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Wie Alfred Zahn Ägyptern mit Schlafproblemen hilft

Alfred Zahn reist seit sechs Jahren nach Naqada in Ägypten. In der Stadt am Nil macht der Walder Schlafmediziner keine Ferien, sondern gibt in einem Spital sein Wissen weiter. Sein nächstes Projekt ist die Schaffung einer Patienten-Datenbank.

Es sei jedes Mal ein Kultur- und Temperaturschock, sagt Alfred Zahn. Ende november kehrte er aus dem 30 Grad warmen Ägypten in sein fast 500 Jahre altes Haus in den winterlichen Walder Weiler Hittenberg zurück. (Bild: Seraina Boner), Auf dem Nil: Wenn Alfred Zahn nicht in der Praxis im Nil Hospital Naqada Patienten behandelt, dreht er seine Runden auf dem Fluss. (Bild: zvg), Es gebe nichts Schöneres, als am Morgen eine Stunde auf dem Nil zu verbringen, sagt Alfred Zahn. (Bild: zvg) , Natur und Staub: Das Nil Hospital Naqada von aussen. In diesem Spital behandelte Alfred Zahn beriets über 1000 Ägypter. (Bild: zvg), Sein Kollege Andreas Knoblauch (rechts) machte Alfred Zahn auf das Projekt in Ägypten aufmerksam. Mit ihm leitet Zahn die Praxis für Pneumologie und Schlafmedizin und rudert vor der Sprechstunde auf dem Nil.(Bild: zvg)

Wie Alfred Zahn Ägyptern mit Schlafproblemen hilft

Das Wasser in der Kanne auf dem alten Herd kocht. Dampf strömt zur Decke. Er hat keinen langen Weg. Die Decke des fast 500 Jahre alten Hauses, das im Walder Weiler Hittenberg steht, ist tief. Es riecht nach Lagerfeuer. Der dunkelgrüne Kachelofen nimmt einen grossen Teil des Wohnzimmers ein. Alfred Zahn tritt mit zwei Tassen Tee in die Stube. «Das ist Hibiskustee, frisch aus Ägypten», sagt er. Das Wasser hat sich dunkelrot eingefärbt. Karkade nenne man die Blüten in Ägypten. Auf dem Salontisch steht eine pyramidenförmige Box. «Datteln», sagt Zahn. Er habe die Schachtel am Flughafen gekauft. «In Ägypten gibt es zur Zeit nur ungetrocknete Datteln. Die kann ich nicht nach Hause nehmen. Sie sind schlecht haltbar.»

Jedes Mal ein Kulturschock

Ende November kehrte der pensionierte Schlafmediziner aus Ägypten zurück. «Es ist jedes Mal ein Kultur- und Temperaturschock. Ich kam von 30 Grad ins verschneite Wald nach Hause», sagt Zahn. Seit 2011 reist er jedes Jahr im Frühling und im Herbst für einen Monat in das nordafrikanische Land. Das Ziel: nicht etwa Hurghada, Sharm El Sheik oder eine andere Feriendestination. Zahn besucht die Stadt Naqada. «Sie liegt am Westufer des Nils und hat ungefähr 120’000 Einwohner», erzählt der Walder.

In Naqada legt der 70-Jährige aber nicht die Beine hoch. Er leitet die Schlafmedizin- und Pneumologie-Abteilung im Nil Hospital Naqada gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Andreas Knoblauch. Wegen Knoblauch kam er überhaupt zu seinen Einsätzen in Ägypten. «Er erzählte mir von der Praxis, die er seit seiner Pensionierung 2009 im Spital in Naqada betreut. Er benötige dringend einen Schlafmediziner, hiess es.»

«Im hässlichsten Klotz der Stadt»

Knoblauch brauchte nicht viel Überredungskunst. «Zwei Tage nach meiner Pensionierung im November 2011 sass ich schon im Flieger nach Ägypten», sagt Zahn, der während 16 Jahren das Schlaflabor im Zürcher Rehazentrum Wald leitete. Seine Frau habe grosse Augen gemacht, als er so spontan verreist sei. Inzwischen habe sie sich daran gewöhnt und sei auch schon einmal mitgekommen. Zahn lebt in Ägypten zusammen mit Knoblauch in einer Wohnung fünf Gehminuten vom Spital entfernt. «Es ist der hässlichste Klotz der Stadt», sagt er und lacht. Im selben Gebäude wohnt weiteres Spitalpersonal.

«Zwei Tage nach meiner Pensionierung im November 2011 sass ich schon im Flieger nach Ägypten.»

Alfred Zahn

In diesen sechs Jahren hat Zahn bereits über 1000 Patienten behandelt. «Die meisten leiden an Asthma. Einige an Schlafapnoe, also krankhaftem Schnarchen, und vielen anderen Krankheiten wie etwa am Obesity-Hypoventilation-Syndrom.» Daran erkrankte Personen leiden an Atemnot, da sie aufgrund ihres Übergewichts ihre Lunge nicht mehr ausreichend mit Luft füllen können.

Zu Beginn seiner Arbeit hatte Zahn fast keine Patienten. «Es startete harzig. Aber nicht, weil niemand krank war, sondern weil die ägyptischen Ärzte diese Krankheiten nicht kannten und es somit auch keine Behandlung dafür gab.» Zahn und Knoblauch hielten Vorträge an verschiedenen Universitäten und Spitälern im Land, und nach und nach füllte sich ihre Klinik.

Unterstützt wird Zahn von zwei einheimischen Praxisassistenten. «Sie betreuen unsere Praxis, wenn wir nicht da sind. Sie sind für Administratives zuständig und nehmen Untersuchungen vor.» Oftmals telefonierten sie über Skype oder per Video-Anruf mit ihm. «So können sie mit Hilfe meiner Anleitung Patienten Behandlungen weiterführen», sagt Zahn.

Keine Nachfolge in Sicht

Sein Wunsch: «Es wäre schön, wenn wir irgendwann ägyptische Mediziner finden würden, denen wir unsere Praxis übergeben könnten.» Bisher gebe es aber keine Kandidaten. Das habe mit den Lebensumständen und der Lage der Stadt zu tun. «Ein junger Arzt will nicht nach Naqada ziehen. Die Infrastruktur ist schlecht. Die nächste Universität ist zwei Stunden entfernt. Es gibt keine geteerten Strassen. Die Stadt besteht aus Natur und Staub.» Selbst die Belegärzte am Nil Hospital lebten nicht in Naqada. «Sie kommen aus Kairo oder Asut und sind nur temporär im Einsatz», sagt Zahn.

«Ein junger Arzt will nicht nach Naqada ziehen.»

Alfred Zahn

Flugtickets und Ausgaben in Ägypten werden von der Mission am Nil, dem Träger des Spitals, oder von Sponsoren übernommen. «Technische Geräte oder Schlafmasken erhalten wir gratis von der Lugenliga Solothurn. Wir sind froh um die Unterstützung von Firmen und Stiftungen.» Man müsse aber schon haushälterisch mit den Spenden umgehen.

Wie im Märchen 1001 Nacht

Obwohl der Somnologe etwas Arabisch spricht und versteht, verständigt er sich mit seinen Patienten mit Hilfe eines Übersetzers. «Manchmal komme ich mir vor wie im Märchen 1001 Nacht. Als komme der ganze Orient in die Praxis», sagt Zahn. Er habe auch sehr viele westlich orientierte Patienten, etwa Anwälte oder Geschäftsleute. «Man trifft Krankheiten, die man in der Schweiz nur selten sieht.» So habe er während seiner Arbeit im Rehazentrum Wald nur zwei bis drei Patienten gehabt, die am Obesity-Hypoventilation-Syndrom litten. «Hier sind es drei bis sechs pro Jahr.» In der Schweiz würden derartige Krankheiten früher entdeckt. In Ägypten warte man viel länger bis man ins Spital oder zum Arzt gehe.

Und auch sonst sei das Vorgehen total anders. «Hier geht man zum Arzt, der verschreibt einem Medikamente. Wenn diese zu Ende genommen wurden, geht man zu einem anderen. Der verschreibt oftmals etwas anderes.» Eine Krankenakte oder Krankengeschichte, gebe es nicht. Fatal, findet Zahn. «Das kann für die Menschen tödlich sein. Wenn Medikamente nicht aufeinander abgestimmt sind und Leute zahlreiche Tabletten am Tag einnehmen, weil ihnen jeder Arzt ein anderes Mittel empfiehlt, ist das gefährlich.» Das eigentliche Leiden werde nicht ermittelt, nur die Symptome würden bekämpft.

Säckeweise Medikamente

«Ich habe eine übergewichtige Patientin, die am Obesity-Hypoventilation-Syndrom leidet und säckeweise Medikamente vorrätig hatte. Sie klagte über Husten. Ich habe herausgefunden, dass sie an Asthma, Diabetes und Bluthochdruck leidet.» Dank der gezielten Behandlung dieser Krankheiten gehe es ihr heute viel besser. «Im Sommer habe sie nicht einmal die paar 100 Meter zu Fuss zum Spital gehen können. Als ich im November in Naqada war, schaffte sie es. Sie hat heute eine bessere Lebensqualität.»Solche Momente seien schön. «Wenn man merkt, dass die Arbeit etwas nützt.» Zahn betont aber: «Ich habe kein Helfersyndrom.» Im Vordergrund stehe für ihn die spannende Arbeit, das Abenteuer.

«Ich habe kein Helfersyndrom.»

Alfred Zahn

Der zweifache Vater und dreifache Grossvater denkt aber noch lange nicht ans Aufhören. «Wir haben sehr viel Arbeit in die Praxis gesteckt. Es ist noch nicht Zeit, das Projekt zu beenden.» Bei jedem Besuch bringt Zahn seine gebrauchten Computer mit. Die spielen für sein nächstes Projekt eine wichtige Rolle. «Ich will eine Patientendatenbank schaffen. Einen IT-Programmierer habe ich schon gefunden.» Assistentin Mariam Adli könne die Patienten darin  eintragen. «Bisher haben wir die einzelnen Krankengeschichten separat in einem einfachen Textdokument festgehalten.» Das Problem sei die lateinische Schreibweise der arabischen Namen. «Mohamed kann man auf ganz verschiedene Arten schreiben. Je nach dem wie, ist der richtige Patient schwer zu finden.» Mit der Datenbank, die von einer Person betreut werde, sei das etwas einfacher.

Morgens auf dem Nil

Zahn sitzt auf der Bank des Kachelofens und nippt am Hibiskustee. Er blickt aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade über den verschneiten Hügeln unter. Er sei schon froh wieder zu Hause zu sein, sagt Zahn. «Meine Frau fehlt mir schon sehr, wenn ich dort bin.» Auf seine nächste Reise im Frühling freue er sich aber trotzdem. Vor allem auf das Rudern mit Kollege Andreas Knoblauch. «Wir haben immer davon geträumt, auf dem Nil zu rudern. Vor ein paar Jahren haben wir damit angefangen.» Jeden Morgen bevor die beiden die Praxis öffnen, gehen die Mediziner zum Fluss. «Die Leute kennen uns langsam. Ein Fischer stellt uns die Boote zur Verfügung», sagt Zahn. Es gebe nichts Schöneres, als am Morgen eine Stunde auf dem Nil zu verbringen.

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