppichin Auftrag, der die Auferstehung Christi mit dem Schweisstuch der Veronika darstellt und gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstanden ist Die Wappen der Familien von Hettlingen und Hofstetten weisen auf eine Stiftung der Eltern Veronikas hin.
